Serie: Eisenbahngeschichte(n) im Landkreis Göppingen (Teil 1) Mit Dampf, Diesel und Strom durchs Filstal

Von  

Erst die Eisenbahn hat den Raum Göppingen zu einem Industriezentrum werden lassen. Die Geschichte des Zugverkehrs in der Gegend wird schon seit Oktober in einer Ausstellung auf Schloss Filseck gezeigt. Jetzt gibt es auch ein Buch zu dem Thema.

Der Archivar Stefan Lang hat  die Ausstellung zur Eisenbahn-Geschichte im Kreis Göppingen  konzipiert – und jetzt ein Buch darüber veröffentlicht. Foto: Horst Rudel
Der Archivar Stefan Lang hat die Ausstellung zur Eisenbahn-Geschichte im Kreis Göppingen konzipiert – und jetzt ein Buch darüber veröffentlicht. Foto: Horst Rudel

Kreis Göppingen - Keine Frage: Ohne den Bau der württembergischen Zentralbahn durch das Filstal vor mehr als 170 Jahren wäre die wirtschaftliche Entwicklung im Raum Göppingen völlig anders verlaufen. Aber durch die Schienentrasse, die Heilbronn und Ulm miteinander verbinden sollte, wurde ein vormals eher von der Landwirtschaft und Handwerksbetrieben geprägtes Gebiet zu einem Zentrum der industriellen Fertigung.

Um die Streckenführung wurde zunächst hart gerungen. Eine Rems-Kocher-Brenz-Linie stand ebenfalls zur Debatte, bis ein Bericht der Fachingenieure vom 31. Mai 1844 an die staatliche Eisenbahnkommission für Klarheit sorgte: Das Papier machte unmissverständlich klar, „dass keine andere Strecke der württembergischen Eisenbahnen von der Natur so unverkennbar als Hauptader des Verkehrs bezeichnet ist, als die Filsthalbahn“.

Das Buch „Von Zeiten und Zügen“ erscheint an diesem Freitag

Unter dem Titel „Von Zeiten und Zügen“ hat der Göppinger Kreisarchivar Stefan Lang dieses Thema umfassend beackert. In einer Ausstellung auf Schloss Filseck werden die „Eisenbahngeschichte(n) im Landkreis Göppingen“ noch bis zum 6. Januar gezeigt. Am Freitag erscheint außerdem das gleichnamige Buch: Auf 356 Seiten wird die Bedeutung der Filstaltrasse und ihrer Nebenbahnen herausgearbeitet. 330 Abbildungen tun ein übriges, um die historischen Abläufe sowie die Hochs und die Tiefs über die Jahrzehnte hinweg bis in die heutige Zeit anschaulich nachzuzeichnen.

Eine wichtige Wirtschaftsroute sei das Filstal schon zuvor gewesen, betont Stefan Lang. „Durch die Bahnverbindung bis Süßen von Oktober 1847 an ist dann aber alles ganz schnell gegangen. Viele Firmen wurden gegründet, und mit den neuen Arbeitsplätzen haben sich auch die Einwohnerzahlen beispielsweise in Göppingen vervielfacht.“ Schon sehr bald habe es dann aber auch die Nebenbahnen gebraucht. „Die Menschen mussten ja zu ihren Betrieben kommen, und niemand konnte und wollte auf Dauer aus Wäschenbeuren, aus Wiesensteig oder aus dem Voralbgebiet zu Fuß zur Arbeit marschieren“, erklärt der 40-jährige Kreisarchivar.

So entstanden die Strecken für das „Boller Mariele“, für das „Gmünder Josefle“, für den „Tälesketter“ und für die „Lautertalbahn“. Diesen vier Nebenstrecken sowie der Hauptachse durchs Filstal mit ausgewählten Schwerpunkten, etwa der Geislinger Steige, wird unsere Zeitung in den nächsten Wochen eine kleine Serie widmen. Stefan Lang hat den „Zubringern“ reichlich Platz eingeräumt: „Das waren für die Güterbeförderung, aber vor allem für Arbeitspendler und für Tausende von Schülern wichtige Verbindungen.“

Die Klagen aus den 1970er Jahren gleichen denen von heute

Ob die Züge seinerzeit – und damit anders als heute – überwiegend pünktlich fuhren, vermag der Historiker zwar nicht zu sagen. Seine Recherchen hätten allerdings gezeigt, dass es schon immer irgendwelche Beschwerden gegeben habe. Zunächst sei wegen der rustikalen und ungeheizten Waggons geschimpft worden. „Wohl auch deshalb, weil es rund 20 Jahre gedauert hat, bis diese mit kleinen Ölöfen nachgerüstet wurden“, erklärt er schmunzelnd. Später habe man regelmäßig wegen übervoller Bahnen gejammert.

Die Klagen von den 1970er Jahren an, nachdem auch im Stauferkreis Jahr für Jahr immer mehr Autos zugelassen und benutzt wurden, erinnern wiederum stark an die aktuellen Probleme. Schon damals gab es Vorwürfe, dass die Bahn nichts mehr in die Infrastruktur investiere, dass immer weniger Personal eingesetzt werde, dass der Komfort zunehmend schlechter werde und dass es immer mehr Verspätungen gebe. Stefan Lang spricht von einem „Ausbluten-Lassen“. So sei es letztlich nicht mehr als eine Frage der Zeit gewesen, bis 1989 auch die letzte Nebenstrecke nach Boll stillgelegt wurde.

Für den Bahnverkehr gewidmet ist diese Trasse – sowie auch die nach Schwäbisch Gmünd – allerdings noch. Ob dort aber jemals wieder Züge fahren werden, ist eine völlig andere Sache. Und wie die Entwicklung auf der Filstalbahn weitergeht? In gut 170 Jahren weiß man gewiss mehr.