Serie: Eisenbahngeschichte(n) im Landkreis Göppingen (Teil 2) Wenn eine Drehscheibe immer „lotterhafter“ wird

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Die Bahn und das Filstal: Wir blicken zurück, wie das neue Buch „Von Zeiten und Zügen“ – sowie ins Hier und Jetzt. Im zweiten Teil geht es um den Göppinger Bahnhof.

Um das Jahr 1900 ist der Platz vor dem  Göppinger  Bahnhof  ein beliebter Aufenthaltsort gewesen... Foto: Kreisarchiv
Um das Jahr 1900 ist der Platz vor dem Göppinger Bahnhof ein beliebter Aufenthaltsort gewesen... Foto: Kreisarchiv

Kries Göppingen - Der Göppinger Bahnhof hat im Laufe seines Bestehens schon viele Beschreibungen verpasst bekommen. Die Bandbreite reicht von Meisterbauwerk oder Drehscheibe bis hin zu Moloch oder Schandfleck. Und ganz gleich, ob über das frühere Gebäude gesprochen wurde, das bis Anfang der 1960er-Jahre seinen Dienst verrichtet hat, oder über den „Neubau“, der 1964 eröffnet wurde: die Einschätzungen gingen oft auseinander.

Groß und fast ungeteilt war die Freude indes am 11. Oktober 1847, als die „ersten ordentlichen Züge“, wie es damals hieß, an der neuen Station der württembergischen Zentralbahn, die Bietigheim (heute Kreis Ludwigsburg) mit Süßen verband, Halt machten. Die Feierlichkeiten in Göppingen wurden mit Böllerschüssen, dem Aufstellen der Stadt- und Zunftfahnen sowie von Auftritten einer Kapelle der Königlich-Württembergischen Garde umrahmt. Die Bahnbegeisterung war so groß, dass – heute würde man von einem gelungenen Merchandising sprechen – „Eisenbahn-Kappen“ mit dem württembergischen „W“ sowie Kronen und Lokomotiven einen reißenden Absatz fanden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ort des Schwarzmarkts

In der Tat geriet der Bahnhof der Hohenstaufenstadt im Laufe der Jahrzehnte zu einem Knotenpunkt: und zwar für Mensch und Material. Die Dampfloks brachten Waggons voller Rohstoffe, mit denen die Dampfmaschinen der rasch wachsenden Industrieunternehmen angetrieben wurden, ebenso nach Göppingen wie die Arbeiter, die dafür sorgten, dass die Maschinen auch liefen. Sukzessive musste der Bahnhof erweitert werden, unter anderem um eine Güterabfertigung. Um das Transportaufkommen bewältigen zu können, entstand ein gutes Stück östlich ein zusätzlicher Rangier- und Güterbahnhof, eine der größten derartigen Anlagen in Württemberg überhaupt.

Auch später, in den Krisen- und Kriegszeiten, spielte der Göppinger Bahnhof eine wesentliche, wenn auch selten positive Rolle: Soldaten wurden von hier aus an die Front geschickt sowie jüdische und andere bei den Nazis in Ungnade gefallene Mitbürger in die Konzentrationslager gebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg strandeten Flüchtlinge und Heimatvertriebene, Heimkehrer und Kriegsgefangene an der Station, die sich zudem zum Ort des Schwarzmarkts wurde.

Die Stadt hat sich bislang vergeblich darum bemüht den Bahnhof zu kaufen

Geschimpft über den „lotterhaften Zustand“ des Gebäudes wurde immer wieder, bis am 27. Mai 1964 das von Hellmut Kasel geplante neue Empfangsgebäude eröffnet werden konnte. Von Verschmutzungen, weggeworfenem Müll und Zerstörungen blieb aber auch dieses nicht verschont, und so ergingen immer wieder Appelle an die Bahn, doch für eine Instandhaltung und Sanierung zu sorgen.

Mittlerweile hat die Stadt Göppingen, die Gestaltung des Vorplatzes in die eigene Hand genommen. Auch das Bahnhofsgebäude wollte die Kommune kaufen, stieß aber bei immer wieder wechselnden Ansprechpartnern stets auf taube Ohren. Erst jüngst scheiterte ein weiterer Vorstoß, so dass sich der Bahnhof ins Drumherum künftig wohl immer weniger einfügen wird.