Serie: Eisenbahngeschichte(n) im Landkreis Göppingen (Teil 8) Boller Bahn ist noch lange nicht Geschichte

Von Lena Hummel 

Die Bahn und das Filstal: Wir blicken zurück, wie das neue Buch „Von Zeiten und Zügen“ – sowie ins Hier und Jetzt. Im letzten Teil unserer Serie geht es um eine Bahnstrecke, die womöglich eines Tages zu neuer Blüte erwacht.

Am Boller Bahnhof liegen  die Gleise bis heute. Der Verein „Ein neuer Zug im Kreis“ kämpft für die Reaktivierung der Strecke. Foto:  
Am Boller Bahnhof liegen die Gleise bis heute. Der Verein „Ein neuer Zug im Kreis“ kämpft für die Reaktivierung der Strecke. Foto:  

Kreis Göppingen - Im alten Boller Bahnhof gehen die Menschen noch immer ein und aus. Aber nicht, um mit dem Bähnle in Richtung Göppingen zu fahren, sondern um in dem heutigen Gästehaus als Urlauber, Geschäftsreisende oder Seminarteilnehmer zu übernachten. Rosa Zeiten heißt die Pension, die Andrea Beucher vor einem Vierteljahrhundert eröffnet hat. Früher hatte die Deutsche Bahn mit dem Slogan rosarote Zeiten geworben, deshalb hat sich die Inhaberin für diesen vielversprechenden Namen entschieden.

Neben Boll und Göppingen bediente die Boller Bahn, die im Jahr 1926 eröffnet und auch als Voralbbahn bezeichnet wurde, die Bahnhöfe in Dürnau, Heiningen, Eschenbach, Schlat, St. Gotthardt und Holzheim. Das war zunächst anders geplant gewesen: Ursprünglich war vorgesehen, die Gleise von Göppingen über Faurndau, Jebenhausen und Hattenhofen nach Boll zu führen. Doch schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Überlegungen, die Strecke bis nach Kirchheim über Weilheim weiterzuführen.

Der Verein „Ein neuer Zug im Kreis“ will nicht nur die Boller Bahn zurück

Ein Ziel, das der Verein „Ein neuer Zug im Kreis“ bis heute verfolgt: „Wir wollen nicht nur die Reaktivierung der Strecke bis Boll, sondern auch die Weiterführung bis Kirchheim, wie es eigentlich schon 1926 geplant war“, sagt Dieter Vetter, der Vorsitzende des Vereins. Sowohl die Gleise der ehemaligen Boller Bahn als auch die Gleise der Bahn, die einst zwischen Weilheim und Kirchheim verkehrte, sind – zumindest weitestgehend – noch heute erhalten.

Vetter und die anderen Vereinsmitglieder schneiden die Gleise immer wieder von Bewuchs frei. „Damit sie sichtbar bleiben und die Strecke nicht in Vergessenheit gerät“, erklärt der 67-Jährige aus Bad Boll. Bei einer ähnlichen Aktion im vergangenen Jahr in Dürnau sei es zu Problemen mit Anwohnern gekommen. Diese hätten sich durch die auf dem alten Bahndamm wild wuchernden Hecken sicher gefühlt und die Gleise mit allen möglichen Gegenständen zugestellt. Trotz solcher Vorkommnisse lässt sich der Verein nicht von seinem Ziel abbringen. Seit mehr als 20 Jahren engagiert er sich für die Reaktivierung der Boller Bahn und seit einiger Zeit auch für die Verbindung der Strecke mit der ehemaligen Weilheimer Bahn.

400 Millionen Euro für die Reaktivierung

Im Moment tut sich aber nicht sehr viel. Laut Vetter liegt eine Untersuchung zur Strecke, die der Kreis in Auftrag gegeben habe, beim Landratsamt. Vor zwei Jahren sei an der Universität Stuttgart außerdem eine Masterarbeit entstanden, die zeige, dass die Reaktivierung­ bis Kirchheim 400 Millionen Euro koste. Doch das sei absolut tragbar, findet Vetter. Auf die Arbeit warte der Vereinsvorsitzende aber vergeblich. Ein weiteres Problem: Einst verliefen die Gleise nach dem Boller Bahnhof weiter in Richtung des heutigen Restaurants Löwen, wo sich der Boller Güterbahnhof befand. „Die Gleise wurden aber bis zum Bahnhof zurückgebaut, und die Strecke wurde bebaut. Man ging davon aus, dass da eh kein Zug mehr fährt“, sagt Vetter. Das erschwert die Reaktivierung in Richtung Weilheim zusätzlich.

Dabei würden die Bewohner des Voralbgebiets von der Bahn aus mehreren Gründen profitieren, da ist sich Vetter sicher. Einerseits, gäbe es nicht mehr so viel Durchgangsverkehr in den Ortschaften, die sich entlang der Bahntrasse befinden. „Wenn es einen vernünftigen Fahrplan gibt, dann wird die Bahn auch angenommen“, sagt er. Andererseits bestünde eine direkte Bahnverbindung nach Stuttgart. „Und es zeigt sich ja, dass viele mit dem Auto nach Kirchheim fahren und von dort aus die S-Bahn nach Stuttgart nutzen.“ Dem Verein gehe es darum, einen Anschluss der Strecke an den Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) zu erzielen. Das bedeute nicht, dass die Bahn dauerhaft im Zehnminutentakt fahren müsse, aber während des Berufsverkehrs sei eine angemessene Taktung nötig.

Die Landschaft profitiert

Nutzten mehr Menschen die Bahn, würde weniger Landschaft durch Parkhäuser und Parkplätze zerstört, argumentiert Vetter weiter. Gleichzeitig gibt er zu: „Ich fahre selbst viel mit dem Auto, weil es einfach umständlich ist, mit dem Bus nach Göppingen zu kommen.“ Ziel müsse es deshalb sein, „die S 1 bis Göppingen durchzuschieben“. Deshalb und weil laut Vetter in der Bevölkerung gerade ein Umdenken stattfindet, kämpft der Verein weiter. „Ich selbst werde die Reaktivierung aber nicht mehr erleben“, sagt er.

Doch wie sich die Trasse auch entwickeln wird, Andrea Beucher muss nicht um ihre Gaststätte Rosa Zeiten bangen. „Große Bahnhöfe wie es sie früher gab, braucht es heute nicht mehr“, sagt Vetter. Wenn die Bahnen genau getaktet seien, genügten vernünftige Unterstände. Angesehen davon sei eine Haltestelle am ehemaligen Boller Bahnhof ohnehin nicht vorgesehen. Stattdessen seien Haltepunkte am Restaurant Löwen und in der Gegend Wala/Kurhaus angedacht.