Serie Endstationen: Botnang Fußball trifft auf Wanderlust

Von Melanie Maier 

Während der WM 2006 pilgerten viele Fußballfans regelrecht nach Botnang, um in der Bäckerei Klinsmann Leckereien wie Amerikaner in Trikot-Form zu kaufen. Beliebt ist der Stuttgarter Bezirk aber nicht nur zu WM-Zeiten.

Mit dieser Bildmontage feierte das Animationsstudio Flux den Fußballspieler Jérôme Boateng nach seinem Fallrückzieher im EM-Spiel gegen die Ukraine 2016 (2:0). Foto: Maximilian Zenk, Studio Flox 12 Bilder
Mit dieser Bildmontage feierte das Animationsstudio Flux den Fußballspieler Jérôme Boateng nach seinem Fallrückzieher im EM-Spiel gegen die Ukraine 2016 (2:0). Foto: Maximilian Zenk, Studio Flox

Stuttgart - Eine gewisse Bekanntheit, auch über die Stadtgrenzen Stuttgarts hinaus, erlangte Botnang 2006, dem Jahr des Sommermärchens. Dem Jahr, in dem Deutschland als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft glänzte und der Bundestrainer nicht Jogi Löw, sondern Jürgen Klinsmann hieß. Klinsmann war es denn auch, der dem Bezirk zwischen Kräherwald und Feuerbacher Tal vor mehr als zehn Jahren zahlreiche neue Gäste bescherte. Oder vielmehr: sein Name war es.

Klinsmann – so heißt eine Bäckerei in Botnang. Und tatsächlich ist der Inhaber nicht einfach nur ein Namensvetter des ehemaligen Bundestrainers. Es ist Jürgens älterer Bruder Horst, der mit seiner Frau Barbara den Laden betreibt. Zur Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land boten die beiden ihren Kunden Amerikaner in Trikot-Form an und, nach dem Spiel gegen Brasilien, Quarkteile mit den Zuckerguss-Zahlen „7:1“, dem Endergebnis. „Die gingen hammermäßig weg“, erinnert sich Barbara Klinsmann im Pausenraum der Bäckerei. „Die Fans sind quasi hergepilgert.“

Barbara Klinsmann würde nirgendwo anders lieber wohnen

Inzwischen habe sich der Fußball-Hype gelegt, sagt die 55-Jährige, ihr Schwager Jürgen sei ja auch schon lange nicht mehr Bundestrainer. Statt süßen Stückchen mit Fußball-Muster liegen im Verkaufstresen nun wieder Flachswickel, Butter-Brezeln und Dinkel-Kürbis-Brötchen. Die Kundschaft reist nicht mehr von weit her an, sondern kommt hauptsächlich aus dem Ort – Senioren im Ruhestand sowie jüngere Mütter und Väter in Elternzeit. Eine junge Laufkundschaft gebe es kaum, sagt Barbara Klinsmann: „Die jungen Leute arbeiten vorwiegend nicht in Botnang.“ Der rund 13.000 Einwohner starke Stadtbezirk bietet zwar eine gute Anbindung nach Stuttgart, aber selbst nur wenige Arbeitsplätze.

Barbara Klinsmann würde dennoch nirgendwo anders lieber wohnen. „Wir haben zwar nicht so einen malerischen Stadtkern wie in Zuffenhausen, aber ich mag den dörflichen Charakter von Botnang und ich mag die Leute“, sagt sie. „Durch das Geschäft kenne ich fast jeden, der hier wohnt.“

Zum Klinsmann-Cup, dem jährlichen Turnier des ASV Botnang für die Fußball-Junioren, bringt die Bäckerei Klinsmann Brötchen, „auch den Kleintierzuchtverein haben wir schon beliefert“, sagt Barbara Klinsmann. Botnang, meint sie, lebe von den vielen Vereinen: „Jeder hat im Sommer sein Fest und beim Feuerwehrfest, im Herbst, kommen alle zusammen.“

„Das kleine Abbild Stuttgarts“

Botnang – ein Bezirk nur für die Einwohner? Dieses Schicksal teilt Botnang wohl mit den meisten Stadtbezirken Stuttgarts. Wer als Besucher dorthin kommt, möchte meist nicht den Ortskern ansehen – den Marktplatz, die Auferstehungskirche, die drei ortsprägenden Straßen Eltinger Straße, Furtwänglerstraße und Himmerreichstraße. Er kommt, um weiterzugehen, zu den Ausflugszielen in der Nähe: Birkenkopf, Bärenschlössle, Schloss Solitude.

Von der Stadtbahn-Endhaltestelle kann man alle drei gut zu Fuß erreichen, wie eine Tafel mit Wanderwegen am hinteren Ende der Haltestelle, Richtung Wald, zeigt. In Jeans und blauem Hemd steht Botnangs Bezirksvorsteher Wolfgang Stierle an einem bewölkten Vormittag neben der Tafel. Er deutet auf einen der eingezeichneten Wanderwege. „In einer guten Stunde ist man am Schloss Solitude, das ist ein schöner Spaziergang“, sagt er. „Wer nicht so weit laufen möchte: Das Kneipp-Becken im Wald ist in zehn Minuten erreichbar. Von da aus kann man zum Schwarz- und Rotwildgehege laufen, und weiter bis zum Bärenschlössle.“ Auch zum Birkenkopf, dem 511 Meter hohen „Monte Scherbelino“, brauche man nicht lang. „Nirgendwo hat man eine schönere Sicht auf Stuttgart“, schwärmt Stierle. „Außer vielleicht auf dem Fernsehturm.“

Stierle ist in Botnang aufgewachsen, hat später noch viele Jahre in dem Stadtbezirk gewohnt. Botnang selbst, das ist für den 51-Jährigen „das kleine Abbild Stuttgarts“, wegen seiner Kessellage. Einen Vorteil gegenüber der Großstadt hat der Bezirk drei Kilometer westlich des Stadtkerns jedoch: Während sich die Stuttgarter im Sommer oft mit drückender Hitze quälen, strömt in Botnang ständig frische Luft von den ringsum liegenden Waldhängen ins Ortsinnere. Mit ein Grund dafür, dass der Bezirk längst zu einem „teuren Pflaster“ geworden ist, wie selbst Wolfgang Stierle unumwunden zugibt: „15 Minuten braucht man mit der Bahn in die Stadt, 15 Minuten zu Fuß in den Wald. Hier hat man alles – wenn man es sich leisten kann.“

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