Serie Endstationen: Fellbach Automaten-Obst und enge Gassen

Von Sarah Utz 

Obst und Gemüse zieht man sich am Automaten, der nächste Weinberg liegt direkt vor der Nase. Fellbach ist ein Wengerter Städtchen mit sehr zufriedenen Bewohnern – die ab und an etwas Wehmut plagt.

1986 löste die Stadtbahn die Straßenbahn in Fellbach ab. Foto: Sarah Utz 10 Bilder
1986 löste die Stadtbahn die Straßenbahn in Fellbach ab. Foto: Sarah Utz

Fellbach - Erika Bihler schließt an diesem frostigen Mittwochmorgen die Tür der Lutherkirche auf, die direkt an der Endstation, am südlichen Ende des lang gezogenen Herzens von Fellbach gen Himmel ragt. Hier, direkt neben dem Marktplatz, pulsiert an manchen Tagen das Leben, an den meisten aber bringt die Stadtbahn es weg ins benachbarte Stuttgart.

Vor 40 Jahren ist Erika Bihler mit ihrem Mann nach Fellbach gezogen. Sie glaubt, die Stadt blute über die letzten Jahren etwas aus: „Es gibt ja alles, auch noch ein paar schöne alte Geschäfte, wie die Buchhandlung oben an der Straßenecke, aber der Einzelhandel hat es schwer.“ Früher sei es besser gewesen. Früher, bevor die Straßenbahn durch die schnellere Stadtbahn ersetzt wurde. Den Umbau konnte sie damals aus dem Fenster beobachten, als sie mit ihrer Familie noch schräg gegenüber der alten Wendeschleife wohnte, die 1986 mit dem Bau des neuen Rathauses verschwand. Sie erinnert sich gut: „Damals schlugen die Wogen hoch. Solche gravierenden Veränderungen können sich viele nicht vorstellen.“

Die Stadtbahn verändert Fellbach

Die Schienen der Straßenbahn führten seit 1929 durch die Bahnhofstraße, einmal um die Lutherkirche herum und durch die Cannstatter Straße wieder Richtung Stuttgart. „Das mit der Schleife war eine tolle Sache“, erinnert sich ein Ur-„Fellbächer“. Dieter Seibold ist hier aufgewachsen – das unterscheidet die Fellbächer von den Fellbachern. Er kennt jedes Haus, jeden Oberbürgermeister seit seiner Jugend persönlich. Als Bauingenieur hat er die modernisierte Umgebung der Endstation teilweise mitgestaltet. Seibold muss schmunzeln, als er in seinem Alt-Fellbacher Büro durch Bücher mit Bildern der Stadt blättert: „In den beiden engen Kurven, hier auf der Südseite der Lutherkirche, musste die Straßenbahn immer ganz langsam fahren. Als es noch keine automatisch schließenden Türen gab, sind wir dann einfach noch schnell aufgesprungen um rechtzeitig zur Arbeit nach Stuttgart zu kommen. Vor allem die jungen Männer, die morgens lieber länger geschlafen haben.“

Mit der schnellen Verbindung ins Zentrum von Stuttgart kamen immer mehr Pendler. Die Bevölkerung wuchs – auf mittlerweile 44.000. Deshalb kam Umstellung auf die leistungsfähigere Stadtbahn im Jahr 1986 gelegen. „Aber dafür musste umgebaut werden, weil die neuen Stadtbahnen nicht um die scharfen Ecken kamen, Fellbach ist zu eng und verschachtelt“, erklärt Hans-Joachim Knupfer, Pressesprecher der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB). Der große Tag der Eröffnung war der 19. April 1986. Zwar war die Strecke der U3 die erste, auf der die neuen Stadtbahnen unterwegs waren, aber Fellbach bekam mit der U1 die erste Linie, die durch die Stuttgarter Innenstadt fuhr.

Das lang gezogene Herz von Fellbach

Und diese Strecke wird rege genutzt: Rund 8000 Menschen fahren laut Stadtanzeiger auf Fellbacher Gebiet täglich mit der U1. Nicht nur zur Arbeit sondern auch zum Shopping und Ausgehen geht es ins Stuttgarter Getümmel. Fellbach fehlen die Modegeschäfte und die Bars – überhaupt kann hier von einem echten Zentrum keine Rede sein. Der Stadtkern zieht sich entlang der alten Straßenbahnstrecke vom Endhaltepunkt der U1 über eineinhalb Kilometer entlang der Bahnhofstraße bis zum S-Bahnhof.

Trotzdem, wer sich rund um den Marktplatz umhört, wird feststellen: In Fellbach ist man sehr zufrieden mit dem was man hat. Das kulturelle Angebot sei toll für so ein kleines Städtchen und auch für Kinder und Jugendliche gebe es mit dem Skatepark und dem Spaßbad F3 etwas passendes. „Mit der guten Infrastruktur kommt man schnell überall hin“, heißt es einstimmig. Am Mittwochmorgen vor dem Rathaus ist auch Sven Morlock unterwegs. Er findet, dass sich der Weg in die Stadt zwischen den Kappelberger Weinreben und dem Oeffinger Neckarsteg für jeden lohnt. „Man bereut es nicht, auch mal bis zum Ende der Linie U1 durchzufahren. Hier gibt’s zum Beispiel die beste Currywurst. In der Wurstbraterei hier gleich um die Ecke“, schwärmt er.

Gemüse aus dem Automaten

Wurst ist nicht das einzige Lebensmittel-Highlight der Stadt. Tagsüber stehen in vielen Einfahrten und Garagen prall gefüllte Stände, an denen die Wengerter, Landwirte und Stückles-Besitzer ihre Ernte anbieten. Die Bezahlungen läuft auf Vertrauensbasis: Ein Schild zeigt den Preis an, der fällige Betrag wird in eine Kasse oder direkt in den Briefkasten geworfen. Wer tagsüber keine Zeit findet, kann sich rund um die Uhr an einem der beiden Automaten mit Äpfeln, Zwiebeln und Kartoffeln aus dem Remstal, frisch gepresstem Apfelsaft und hausgemachter Marmelade versorgen. Persönlicher geht es samstagvormittags auf dem Markt zu. Man trifft sich dort, das Leben brummt direkt neben der Endstation. Da gehen Freilandeier und Biobrote über die Theke, der Käsehändler verschenkt auch mal ein Extrastück Camembert zum Probieren.

An diesem Mittwoch ist es zu kalt für lange Schwätzchen und der Wochenmarkt hat zu. Die 22-minütige Fahrt vom Stuttgarter Hauptbahnhof zur Endstation Fellbach Lutherkirche „bietet sich aber immer für einen Ausflug an – für jeden der sich einen Moment Zeit nehmen, innehalten will“, findet Erika Bihler, die sich seit 40 Jahren hier wohlfühlt.

Hier geht es zum Serienüberblick: Endstationen – Eine Reise zum Ende der Schienen

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