Serie Endstationen: Ostfildern Wo die Bahn das Dorf zur Stadt macht

Von Carolin Klinger 

Wer an der Endhaltestelle Nellingen/Ostfildern ein verschlafenes Filderdorf erwartet, täuscht sich. Der Ort weist nicht nur die Spuren seiner ruhmreichen Vergangenheit auf, sondern ist auch mit der Zeit gegangen. Doch mit der Stadtbahn kamen auch Probleme.

Endhaltestelle Nellingen: Ein Platz zum Einkaufen, Sonnen oder Flanieren. Foto: Horst Rudel 10 Bilder
Endhaltestelle Nellingen: Ein Platz zum Einkaufen, Sonnen oder Flanieren. Foto: Horst Rudel

Ostfildern - Die Stadtbahn U7 kämpft sich die Weinsteige hoch, gräbt sich durch den Tunnel, vorbei an Waldau und Fernsehturm. Je näher sie der Endstation Nellingen/Ostfildern kommt, desto stärker verändert sich die Landschaft. Fuhr man eben noch vom Schlossplatz aus kommend durch Häuserschluchten, richtet sich der Blick nun auf weite Felder und Wiesen. Nur 26 Minuten vom Stuttgarter Zentrum entfernt, liegt die Endhaltestelle Nellingen/Ostfildern mitten auf den Fildern – und damit inmitten von Landwirtschaft und Natur.

Steigt man dann in Nellingen aus, erlebt man die nächste Überraschung: Der Stadtteil von Ostfildern hat kaum mehr Ländliches an sich. An der Haltestelle selbst erstreckt sich ein modern bebauter, belebter Platz, um den einige Läden und eine Bäckerei mit Café angeordnet sind. Nur wenige Meter weiter befindet sich die Hindenburgstraße – die wuselige Einkaufsmeile von Nellingen, auf der die Autos hupend im Stau stehen und sich Blumengeschäfte, Eisdielen, Dönerbuden und Kleidergeschäfte dicht an dicht aneinanderreihen. Seit im Jahr 2000 die Stadtbahn-Haltestelle, die von U7 und U8 angefahren wird, eingeweiht wurde, ist es auch für die Einwohner der Stadtteile Scharnhauser Park und Ruit einfacher geworden, zum Einkaufen nach Nellingen zu kommen.

Besondere geschichtliche Bedeutung

Auch durch kulturelle oder sportliche Angebote hebt sich Nellingen – mit seinen 10 000 Einwohnern der größte Stadtteil der Großen Kreisstadt Ostfildern – von den anderen Filderdörfern ab. Die besondere Bedeutung des großen Dorfs liegt schon in seiner Geschichte begründet. Denn im Jahr 1120 hatte Anselm von Nellingen seine Güter dem Kloster St. Blasien im Schwarzwald geschenkt. Dieses errichtete daraufhin in Nellingen eine Propstei – also einen Stützpunkt – um die Besitztümer in der Region verwalten zu können. Damit gewann Nellingen auch weit über den Ort hinaus an Bedeutung. Im Jahr 1649 fiel die Propstei im Tauschweg an die Württemberger und ein württembergisches Kameralamt wurde etabliert. Dieses existierte im Nellinger Klosterhof bis 1836. Dadurch bekam Nellingen erneut eine zentrale Funktion. Der historische Klosterhof zeugt auch heute noch von der ruhmreichen Vergangenheit Nellingens.

Die Idylle an der Endhaltestelle trügt

Heute bildet die Endhaltestelle einen zentralen und beschaulichen Platz: Vor der Cafétoria Panino haben sich einige Gäste in die Sonne gesetzt. Während zwei ältere Herren ihren Kaffee genießen, sitzen ein paar Tische weiter zwei junge Männer, die sich bei einer Cola unterhalten. Doch die Idylle trügt. „Kein Kommentar“, ruft eine Kundin der Bäckerei, als sie auf die Endhaltestelle Nellingen angesprochen wird. Um beim Verlassen des Ladens doch noch zu kommentieren: „Eine Katastrophe! Es ist schrecklich hier mit den Jugendlichen.“

Eine Angestellte der Bäckerei, die ihren Namen nicht nennen möchte, zuckt mit den Schultern: „Das sind Kinder. Die kommen von der Schule hier vorbei, es ist doch normal, dass sie etwas lauter sind“, sagt sie zur Erklärung. Nach kurzem Zögern fügt sie hinzu: „Einmal haben sie allerdings das Waschbecken in der Toilette der Bäckerei verstopft. Es stand alles unter Wasser. Das muss nicht sein.“ Zwei Gymnasien, eine Realschule und eine Werkrealschule hat der Stadtteil zu bieten. Rund 3000 Schüler – auch aus den benachbarten Orten Neuhausen und Denkendorf – besuchen diese Schulen. Viele von ihnen nutzen die Stadtbahn – und zum Leidwesen der Anwohner und Laden-Besitzer auch die Endhaltestelle.

Tim Deuschle kann davon ein Lied singen. Er führt in direkter Nachbarschaft zur Bäckerei Panino die Fahrschule MTV direkt an der Endhaltestelle. Seit elf Jahren arbeitet er dort, seit sechs Jahren ist er der Besitzer. In Nellingen kennt er sich bestens aus, schließlich ist er hier auch aufgewachsen. Tatsächlich sei es ein Problem, sagt der Fahrlehrer, dass sich Gruppen von Jugendlichen an der Haltestelle treffen, dort herumhängen, laut Musik hören und ihren Müll in der Nachbarschaft verteilen. „Da kommt es auch immer wieder zu Schlägereien. Sie sind zu jeder Tag- und Nachtzeit an der Haltestelle. Das nervt“, sagt Deuschle, der nicht nur als Fahrlehrer den Umgang mit jungen Menschen gewöhnt ist. In seiner Freizeit ist er auch Fußballtrainer in Nellingen. „Bis zum Bau der Stadtbahn gab es hier die Sportplätze und die Turnhalle des TV Nellingen. So ein Treff fehlt den Jugendlichen heute.“

Ist die Endhaltestelle ein Platz wie jeder andere?

Bei der Stadt Ostfildern sieht man dagegen kein Problem: „An der Endhaltestelle in Nellingen ist die Situation vergleichbar mit anderen Stellen in der Stadt, an denen sich Jugendliche treffen“, sagt Christof Bolay, Oberbürgermeister der Stadt Ostfildern. Nach seiner Beobachtung seien die jungen Leute nicht auf die Endhaltestelle fixiert, die Plätze wechselten ständig. „In Ostfildern sind auch Streetworker im Einsatz, die die Jugendlichen ansprechen.“ Dabei werde auch das Thema Müll thematisiert und Müllsäcke verteilt.

Ob das Eindruck auf die Jugendlichen macht, bezweifeln Laden-Besitzer und Anwohner der Endhaltestelle jedoch. Die Stadtbahn hat die Stadt auf den Fildern städtischer gemacht – doch mancher Einwohner sehnt sich nach der Zeit zurück, als an dem zentralen Platz statt der Endhaltestelle eine alte Turnhalle stand.