Serie Endstationen: Untertürkheim Ein „Schandfleck“, der zum Verweilen einlädt

Von Nora Chin 

Die Stadtbahnlinie U4 endet am Karl-Benz-Platz in Untertürkheim – ein Ort, der als einer der Müll-Hotspot in Stuttgart gilt. Wir haben uns an diesem stark frequentierten Ort umgesehen.

Die Stadtbahn der Linie U4 endet am Karl-Benz-Platz in Stuttgart-Untertürkheim. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 13 Bilder
Die Stadtbahn der Linie U4 endet am Karl-Benz-Platz in Stuttgart-Untertürkheim. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Ungewohnt wenig los ist an diesem schwülen Tag im August am Karl-Benz-Platz in Stuttgart-Untertürkheim. Die gelb, rot und orange angestrichenen Sitzbänke sind verwaist, nur eine Handvoll Menschen wartet am Bahnsteig auf die nächste Stadtbahn; vereinzelt überqueren Passanten den Wilhelm-Wunder-Steg, der sich in nahezu alle Himmelsrichtungen über den Platz spannt. Es sind Sommerferien. Und das fällt sofort auf beim Aussteigen aus der Stadtbahn an der Endhaltestelle der Linie U4, die direkt an den Platz grenzt.

Denn eigentlich ist man hier an einem der meist frequentierten Orte in Untertürkheim angekommen: Der Karl-Benz-Platz direkt am Untertürkheimer Bahnhof ist der Verkehrsknotenpunkt im Stadtbezirk am östlichen Rand Stuttgarts. Hier verkehren die Stadtbahnen U4 und U13, die S-Bahn-Linie 1, die Busse der Linie 60 und 61 sowie die R1, bekannt als „Schusterbahn“.

Direkt an der stark befahrenen Benzstraße gelegen ist der zentrale Platz ein Über- und Durchgang für jene, die zum Daimlerwerk, zu den Haltestellen, zum Inselbad oder zum Ruderclub müssen, die aus dem Zentrum oder dem Lindenschulviertel kommen. Kaum ist Mittagspause in den Schulen angesagt, strömen die Kinder und Jugendlichen in Richtung Stadtkern – entweder auf dem Weg nach Hause oder um sich einen Snack zu besorgen. Was allen gemein ist: sie kreuzen den Karl-Benz-Platz. Hier ist es dementsprechend laut und oftmals dreckig.

Nicht immer geht es hier friedlich zu

Vor allem an Tagen, an denen der VfB Stuttgart ein Heimspiel hat, kann es hier richtig zur Sache gehen. Dann steigen Scharen von Fußball-Fans aus den Bussen und Bahnen, gönnen sich noch das ein oder andere Bier im Bistro „Drehscheibe“, am gegenüberliegenden Kiosk oder in der nahegelegenen VfB-Kneipe „Zum Vogel“, um dann zu Fuß zur etwa zwei Kilometer entfernten Mercedes-Benz-Arena zu pilgern. Und nicht immer geht es friedlich zu. Vor dem Derby der Roten gegen den Karlsruher SC im April dieses Jahres etwa war der Karl-Benz-Platz fest in der Hand der blau-weißen Gäste, die dort Feuerwerkskörper abbrannten.

Lesen Sie hier: Selbstversuch als Stadtbahnfahrerin – um einen Einblick in die Arbeit der Stadtbahnfahrer zu bekommen, hat unsere Redakteurin Dominika Jaschek eine Stadtbahn-Fahrstunde genommen.

Der zentrale Platz gilt als einer der Müll-Hotspots in Stuttgart. Davon zeugen auch die Schilder, die an den Mülleimern angebracht wurden. „Bin für jeden Dreck zu haben“ steht hier geschrieben. Oder: „Gib meinem Hängen einen Sinn“. Die drei Herren von der Abfallwirtschaft in Stuttgart sind an diesem Vormittag in den Sommerferien jedoch schnell fertig mit ihrem Geschäft. Mit Zangen picken sie hier und da Abfall von der Grünfläche und den gepflasterten Wegen auf, nach wenigen Minuten sind die Herren in Orange wieder verschwunden.

Wenige Meter davon entfernt, am Bahnsteig der U4, sitzt eine ältere Dame im hellblauen Kostüm. Sie sei mit der Buslinie 60 aus Fellbach gekommen, erzählt sie. Nun warte sie auf die Stadtbahn Richtung Neckartor, die sie nach Ostheim zum Arzt bringen soll. Zwei Bahnen lässt sie verstreichen. Sie habe noch etwas Zeit und wolle lieber hier als in der Praxis warten, erklärt sie.

Urban Gardening Mitten in Untertürkheim

Dass der Platz rund um die Haltestellen durchaus auch zum Verweilen einlädt, dafür sorgt die Gestaltung, für die sich eine Bürgerinitiative verantwortlich zeigt. Vor einiger Zeit haben die Untertürkheimer hier die Sitzbänke bunt bemalt und einen Reifengarten angelegt: In 25 Lkw-Reifen wurden Sonnenblumen, Lavendel, Stiefmütterchen, Tomaten und vieles mehr gepflanzt – Urban Gardening Mitten in Untertürkheim.

Seither wächst, grünt und blüht es an diesem Dreh- und Angelpunkt in Untertürkheim, den der ein oder andere schon als „Schandfleck“ bezeichnet hat. Und prompt stürmen die Menschen nicht nur einfach über den Platz zur Arbeit, Bahn oder nach Hause, sondern bleiben stehen oder setzen sich – und genießen unter anderem den schönen Blick auf den Württemberg mit seiner Grabkapelle, den man von der ein oder anderen Stellen aus erhaschen kann.

Wir haben uns an der U4-Endhaltestelle Untertürkheim umgesehen und die Eindrücke in Fotos festgehalten. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!

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