Serie Endstationen: Waldfriedhof Vom Großstadttrubel in die Waldidylle

Von Bettina Künzler 

Die Seilbahn im Stuttgarter Stadtteil Heslach verbindet die beiden Endstationen Südheimer Platz und Waldfriedhof. Die Gründe für einen Besuch der Seilbahn sind vielfältig – ihren Gästen verdankt die Seilbahn ihren ungewöhnlichen Spitznamen.

Direkt an der Straße liegt die Talstation der Seilbahn am Südheimer Platz. Foto: Bettina Künzler 16 Bilder
Direkt an der Straße liegt die Talstation der Seilbahn am Südheimer Platz. Foto: Bettina Künzler

Stuttgart - „Südheimer Platz. Seilbahn. Zur Seilbahn bitte umsteigen“, ertönt es aus den Lautsprechern der Linie U21. Wer mit der Seilbahn fahren will, macht sich auf zu einem unscheinbaren Häuschen, einige Meter weiter, direkt am Straßenrand.

Während am Südheimer Platz die Autos vorbeirauschen, lässt man mit Betreten des Wartehäuschens den Lärm und die Hektik der Stadt hinter sich. Die Seilbahn wartet bereits. Beim Einsteigen in den alten Waggon knarzt das Mahagoniholz unter den Füßen. Der Wagenbegleiter der Seilbahn steht ganz vorne hinter dem Fahrpult. Per Funksignal gibt er seinem Kollegen in der zweiten Seilbahn, die oben am Waldfriedhof steht, Bescheid, dass es losgehen kann. Und mit einem Ächzen setzt sich die Standseilbahn ganz langsam in Bewegung.

Zum ersten Mal in Betrieb genommen wurde die Stuttgarter Standseilbahn von Heslach zum Waldfriedhof 1929. Die Bahn bewegt sich auf der 536 Meter langen Strecke mit rund elf Kilometern pro Stunde und war damals die Schnellste ihrer Art und die weltweit erste vollautomatische Seilbahn. Die beiden historischen Holzwagen werden auch heute noch nach dem Gewichtsausgleichsprinzip betrieben. Dabei sind an den beiden Waggons ein Tal- und ein Bergseil befestigt. Angetrieben werden die Stahlseile durch einen Elektromotor in der Bergstation. So bewegen sich beide Standseilbahnen immer gleich schnell und haben am Seil immer denselben Abstand.

Stadtbahnfahrer arbeiten als Wagenbegleiter

„Bis zu 74 Personen passen in einen Wagen“, erklärt der Wagenbegleiter. Dass die Bahn voll besetzt ist, komme bei schönem Wetter am Wochenende durchaus vor. Bei Bedarf setzt die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) dann Zusatzfahrten ein und die Bahn fährt öfter als im üblichen 20-Minuten-Takt den Berg hinauf. „Unsere Aufgabe ist es die Wagen abzufertigen, auf die Gäste zu achten und per Knopfdruck die Waggons in Fahrt zu setzen“, berichtet der Wagenbegleiter, der auch Stadtbahnen und die Zahnradbahn am Marienplatz fährt.

Ein morgendlicher Spaziergang gehört hier zum Dienst dazu: „Der Kollege, der morgens als erstes den Wagen begleitet, der oben am Waldfriedhof steht, muss die Strecke hinauf laufen“, so der SSB-Mitarbeiter. Dabei kontrollieren die Zuständigen, ob die Schienen frei sind und zum Beispiel keine Bäume oder Äste darauf liegen. An den Werktagen übernehme diese Aufgabe ein Techniker.

Die Seilbahn ist an diesem Vormittag fast leer und gleicht einer Geisterbahn, die bedächtig durch den Wald die starke Steigung hinauf ächzt. Auf der Hälfte der Strecke kommt der zweite Wagen entgegen, die beide Bahnen fahren an aneinander vorbei, die Wagenbegleiter grüßen sich und schon geht es das letzte Stück zwischen den Bäumen hindurch auf die Endstation Waldfriedhof zu.

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