Der Torhüter Jens Grahl durfte in fünf Lizenzspieler-Jahren beim VfB Stuttgart nur im Training die Bälle parieren. Foto: Archiv/Baumann
Torhüter Jens Grahl schlief als Kind mit einem Fritzle-Plüschtier, mittlerweile hat er das Stuttgarter Stadion auf dem Unterarm tätowiert. Richtig Fahrt nahm die Karriere des heutigen Frankfurters beim TSV Stuttgart-Münster auf, mit dem er einst ein legendäres Turnier gewann.
Jens Grahl hat wohl schon immer in VfB-Bettwäsche geschlafen. Das ist bei dem einstigen Torhüter des Stuttgarter Fußball-Bundesligisten anscheinend nicht nur eine Floskel, ist er als Kind doch mit einem Fritzle-Plüschtier im Arm eingeschlafen und stand früher selbst in der Cannstatter Kurve, um seinen Herzensclub anzufeuern. Mittlerweile ziert eine Tätowierung des Neckarstadions den linken Unterarm des gebürtigen Stuttgarters. Bereits bei den Bambini trug der inzwischen 36-Jährige das Trikot mit dem roten Brustring. Fahrt aufgenommen hat die Torhüterkarriere des heuer bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag stehenden Grahl einst beim TSV Stuttgart-Münster.
In der D-Jugend wechselte der in Stuttgart-Ost lebende Grahl an die Neckartalstraße. Aus einer personellen Not heraus ging der damalige Stürmer zwischen die Pfosten – und blieb dort. Auch wenn er als Torhüter nicht gesetzt war, wie sein damaliger Mitspieler Michael Bodendörfer berichtet: „Er hat sich damals einen Zweikampf mit Benjamin Seitz geliefert.“ Langfristig hat sich der ehrgeizige Grahl dann durchgesetzt. „Er war ein fröhliches und lebhaftes Kind. Uns gegenüber war er auch sehr kommunikativ“, erzählt Bodendörfer, der mittlerweile stellvertretender Abteilungsleiter in Münster ist.
Hin und wieder übernachtete Bodendörfer, der selbst später bei den Männern für den TB Untertürkheim und den TSV Münster in der Bezirksliga spielte, bei seinem Jugendfreund Grahl. „Jens hat früher Schlagzeug gespielt. Einmal hat er mir dann vorgetrommelt und mich aufgefordert, es nachzuspielen“, erinnert sich Bodendörfer. 1999 gewannen die beiden gemeinsam mit vier weiteren Münsterer Teamkollegen das legendäre Höfleswetzturnier auf einem Nebenplatz des Waldaustadions. Im Finale besiegten die unter dem Namen „Münster Soccer“ angetretenen Buben die aus der Region Calw kommenden „Schwarzwaldbomber“ mit 5:1. Bodendörfer lief dabei wie einst Franz Beckenbauer als Libero auf und verteilte die Bälle; Grahl stand nicht zwischen den Pfosten, sondern spielte auf dem Feld und erzielte im Endspiel einen Treffer. „Er konnte schon damals gut Fußball spielen und ist als Feldspieler nicht negativ aufgefallen“, sagt Bodendörfer.
Dass der heutige Keeper, dessen Kindheitsidol die italienische Torhüter-Legende Gianluigi Buffon war, auch mit dem Fuß am Ball gut war und ist, hat auch mit der Philosophie des langjährigen Münster-Jugendleiters Wilhelm Schulz zu tun. „Ich habe versucht durchzusetzen, dass es in der F- und E-Jugend keine festen Positionen gibt. Die Jungs sollten das Kicken lernen“, berichtet Schulz.
Jens Grahl trägt seinen früheren Mitspieler Michael Bodendörfer auf Händen. Foto: privat
An den kleinen Jens Grahl hat Schulz nur recht wenig Erinnerungen. An dessen Vater Peter dafür umso mehr. „Er war unheimlich engagiert. Hat viel organisiert wie Ausflüge und Jugendturniere. Ein ganz ruhiger und sachlicher Managertyp, keiner, der bei Spielen an der Seitenlinie reingeschrien hat“, berichtet der heutige Kassierer der Münsterer Fußballabteilung.
Peter Grahl sei, so ist aus dem Vereinsumfeld zu hören, jedoch durchaus ehrgeizig gewesen, was die Ambitionen seines Sprösslings betrifft. Entsprechend wechselte jener nach kurzer Zeit zur Sportvg Feuerbach – damals in Stuttgart die Nummer drei im Hinblick auf Jugendausbildung. Nach nur einem Jahr gelang Jens Grahl der Sprung zurück zum VfB Stuttgart, für den er bis zur U 17 spielte. Es folgten Stationen bei den Stuttgarter Kickers, der Spvgg Greuther Fürth, dem SC Paderborn und der TSG Hoffenheim – und von 2016 an, diesmal als Lizenzspieler, abermals der VfB.
Ein Pflichtspiel absolvierte der 1,92 Meter große Torhüter in fünf Jahren bei seinem Herzensclub keines, ehe es für ihn 2021 nach Frankfurt ging. Als Vertreter von Nationaltorhüter Kevin Trapp kam Grahl bei den Hessen in der Bundesliga, DFB-Pokal und Conference League bislang auf sechs Einsätze. Der Vertrag des dreifachen Vaters läuft noch bis 2026. Von Münster aus verfolgt der ein oder andere seine Karriere nach wie vor. Man hat den prominenten Sohn des Vereins dort nicht vergessen.
Serie „Fußball-Spurensuche“
Serie Heute sind sie auf der großen Fußballbühne unterwegs, teils bis zur Champions League. Wo und wie aber hat es für sie eigentlich einmal klein angefangen – noch vor 50 statt 50 000 Zuschauern? Noch als Nachwuchskicker statt als Profizirkus-Akteur? Unsere Lokalsportredaktion hat sich für prominente Namen mit Stuttgarter Wurzeln auf eine sportliche Spurensuche begeben. Die Ergebnisse stellen wir in loser Folge im Rahmen einer Serie vor. Teil fünf: Jens Grahl, einst TSV Münster, aktuell Ersatztorhüter bei Eintracht Frankfurt.