Serie „Fußball-Spurensuche“ Timo Werner – mit dem Traktor ging es einst zum ersten „Länderspiel“

Aktuell spielt Timo Werner (rechts) für Tottenham Hotspur. Es ist nach dem FC Chelsea seine zweite Station in England. Foto: dpa/Scott Heppell

Der ehemalige VfB-Profi begann seine Fußballkarriere beim TSV Steinhaldenfeld. Seine Jugendtrainer erinnern sich an den ehrgeizigen jungen Stürmer.

Sport: Marius Gschwendtner (mgs)

Das werden sie wohl alle nie vergessen: Zu ihrem ersten „Länderspiel“ fuhren Timo Werner und seine Teamkollegen im Anhänger eines Traktors. Nein, es war damals natürlich noch nicht die A-Nationalmannschaft. Mit der F-Jugend des TSV Steinhaldenfeld trat der heutige Profi der Tottenham Hotspur im Kleinwalsertal gegen eine örtliche Auswahl von österreichischen Jugendspielern an. Wie die Begegnung im Rahmen eines Wochenendausflugs auf die vereinseigene Hütte ausgegangen ist, daran kann sich Werners Jugendtrainer Markus Simon nicht mehr erinnern, „aber wir haben auf jeden Fall hoch gewonnen“, ist er sich sicher. An jenem Wochenende standen der Spaß und die Gemeinschaft mehr im Vordergrund als das Ergebnis.

 

Werner fiel bereits seinerzeit nicht nur wegen seiner langen blonden Haare und seiner aufgeweckten Art auf, sondern auch durch sein großes Talent. „Er war brutal schnell, hatte einen starken Schuss und war total ehrgeizig“, sagt Simon. Gemeinsam mit Bernd Fisel begleitete er den späteren Nationalspieler bei seinen ersten Schritten im Fußball. Weil Werners Vater Günther Schuh zu dieser Zeit Trainer der ersten Steinhaldenfelder Mannschaft war, meldete er seinen Filius im Verein an. „Sonst wäre er wahrscheinlich nie hier gelandet“, sagt Simon. Gewohnt hat die Familie nämlich auf der anderen Neckarseite im Stadtbezirk Münster.

Die ehemaligen Trainer des TSV Steinhaldenfeld beschreiben Timo Werner als aufgewecktes Kind. Foto: privat

Dort ging die Kunde, dass der Papa mit dem Sohnemann durch Sprints in den Weinbergen an dessen Schnelligkeit und Athletik gearbeitet habe. Auch Markus Simon kennt die Geschichten, die man sich auf den nahe gelegenen Fußballplätzen oder in den Besenwirtschaften noch heute erzählt. „Damals, als er ein kleiner Junge war, haben sie das aber nicht gemacht. Wenn, dann später“, sagt der frühere Fußballer des TSV Steinhaldenfeld. Wobei Läufe in den Weinbergen unter dem Trainer Schuh dann in jeder Saisonvorbereitung auf dem Plan standen, wie Bernd Fisel berichtet. „Ich kann es mir sehr gut vorstellen, Günther Schuh kannte jeden Winkel in den Weinbergen“, sagt er.

Unbestritten ist, dass das Vater-Sohn-Gespann schon früh an der Fußballkarriere des kleinen Timo feilte. Bereits mit drei Jahren sei der fußballverrückte Junge fast täglich mit seinem Vater auf dem Steinhaldenfelder Sportgelände unterwegs gewesen. „Sie haben schon immer seine Beidfüßigkeit trainiert“, weiß Simon. Zeitweise habe Werner nur noch mit links versucht zu treffen, um seinen „schwächeren“ Fuß zu verbessern. Dafür erhielt er sogar eine kleine Torprämie von seinem Vater. „Wenn er die Tore mit rechts auch honoriert hätte, dann hätte er sich wahrscheinlich einen zweiten Job suchen müssen“, sagt Fisel und lacht. Es wäre teuer geworden. Werner habe mindestens dreistellig getroffen, vermutet dessen früherer Trainer. Einer hat die Tore immer exakt gezählt: der junge Timo Werner selbst.

Nach seiner F-Jugend-Zeit wechselte der gebürtige Bad Cannstatter 2002 dann bereits zum VfB Stuttgart, für den er 14 Jahre lang spielte. Unter anderem mit Serge Gnabry, Jeremy Toljan und Joshua Kimmich wurde Werner 2011 deutscher Meister der B-Junioren. In den zwei Jahren darauf ballerte er sich sowohl in der B-Junioren-Bundesliga als auch bei den A-Junioren zum Torschützenkönig. Er kam jeweils auf 24 Saisontreffer. 2013 erhielt er zudem die Fritz-Walter-Medaille in Gold als bester deutscher Nachwuchsspieler seines Jahrgangs. Im Bundesliga-Männerteam debütierte der Abiturient des Untertürkheimer Wirtemberg-Gymnasiums im selben Jahr mit gerade einmal 17 Jahren und avancierte zum jüngsten Bundesliga-Torschützen der VfB-Vereinsgeschichte. Trainer damals: der wenig später entlassene Bruno Labbadia.

Höhepunkt Champions-League-Sieg

Steil und kerzengerade nach oben ging es für Werner dann allerdings nicht mehr. Seine Entwicklung stagnierte in einem nicht funktionierenden Team, der VfB stieg 2016 ab, und der Stürmer befand sich bei seinem Heimatclub in einer Sackgasse. Deshalb entschied er sich in jenem Sommer für einen Wechsel zu RB Leipzig. Dort nahm seine Karriere zunehmend an Fahrt auf. Bei den Sachsen wurde er zum A-Nationalspieler – ohne Traktor. 2020 wechselte er in die Premier League zum FC Chelsea, mit dem er sein bisheriges Karriere-Highlight feierte. In seiner ersten Saison mit dem Londoner Club gewann Werner die Champions League. Nach einer kurzzeitigen Rückkehr zu RB Leipzig ist er aktuell erneut nach England zu Tottenham Hotspur verliehen.

Auch wenn Markus Simon die Karriere seines ehemaligen Jugendspielers aufmerksam verfolgt hat, einen Anteil daran möchte er sich nicht zuschreiben: „Wir haben damals nur nichts kaputt gemacht, mehr aber auch nicht“, sagt er bescheiden und lacht.

„Fußball-Spurensuche“

Die Serie
Heute sind sie auf der großen Fußballbühne unterwegs, teils bis zur Champions League. Wo und wie aber hat es für sie eigentlich einmal klein angefangen – noch vor 50 statt 50 000 Zuschauern? Noch als Nachwuchskicker statt als Profizirkus-Akteur? Unsere Lokalsportredaktion hat sich für prominente Namen mit Stuttgarter Wurzeln auf eine sportliche Spurensuche begeben. Die Ergebnisse stellen wir in loser Folge im Rahmen einer Serie vor.

Zuvor schon erschienen
Serge Gnabry, Kenan Karaman, Moritz-Broni Kwarteng, Jeremy Toljan und Jens Grahl

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