Anhänger der Paleo-Diät sind überzeugt, dass sich auch ihre Stoffwechselwerte verbessern. Wissenschaftlich belegt ist das nicht. Dennoch sind die Foren voll von Menschen, die sich mit der Steinzeit-Ernährung besser fühlen.

Wissenschaft: Tanja Volz (vz)

Stuttgart - Es geht nicht darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel abzunehmen. Der Verlust von Fettpölsterchen wird eher als Nebeneffekt genannt, wenn man sich die Ansichten der neuen „Steinzeitmenschen“ im Internet durchliest: Die Anhänger der sogenannten Paleo-Diät, oder besser Paleo-Ernährung essen, was unsere Vorfahren in der Steinzeit auch schon gegessen haben. Weil es immer mehr dieser modernen Urmenschen gibt, sprießen Paleo-Restaurants wie Pilze aus dem Boden und Paleo-Kochbücher stehen in den Regalen der Buchhandlungen auf prominenten Plätzen. Die Lebenseinstellung wird auch auf den Sport übertragen. Nicht wenige der Anhänger kommen aus der sogenannten Quantified-Self-Bewegung – Menschen, die ihre Körperdaten dauerhaft aufzeichnen und per Computer analysieren, um besonders gesund zu leben.

„Ich habe soviel Energie wie schon lange nicht mehr und fühle mich pudelwohl“, sagt Larissa, und Jutta meint, dass ihre Haut „besser geworden ist“. Viele Anhänger glauben, dass ihre Stoffwechselwerte wie beispielsweise Blutfette, Blutzucker oder Stresshormone durch die Ernährungsumstellung optimiert werden. Und damit ihre Gesundheit. Somit sind die Blogs und Foren voll mit Kommentaren, die chronisch Kranke besser mit ihrer Krankheit leben lassen und gar die Heilung in Blick haben. Die wissenschaftlichen Beweise zu diesen subjektiven Kommentaren fehlen allerdings komplett.

Anhänger argumentieren mit der Evolution

Bei der Paleo-Ernährung geht es darum, sich wie die Menschen in der Steinzeit zu ernähren. Die Begründung: Die Veränderungen in der Ernährung der vergangenen Jahrtausende und Jahrhunderte waren so grundlegend und schnell, dass sich der menschliche Körper darauf nicht einstellen konnte. Denn die Evolution und damit eine dauerhafte Anpassung braucht Zeit, sehr viel mehr Zeit. Daher sollte sich der moderne Mensch ernähren wie einst die Jäger und Sammler, so der amerikanische Begründer dieser Ernährungsform Loren Cordain. „Die Altsteinzeit war bisher mit 2,5 Millionen Jahren die längste Entwicklungsphase in der menschlichen Geschichte. Es ist daher berechtigt anzunehmen, dass genügend Zeit vorhanden war, um sich genetisch optimal an die Lebensbedingungen und die damalige Ernährung anzupassen. Während der letzten 10 000 Jahre, vor allem aber seit der industriellen Revolution hat sich unsere Kultur dramatisch verändert. Unsere Gene konnten sich in dieser kurzen Zeit nicht optimal anpassen“, lautet die Begründung der Paleophilsophie. Die Folge davon seien Zivilisationskrankheiten wie etwa Fettleibigkeit und Artherosklerose.

Die Ernährung der Steinzeitmenschen basierte vermutlich auf nicht kultiviertem Gemüse, gefangenem Wild und Fisch, gesammelten Nüssen, Samen und Pilzen und Obst je nach Saison, vor allem Beeren. Die Hauptbestandteil der Ernährung waren daher Proteine und Fette. Übertragen auf die Ernährung gemäß der Steinzeitmenschen heißt dies: Fleisch, Fisch, Eier und Obst stehen auf dem Speiseplan, tabu sind Milchprodukte, Süßigkeiten und künstliche Zusatzstoffe, ebenso wie Alkohol.

Diät gefährdet ausgewogene Ernährung

Der Verzicht auf Süßigkeiten und Alkohol kann auch von Ernährungswissenschaftlern nur gelobt werden. Allerdings kritisieren Ernährungsexperten den hohen Fleischkonsum und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ordnet die Paleo-Ernährung als Diät ebenso als zu einseitig ein, wie etwa Intervallfasten, Entgiftungsdiäten oder Basenfasten. Eine derartige Diät gefährde die ausgewogene Nährstoffzufuhr. Zudem sei die Annahme, dass nur die Gene das Ernährungsverhalten prägen zu einseitig. „Viele Faktoren wie das Erlernen bestimmter Verhaltensmuster, die Prägung durch das soziale Umfeld sowie physiologische Mechanismen beeinflussen unsere Ernährungsweise“, so die DGE in einer Mitteilung. Zudem habe die Ernährung in der Steinzeit so stark variiert, dass nicht von „der“ Steinzeiternährung gesprochen werden könne.

Die Ernährungswissenschaftler Alexander Strohle und Andreas Hahn von der Universität Hannover haben sich in einem Übersichtsartikel mit der Steinzeitdiät beschäftigt und bezeichnen die angeführten positiven Wirkungen als spekulativ. Sie führen zudem ein ernährungsrelavantes Beispiel für einen interessanten Funktionswandel im Nahrungsverhalten an: Der Große Pandabär, auch Bambusbär genannt, ernährt sich von Bambus. Sein Magen-Darmtrakt weist aber die für fleischfressende Lebewesen typischen Strukturen auf. Das ist logisch, denn der Pandabär gehört zur Überfamilie der Marder- und Bärenartigen, die zu den Landraubtieren zählen. Somit ist der Magen und Darm des Pandas keineswegs auf die vegetarische Lebensweise eingestellt – dennoch lässt er sich seine nicht artgerechte Mahlzeit schmecken und wird nicht krank davon.

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Bisher erschienen in der StZ-Serie „Klug abnehmen“: „Heilfasten als Schritt in ein gesünderes Leben“, „Saftige Steaks sind bei dieser Diät erlaubt“ , „Diät-Shakes im Selbstversuch“, „Renaissance einer ungesunden Radikalkur“, „Mit Genuss abnehmen – Weightwatchers helfen dabei “ und „Teilzeitdiät als Jungbrunnen