Serie: Leben in Europa Aufgeben kommt nicht infrage

Von George Stavrakis 

Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Organtzi in Griechenland.

Dimitra und Charis Organtzi tun alles, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Foto: StZ
Dimitra und Charis Organtzi tun alles, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Foto: StZ

Thessaloniki - Die Sache ist ganz einfach: Die Griechen sind faul, korrupt und gehen in jungen Jahren mit hohen Bezügen in Rente. Diejenigen Griechinnen und Griechen, die tatsächlich noch einer Bummelarbeit nachgehen, tun dies nur wenige Stunden am Tag. Ansonsten liegen sie im Schatten – am besten am Strand – und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Als dieses schöne Faulenzerleben nicht mehr funktionierte, sollten die anderen EU-Staaten bezahlen.

So jedenfalls sah es die bundesweit erscheinende Zeitung mit den großen Buchstaben. „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen – und die Akropolis gleich mit“ titelte das Blatt unter anderem. In einer wochenlangen Kampagne wurde das griechische Volk als gierig und undankbar verunglimpft.

Vor der Krise war das Leben einfacher

„Die Leute in anderen Ländern, die schlecht über uns reden, haben keine Ahnung, wie es hier ist“, sagt Dimitra Organtzi. Die 34-jährige Englischlehrerin hat immer hart gearbeitet und dabei nie auf die Uhr gesehen. Inzwischen ist sie seit Jahren arbeitslos. Die resolute Frau lebt mit ihrem Mann Charis und den beiden Kindern Androniki (6 Jahre) und Antonis (9) im eigenen Haus im Westen Thessalonikis.

Der ebenfalls 34-jährige Charis hat einen Laden für Camping- und Jagdbedarf, mit dem er seine Familie und seine Eltern über Wasser hält. Auch Dimitra arbeitet mit. „Vor der Krise war es natürlich besser“, sagt sie. Das Leben sei einfacher gewesen. Sie hätten fleißig gearbeitet und seien dadurch in der Lage gewesen, sich etwas zu leisten. „Jetzt arbeiten wir noch mehr als früher und haben trotzdem weniger Geld“, sagt Dimitra.

Laden wirft nicht mehr genügend an Gewinn ab

Charis ist jeden Tag auf Achse, man bekommt den Familienvater kaum zu sehen. Das geht so weit, dass es fast unmöglich ist, ein aktuelles Foto mit der kompletten Familie zu schießen. Weil der Laden nicht mehr genügend abwirft, müssen Dimitra und Charis ihre Waren im Sommer zusätzlich auf Wochenmärkten anbieten. „Sonst kommen wir nicht über den Winter“, sagt die 34-Jährige. Urlaub? „Daran ist nicht zu denken“, winkt Dimitra ab. Die Familie könne ab und zu ins Häuschen ihrer Mutter am Meer fahren. „Wir fahren Samstagabend los und müssen Sonntagabend schon wieder zurück“, sagt sie. Ihr Laden hat sechs Tage pro Woche geöffnet. Alles andere kann sich die Familie nicht leisten. So also sieht das Faulenzerleben einer griechischen Familie aus.

Vier von zehn Beschäftigten in Griechenland verdienen weniger als 700 Euro brutto im Monat. Nach einer Studie der Zentralbank haben griechische Familien in den Krisenjahren 26 Prozent ihres Einkommens und 40 Prozent ihres Vermögens verloren. Seit dem Jahr 2008 hat das Land rund ein Viertel seiner Wirtschaftskraft eingebüßt. Zwar ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal dieses Jahres um 0,4 Prozent gewachsen. Ende Juli konnte das Land erstmals seit vier Jahren wieder eine Anleihe am Kapitalmarkt platzieren – wenn auch nur eine Mini-Emission zu hohen Zinsen. Aber die meisten Menschen spüren keinen Aufschwung. Arbeitslosigkeit, Einkommenseinbußen, Rentenkürzungen und ständige Steuererhöhungen haben die Hellenen im Laufe der Zeit zermürbt.

1,5 Millionen Menschen leben in extremer Armut

Die quirlige Androniki und ihr Bruder Antonis bekommen davon noch nicht viel mit. Dimitra und Charis tun alles, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Ob ihre unermüdlichen Anstrengungen erfolgreich sein werden, ist ungewiss. Die Arbeitslosenquote unter den 15- bis 24-Jährigen liegt bei 44,4 Prozent. Es gibt Zahlen, die noch niederschmetternder sind. Einer Studie der Denkfabrik Dia Neosis zufolge leben in Griechenland 1,5 Millionen Menschen in extremer Armut. Das sind fast 14 Prozent der Gesamtbevölkerung. Extreme Armut bedeutet, dass eine Einzelperson mit weniger als 176 Euro und eine vierköpfige Familie mit weniger als 879 Euro im Monat auskommen muss.

Den neunjährigen Antonis ficht das – noch – nicht an. Nach seinen Zukunftsplänen befragt, sagt er keck: „Ich will Polizist werden oder Fußballprofi oder einfach Boss.“

Antonis’ Oma muss lächeln, wenn sie ihren Enkel so hört. Die 60-jährige Kalliopi, die mit ihrer schwer kranken, 90 Jahre alten Mutter in Thessaloniki in einer eigenen Wohnung lebt, wünscht nichts mehr als eine bessere Zukunft für ihre Kinder und Enkel. Kalliopi, die Mutter Dimitras, ist nicht gut auf die EU und schon gar nicht auf Deutschland zu sprechen. Griechenland sollte aus der EU austreten, meint sie. Und vor allem Deutschland sei für die schwere Last verantwortlich, die die Griechen zu tragen haben. „Wir haben viele Jahre lang geschuftet, um uns etwas aufzubauen. Und jetzt bleibt uns davon kaum etwas übrig“, sagt Kalliopi, die seit 20 Jahren einen kleinen Laden in einem Vorort Thessalonikis führt. Dort verkauft sie Tabakwaren, Geschenkartikel und Fanartikel des Fußballteams PAOK Thessaloniki. „Ich bin leidenschaftlicher PAOK-Fan“, so Kalliopi.

Die Krise ist allgegenwärtig

Die 60-Jährige pflegt bereits seit einigen Jahren ihre bettlägerige Mutter. Auch dadurch ist die Krise allgegenwärtig. Die 90-jährige Kyriaki wird als Rentnerin voll getroffen. Seit dem Jahr 2010 haben griechische Rentner sage und schreibe 23 Kürzungen ihrer Bezüge hinnehmen müssen. 2018 stehen weitere Rentenkürzungen an. Bereits jetzt bekommt jeder zweite Pensionär weniger als 500 Euro im Monat.

Da heißt es, sich teilweise einzuschränken – auch für Kalliopi. „Einschnitte mache ich bei der Gesundheit. Ich versuche zum Beispiel, Zahnarztbesuche zu vermeiden“, sagt die 60-Jährige, denn Zahnarztbehandlungen müssen in Griechenland von den Patienten privat bezahlt werden.

Kalliopi weiß, dass es vielen ihrer Landsleute noch schlechter geht. „Vor der Krise sind viele in die Kreditfalle getreten“, sagt sie. Banken hätten die Leute zu Hause angerufen und ihnen Darlehen schmackhaft gemacht. Für alles Mögliche hätten sich die Menschen Geld geliehen, sogar für den Urlaub. In der Krise konnten sie die Kredite nicht mehr bedienen. Viele hätten Haus und Hof verloren. Kalliopi und ihre Familie seien dagegen sparsam und vorsichtig geblieben. „Ich habe noch nie einen Kredit aufgenommen.“

Sehnsucht nach den Zeiten, als Andreas Papandreou Ministerpräsident war

Die 60-Jährige sehnt sich nach alten Zeiten. Als Andreas Papandreou Ministerpräsident gewesen ist (1981 bis 1989 und 1993 bis 1996 für die sozialdemokratische Pasok), sei es besser gewesen. „Er hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass das Gesundheitswesen ausgebaut wurde“, sagt Kalliopi. Heute sei die Gesundheitsversorgung am Boden, für alles müsse man als Patient selbst bezahlen.

Dimitra und Charis sehen das anders. „Die EU hat uns schon viel geholfen“, sagt der 34-Jährige. Vor allem habe die Union viel in die Infrastruktur investiert. Für die griechischen Politiker hat Dimitra indes keine guten Worte übrig. „Unsere Ministerpräsidenten haben viele Fehler gemacht, sie haben Griechenland nicht weiterentwickelt. Wir sind von allen Politikern sehr enttäuscht.“ Vor allem um die Bildung und das Gesundheitssystem mache sie sich Sorgen. Manchmal bekomme man nur einen Arzttermin, wenn man einen Umschlag mit Geld, auf griechisch Fakelaki genannt, über den Tisch schiebe. „Das ist nicht akzeptabel. Diese Leute müssen bestraft werden“, schimpft Dimitra.

Dimitra und Charis werden weiter hart arbeiten – für ihre zwei Kinder. „Wir geben nicht auf. Wir wollen, dass sie eine bessere Zukunft haben. Hoffentlich sind sie später nicht dazu gezwungen, das Land zu verlassen“, sagen Dimitra und Charis.