Serie: Leben in Europa Die schönen Häuser machen nicht satt

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Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch immer zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Lovric in Kroatien.

Die Brüder Luka und  Tomislav   Lovric hoffen mit ihrer Mutter Bozana darauf,  dass ihr Vater Ivan nicht mehr allzu lange als Arbeits-Exilant in Stuttgart fernab der kroatischen Heimat bleiben muss     . Foto: Thomas Roser
Die Brüder Luka und Tomislav Lovric hoffen mit ihrer Mutter Bozana darauf, dass ihr Vater Ivan nicht mehr allzu lange als Arbeits-Exilant in Stuttgart fernab der kroatischen Heimat bleiben muss . Foto: Thomas Roser

Vukovar - Der Hausherr ist im eigenen Heim nur noch ein gelegentlicher Gast. „Natürlich fehlt uns der Papa“, räumt Luka Lovric auf dem Wohnzimmersofa seines Elternhauses im kroatischen Vukovar offen ein. Doch zumindest einmal im Monat komme sein in Stuttgart als Koch arbeitender Vater nach Hause. Er selbst möge Deutschland, aber würde nur ungern umziehen, bekennt der 13-Jährige: „In Vukovar sind unsere Freunde, unsere Familie. Wenn wir auch nach Stuttgart ziehen würden, wäre die Oma alleine.“

Geteilte Familien, zerrissene Leben: Seit dem Wegfall der Beschränkungen für Arbeitnehmer des EU-Neulings auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Sommer 2015 hat sich Kroatiens neuer Gastarbeiter-Exodus spürbar verstärkt. Besonders hart trifft der Aderlass das ostkroatische Slawonien. Seit dem Kroatienkrieg (1991–1995) ist Kroatiens einst wohlhabende Kornkammer von einer Vorzeige- zur Rückstandsregion mutiert.

Kriegsruinen waren bald vergessen

Ihren Mann Ivan kennt Bozana Lovric schon seit den gemeinsamen Grundschultagen. Doch der Krieg sollte die beiden späteren Eheleute als Flüchtlingskinder zunächst in verschiedene Ecken des Landes verschlagen. Mit ihrer Familie flüchtete Bozana aus dem belagerten Vukovar in die ferne Adria-Metropole Pula, während Ivans Familie die Kriegsjahre in der rund 100 Kilometer entfernten Landgemeinde Orahovica überstand. „Sehr schlecht“ habe das völlig zerstörte Vukovar nach dem Krieg ausgesehen, erinnert sich die heute 36-jährige Bozana an die Heimkehr ihrer Familie 1998: „Es gab keine Straßenbeleuchtung, überall waren Ruinen und Schutt. Es war einfach schrecklich.“

Doch das Wiedersehen und die Liebesbande mit dem ebenfalls heimgekehrten Ivan ließen das junge Paar die Kriegsruinen bald kaum mehr wahrnehmen: „Nachdem ich mit Ivan zusammen war, vergaß ich schnell, wie die Stadt aussah.“ Nach der Heirat im Jahr 2003 kamen bald Luka und der nun neunjährige Tomislav auf die Welt. Nicht nur die Kriegsruine des Schlosses in Vukovar wurde wiederaufgebaut, sondern im Laufe der Jahre auch die meisten der zerstörten Häuser und Straßenzeilen. „Wir hatten nach unserer Heirat wirklich die Hoffnung, dass das Leben bald besser wird“, sagt Bozana: „Aber es kam anders. Die Mehrheit der Jungen emigriert, ob mit oder ohne Familie: Meine zwei Brüder arbeiten nun auch in Deutschland.“

Auswanderer melden sich oft nicht ab

Das Ausmaß des seit dem EU-Beitritt von 2013 beschleunigten Exodus wird von Kroatiens Bevölkerungsstatistiken kaum erfasst, denn nur die wenigsten Auswanderer melden sich ab. Doch allein in einem Jahr hat sich die Zahl der Schüler in dem offiziell noch knapp 32 000 Einwohner zählenden Vukovar um ein Fünftel vermindert. Fast ein Drittel der Wohnungen und Häuser steht mittlerweile zum Verkauf: Die Immobilienpreise in dem sich zur Stadt der Rentner und Frührentner wandelnden Vukovar sind ins Bodenlose gesackt. Der Mann der Nachbarin arbeite in Belgien, die andere Nachbarsfamilie wandere nun nach Dänemark aus, sagt Bozana: „Wir sind kein Einzelfall. Sie haben die Stadt zwar wieder schön aufgebaut. Aber was nützen neue Häuser, wenn es hier für die Menschen kein Auskommen gibt?“

Die Folgen der 2007 einsetzenden Finanzkrise sollte auch Kroatien schmerzhaft zu spüren bekommen. Von 2009 bis 2014 wies der Adriastaat sechs Jahre lang in Folge ein Minuswachstum aus. Das angeschlagene Slawonien hatte seit dem Krieg das Krisental ohnehin nie verlassen. Es sind die hohe Arbeitslosigkeit, die schlechten Löhne, aber auch die rüden Sitten auf dem Arbeitsmarkt, die immer mehr Kroaten in die Fremde treiben.

Arbeitgeber kauft sich Luxuslimousine und zahlt keine Löhne mehr

Wie ihr Mann habe sie als Köchin lange im besten Restaurant in Vukovar gearbeitet, erzählt Bozana. Doch nachdem sich dessen Besitzer eine neue Luxuslimousine zulegte, sei er mit der Zahlung der Gehälter bald fünf Monate in Verzug geraten: „Selbst die Abgaben für die Krankenkasse wurden von unserem Chef nicht mehr bezahlt. Da wir unsere Rechnungen nicht mehr bezahlen konnten, wurde uns selbst mit der Abschaltung des Stroms gedroht. Es war einfach erniedrigend.“ Danach habe sie sich noch kurz als Telefonistin versucht, doch von ihrem Arbeitgeber nie eine Bezahlung erhalten: „Viele Firmen erklären sich für bankrott, aber machen unter einem anderen Namen weiter – und bleiben ihren Beschäftigten die Löhne schuldig. Man steht dann vor dem Dilemma, ob man geht und endgültig die nicht ausgezahlten Gehälter verliert oder bleibt und weiter kein Geld erhält.“

Man wisse nie, wohin einen das Leben verschlage, sagt Bozana mit einem Schulterzucken: „Wenn wir unsere Löhne regelmäßig erhalten hätten, würde Ivan noch heute in Vukovar arbeiten.“ Eine in Deutschland lebende Restaurantbesucherin bot Ivan Anfang 2014 einen Job in ihrer Wirtschaft im schwäbischen Altbach an: Von dort wechselte der Koch in das Restaurant des Apollo-Theaters im Stuttgarter SI-Zentrum. Niemand habe ihn zur Emigration gezwungen, erzählt der Auswanderer am Telefon: „Aber in Vukovar konnten wir allenfalls überleben, kamen keinen Schritt vorwärts.“

Bewusst für den Verbleib in den Heimat entschieden

Obwohl der jüngere Sohn Tomislav nun in der Schule beginnt, Deutsch zu lernen, hat sich die Familie bewusst für den Verbleib in der Heimat entschieden. „Mein Mann hat Angst, dass die Kinder nach einer bestimmten Zeit in Deutschland nicht mehr nach Kroatien zurückkehren wollen“, erklärt Bozana die Entscheidung für ein getrenntes Leben auf Zeit: „In drei, vier Jahren haben wir hoffentlich genug gespart, um auf einem geerbten Bauplatz an der Küste auf der Insel Vir ein eigenes Restaurant eröffnen zu können.“

Vorläufig nutzt Ivan seine Überstunden, um zumindest einmal im Monat nach Hause zu fahren. Sonntagabends steigt er in Stuttgart in den Bus – und ist nach 15 Stunden Fahrt am Montagmorgen in Osijek. Dienstagnacht fährt er zurück – und steht am Mittwoch in Stuttgart wieder in der Küche. Natürlich wäre es besser, wenn die Familie immer zusammen wäre, sagt der 36-jährige Familienvater: „Aber was bringt das Zusammensein, wenn man sich kaum das Nötigste leisten kann? Besser, ich bin nur manchmal zu Hause, aber wir haben alles, was wir brauchen, als dass wir uns tagtäglich sehen, aber es uns an allem mangelt.“

Kaum Interesse an Politik und Fragen rund um die EU

An Politik und EU-Fragen haben die Eheleute aufgrund ihrer Erfahrungen in Kroatien kaum Interesse. Politik widere ihn an, er verbinde damit nur „Korruption, Diebstahl und Betrug“, sagt Ivan: „Sobald jemand bei uns an die Macht kommt, schaufelt er nur so viel wie möglich in die eigenen Taschen.“ In Deutschland gefalle ihm, dass bei der Arbeitssuche nur zähle, wie man arbeite und wie man sei – und nicht welcher Partei, Volksgruppe oder Familie man angehöre: „Deutschland ist multikulti und nicht so nationalistisch, es gibt nicht den Hass wie bei uns. Die Kultur ist eine andere – und die habe ich als Ausländer zu akzeptieren.“

An eine gänzliche Übersiedlung nach Deutschland verschwendet der Exilkoch keine Gedanken: „Mir fehlt Kroatien: Die Heimat ist eben die Heimat.“ Ihr gefalle in Deutschland wirklich fast alles, versichert Bozana: „Selbst die Nutella ist dort einfach besser.“ Sie glaubt zwar, dass sie sich in Schwaben zurechtfinden könnte, aber sie empfindet die erlebte Atmosphäre in Deutschland als „etwas kälter“ als zu Hause: „Die Leute in Stuttgart grüßen dich nicht so schnell. Wir haben doch eine etwas andere Mentalität. Alle Kinder der Straße sind bei allen willkommen. Grillt man etwas, lädt man gleich die ganze Nachbarschaft ein.“