Serie – Leben in Europa Die Zeit des Zitterns ist vorbei

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Banken vor der Pleite, Staaten vor dem Bankrott: Die Krise, die 2007 begann, hat die EU und das Leben der Menschen verändert. Die Folgen sind noch immer zu spüren. Unsere Serie beleuchtet den Alltag. Heute: Familie Viñas Saiz in Spanien.

Blicken  im Garten ihres Hauses im spanischen  Ort Quijorna nahe Madrid vorsichtig optimistisch in die Zukunft: Ernesto Viñas  und Marta Saiz (Mitte) mit  ihren Töchtern Natalia  (links) und Paula sowie Martas Eltern  Melitina  und Ataulfo. Foto: Rosa Moral
Blicken im Garten ihres Hauses im spanischen Ort Quijorna nahe Madrid vorsichtig optimistisch in die Zukunft: Ernesto Viñas und Marta Saiz (Mitte) mit ihren Töchtern Natalia (links) und Paula sowie Martas Eltern Melitina und Ataulfo. Foto: Rosa Moral

Quijorna - Beim Blick zurück auf das vergangene Jahrzehnt kommen bei Ernesto Viñas und seiner Frau Marta Saiz viele Emotionen hoch. Sie haben mit den Kindern und deren Großeltern in Spanien Höhen und Tiefen durchlebt und haben es nur mit deren Hilfe auch geschafft, die schwierigen Jahre zu überwinden. Die meisten Blessuren, die sich die Familie zugezogen hat, sind inzwischen verheilt – einige Narben sind aber geblieben.

„Wir sahen die Welt mit großem Optimismus“, sagt Marta Saiz, „es sah so aus, als wenn alles immer weiter gut gehen würde. Wir haben uns in den Kauf dieses Hauses gestürzt . . .“ „Nein nein . . .“, unterbricht sie ihr Mann, Ernesto Viñas. „Doch, doch“, beharrt Marta. „2006 verkauften wir eine Wohnung, die uns kaum was gekostet hatte, und kauften dieses Haus, wir taten groß, wir hatten beide gute Arbeit damals.“ „Mir war klar, dass wir dumm waren, dass wir das nicht tun sollten“, widerspricht Ernesto, „als ich unterschrieb, wusste ich, dass ich in eine Falle ging.“ Ein paar Jahre später schnappte sie dann auch zu. Gerade öffnet sie sich wieder. Die Familie hat Schrammen davongetragen – wie das ganze Land. Sie hat durchgehalten, sie ist durchgekommen. Aber die Frage, was schiefgelaufen ist, bleibt.

Haus vor elf Jahren gekauft

Marta und Ernesto, beide 48 Jahre alt, leben noch in dem Haus, das sie sich vor elf Jahren in Quijorna gekauft haben, einem 3200-Einwohner-Dorf gut 30 Kilometer westlich von Madrid, mit einem schönen kleinen Garten und mitten darin ein Olivenbaum. Ja, es war ein finanzielles Abenteuer, aber das Haus ist ihr Heim geworden, in dem sie glücklich ihre beiden Töchter groß werden sahen. Der Umzug nach Quijorna war auch eine Flucht. Das Viertel in der Madrider Vorstadt, aus dem sie wegzogen, sei problematisch geworden, sagt Ernesto, „und wenn wir jetzt noch einmal umziehen sollten, dann in ein noch kleineres Dorf“. Dann aber ohne die 16-jährige Natalia: „Mich zieht es nach Madrid“, sagt sie. Sie geht in Madrid zur Schule. Dafür steht sie jeden Morgen um sechs auf, das ist es ihr aber wert. „Wegen der Leute – die sind anders als hier auf dem Land“, sagt sie.

Heute ist sie nicht so früh aufgestanden, es sind Ferien. Die Großeltern – Martas Eltern – sind zu Besuch gekommen, sie sitzen zu sechst um den Küchentisch, erzählen und lachen und streiten sich auch, wenn es sein muss.

Die Blase platzte

Wie war das damals vor der Krise, als alles gut zu laufen schien? Ernesto arbeitete als freiberuflicher Zahntechniker, Marta hatte eine Stelle als Verwaltungsangestellte und keine Geldsorgen. Ein Jahr vor dem Umzug kaufte sie sich ein neues Auto und nach dem Umzug neue Möbel. Ernesto sperrte sich gegen alles, „weil ich wusste, dass irgendwann das Fallbeil runtersausen würde“. „Ich habe ihm nicht geglaubt“, sagt Marta. „Ich dachte, das sei nun mal sein Charakter, immer sehr pessimistisch und gegen das System. Aber später habe ich ihm recht gegeben.“ Ernesto sagt: „Als es Spanien gut ging, als es hier Geld gab und die Wirtschaft wuchs, war ich wütend. Mir gefiel das Modell nicht, ich hielt es für ungerecht, für eine Blase, die platzen musste.“ Und er behielt recht: Sie platzte.

Die Überreste der Blase sind nur ein paar Meter weiter die Straße rauf anzuschauen: halb fertige, seit Jahren leer stehende Häuser. In Quijorna wurde wie überall in Spanien gebaut, als gäbe es kein Morgen. Mit dem Anschluss an die Europäische Währungsunion waren die Zinsen auf solch niedrige Sätze gefallen, wie sie die Spanier noch nie erlebt hatten. Bauen, kaufen, sich verschulden schienen auf einmal die vernünftigste Option zu sein. Niemand wollte den Spielverderber geben, am wenigsten die Politiker – egal welcher Partei. Sie alle erklärten den Aufschwung zu ihrer persönlichen Leistung. Und die Banken, zuvörderst die Sparkassen, hielten das Fest mit immer neuen Krediten in Gang. Man brauchte einen starken Charakter, um ihren Versuchungen zu widerstehen.

Banken verschenken nichts

„Einmal rief ich bei der Bank an“, erinnert sich Marta, „und die sagen mir: ‚Ach, du bist die Frau von dem mit dem Fernseher.‘ Ich sage: ‚Was für ein Fernseher?‘ – ‚Wir wollten euch einen Fernseher schenken, aber dein Mann hat abgelehnt.‘ Ich: ‚Was???‘“ Ernesto hört sich die Anekdote mit Ernst an, er ist nicht stolz auf sich, aber er hat Prinzipien. „Für mich ist der Kapitalismus überall auf der Welt ein falsches System, aber in Spanien ist der Kapitalismus toxisch.“ Banken verschenken nichts, nirgendwo. Mit Plasmafernsehern oder Bratpfannensets lockten die spanischen Banken Kunden in ihre Filialen, um ihnen dann Kredite oder todsichere Anlagen aufzuschwatzen. Bis das Kartenhaus zusammenstürzte. Erst wurden die Immobilienfirmen ihre Wohnungen nicht mehr los, weswegen die Bauunternehmen nichts mehr zu bauen hatten, weswegen Millionen Arbeiter auf der Straße landeten und weswegen schließlich Dutzende Sparkassen und ein paar Banken in den Ruin trudelten – um am Ende vom Staat gerettet zu werden. Mit freundlicher Hilfe der EU und des IWF, die Spanien 2012 einen 41,5-Milliarden-Euro-Kredit gewährten, den das Land jetzt langsam abstottert. „Die Rettung bezahlen wir mit unseren spanischen Steuern“, sagt Großmutter Melitina Rivera. Irgendwann müssen die verschenkten Fernseher eben doch bezahlt werden.

Immer weniger Aufträge – und die Zahlungsmoral der Kunden lässt nach

Ernesto bekam die Krise als Erster zu spüren. Er erhielt immer weniger Aufträge, während gleichzeitig die Zahlungsmoral der Kunden nachließ. 2011 verlor Marta ihre Anstellung. Die harten Jahre begannen. „Drei Jahre stellten wir die Heizung nicht an“, sagt Marta. „Bei minus zehn Grad in einigen Wintern.“ „Das waren drei Tage“, wirft Ernesto ein. „Wir nannten es die Burg, wenn wir hierherkamen“, sagt der Großvater Ataulfo Saiz. Kein Problem, findet Natalia, „dann haben wir eben zwei Pullover übereinander angezogen.“ „Wir haben essen können, wir haben das Haus weiter abbezahlt. Anderen ging es viel schlechter“, sagt Ernesto.

„Ich habe Frauen gesehen, die in Containern vor den Supermärkten nach Essen gesucht haben“, berichtet Melitina. „Hier hat es keine soziale Hängematte gegeben.“ Wenn es ganz eng wurde, sprangen Martas Eltern ein und halfen mit ihrer Pension aus, wie in so vielen spanischen Familien.

Es geht aufwärts – wenn auch langsam

2015 fand Marta wieder eine Stelle als Verwaltungsangestellte, natürlich zeitlich befristet, etwas Besseres ist in Spanien kaum zu bekommen. Ernestos Auftragslage hat sich verbessert, „aber ich arbeite jetzt zu Preisen wie von 1990.“ Es geht aufwärts, aber langsam. Die 18-jährige Paula wird dieses Jahr ein Krankenpflegestudium beginnen. Sie will sich daneben eine Arbeit suchen, „um meinen Eltern zu helfen, damit sie mir nicht alles bezahlen müssen“. „Eine sehr europäische Mentalität“, bemerkt der 80-jährige Ataulfo. „Als ich jung war, haben wir uns alles von unseren Eltern geben lassen, sehr wenig, aber das musste reichen.“ Auch Natalia will Geld verdienen – als Fotomodell. „Ich habe die Größe und werde es versuchen“, sagt die 1,82 Meter große junge Frau. Die Mädchen sind ­generell recht optimistisch, was ihre Zukunft angeht. „Wir denken, dass die Krise vor­über sein wird, wenn wir das Studium hinter uns haben, dass es uns besser gehen wird – nicht so wie denen, die jetzt 30 sind“, sagt Paula.

„Dies ist eine große Realitätsschule gewesen“, meint Ernesto. „Von 2007 an bis heute hat uns die Wirklichkeit heimgesucht.“ Und damit der frische Optimismus in der Familie nicht überhandnimmt, fügt er hinzu: „Die Ursachen, die zur Krise geführt haben, sind noch da.“