Serie: Mein Corona-Jahr (6) Das Ferne so nah: Reisen im Kopf

Dorothee Blank-Milch  in Oslo Foto: Milch (z)
Dorothee Blank-Milch in Oslo Foto: Milch (z)

Wir haben Stuttgarter getroffen und sie nach ihrem ganz persönlichen Rückblick auf das Corona-Jahr gefragt: Manche Krisen-Strategien ähneln sich, andere verblüffen. Aber Veränderungen brachte die Pandemie für jeden und jede – auch für Dorothee Blank-Milch aus Untertürkheim.

Innenstadt: Kathrin Wesely (kay)

Untertürkheim - Am Vormittag war sie schon in Autun. Das Städtchen im Département Saône-et-Loire ist das Tor zum Morvan-Massiv, seine romanische Kathedrale ist dem Heiligen Lazarus geweiht, doch kennt man eher seine Baudenkmäler aus gallo-römischer Zeit: die Stadtmauer, den Janustempel, die Theater. Und weil Dorothee Blank-Milch eh vor Ort war, hat sie auch gleich noch das Musée Rolin mitgenommen. „Knapp sechs Stunden mit dem Auto sind es nach Autun, hat mir der Routenplaner angezeigt“, seufzt Blank-Milch. „Das ist nicht weit.“ Trotzdem ist sie froh, dass sie zeitig zum Mittagessen wieder daheim war, weil sie die Reise nur virtuell am Rechner angetreten hatte.

Reisen ist Blank-Milchs Leidenschaft. Und weil das gerade nicht geht, muss es anders gehen – „und das geht!“, versichert die pensionierte Juristin. Der Psyche ist es letztlich gar nicht so wichtig, ob man sich tatsächlich auf den Weg macht oder nur in Gedanken ausreißt: Der Erholungswert ist erwiesenermaßen vergleichbar – zumal man beim Kopfurlaub Strapazen wie Packen, Staus und miesen Raststätten-Kaffee abziehen darf.

Unterwegs mit Jacques Offenbach

Blank-Milch steht auf Kulturreisen, die sie üblicherweise mit ihrem Mann oder mit Freundinnen unternimmt. „Aber auch virtuelles Reisen bildet.“ Man kann Sehenswürdigkeiten abgrasen ohne, dass die Füße müde werden; im Netz ist alles fußläufig. „Es ist so eine Art Bereicherung durch Recherche“, sagt Blank-Milch. Man lerne viel „und man bekommt ein Gefühl für schöne Landschaften“.

Oft geht sie dabei auf Spurensuche bedeutender Persönlichkeiten. Jacques Offenbach zum Beispiel. Blank-Milch liebt seine Musik – den Orpheus in der Unterwelt, Hoffmanns Erzählungen, den Cancan, und sie interessiert sich für sein Leben. So führt ihre Recherche fast zwangsläufig nach Étretat, dem berühmten Seebad in der Normandie mit seiner spektakulären Steilküste, wo die Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Sommerfrische genoss. Dort traf man nebst dem Pariser Komponisten Offenbach, der eine mondäne Villa besaß, Guy de Maupassant, Gustave Courbet und Claude Monet. Dorothee Blank-Milch hat dazu ihre eigene These: „Künstlerisch begabte Leute suchen und finden schöne Orte.“ Daher empfiehlt es sich, ihren Spuren zu folgen. Via Web gereist, hat man die Geschichten, die Geschichte und die Bilder zugleich im Blick. Nur die maritime Brise und die Düfte aus den Küchen an der Rue Karr muss man sich halt dazu imaginieren.

Die Berührung fehlt

Ob in Echt oder am Bildschirm: Für Dorothee Blank-Milch muss das Ziel nicht in der Ferne liegen – schon gar nicht in der Corona-Pandemie. Im Sommer haben sie und ihr Mann erstmals die Steiermark bereist, auf den Spuren von Marcel Reich-Ranicki, der in Altaussee sein Feriendomizil hatte. Obwohl sie schon so viel herumgekommen ist, gebe der angestammte Kontinent immer noch genug her. „Europa ist für mich das interessanteste Reisegebiet der Welt“, sagt sie. „Die Vielfalt fasziniert mich immer noch. Südspanien zum Beispiel ist ganz anders als Oslo.“ Und trotzdem hat Dorothee Blank-Milch Sehnsucht nach Florida.

Ihre Tochter lebt dort mit Mann und Enkelchen. „Dass ich mich nicht in den Flieger setzen kann und sie besuchen, ist schlimm für mich. Wenn Corona nicht gewesen wäre, hätten wir uns Weihnachten gesehen.“ Natürlich reist Dorothee Blank-Milch regelmäßig per Internet in die USA, zur Familie ihres einzigen Kindes. Aber die Videotelefonate, sagt sie, fühlten sich für sie völlig anders an als ein vormittäglicher Ausflug nach Autun oder sonst wohin. Wie gern hätte sie die winzige Enkeltochter auf dem Arm, würde sie ihre Fingerchen tasten, das feine Haar streicheln.

„Bei diesen Videotelefonaten bin ich hinterher immer ganz traurig“, sagt Dorothee Blank-Milch. „Sie täuschen eine Nähe vor, die nicht da ist.“




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