Serie: Mein Corona-Jahr (9) Reisejournalist reist jetzt auch durchs Internet

Olaf KrügerIn normalen Zeiten füllt Olaf Krüger mit seinen Vorträgen ganze Hallen. Foto: Tom Bloch
Olaf KrügerIn normalen Zeiten füllt Olaf Krüger mit seinen Vorträgen ganze Hallen. Foto: Tom Bloch

Der Globetrotter Olaf Krüger aus Zuffenhausen hat seine berufliche Nische aufgrund Corona komplett neu denken müssen – mit Erfolg.

Nordrundschau: Tom Bloch (tob)

Zuffenhausen - Was macht ein Reise-Journalist, wenn er nicht mehr reisen kann? Wenn er seine Erlebnisse nicht wie sonst, einem großen Publikum in großen Hallen mit einer Multimedia-Live-Show packend näher bringen kann?

Olaf Krüger ist jahrelang immer wieder durch Skandinavien und Indien gereist, aber eigentlich rund um den Erdball unterwegs. Und wenn er mal in Deutschland ist, dann zumeist, um von seinen Erlebnissen zu berichten. Oder, um anderen Globetrottern die Bühne zu bereiten. Als Anfang vergangenen Jahres das kleine gefährliche Virus die große Welt aus den Angeln hob, bekam auch Olaf Krüger Schweißperlen auf der Stirn. „Ausverkaufte Veranstaltungen im Theaterhaus, im Metropol-Kino, dass es bald nicht mehr gibt, eine komplett geplante Vortragstournee mit Reinhold Messner, über Monate liefen die Drähte heiß. Erst haben wir nach Ersatzterminen geschaut und immer wieder verschoben, irgendwann haben wir dann komplett abgesagt“, erinnert sich Krüger. „Das war ein Schlag ins Kontor. Plötzlich standen wir ohne Einnahmen da.“ Und doch kam es dabei auch zu berührenden Momenten in dieser Krise: „Wir sind auf unheimlich großes Verständnis bei den Zuschauern gestoßen. Die wenigsten wollten ihr Geld zurück und haben ihr Ticket einfach behalten, für einen späteren Zeitpunkt der gebuchten Veranstaltung.“

Aus der Not eine Tugend gemacht

Was nicht nur Reisejournalisten aus Extremsituationen kennen, ist die Möglichkeit, mal eben aus der Not eine Tugend zu machen. Olaf Krüger und seine Mitstreiter vom Team „Erdanziehung“ haben Möglichkeiten entwickelt, ihre Aktivitäten ins Internet zu transferieren. „Anfangs habe ich mich schon gesträubt, weil ich da ein bisschen Oldschool bin. Das ist so steril, weil es fehlen einem einfach die Reaktionen, die man sonst bekommt, wenn man zum Beispiel in der Liederhalle auf der Bühne steht und in über tausend Gesichter schaut.“ Kameras waren vorhanden, ein passendes Studioambiente wurde vorbereitet, und sich das notwendige technische Wissen angelesen. Und nach den ersten Versuchen war schnell klar, dass es funktioniert: Per Live-Stream das Fernweh stillen, per Live-Stream die Zuschauer mit auf die Reisen nehmen. „Durch den Chat bekommt man ja auch Rückmeldung, und weil wir alles live senden, sind ja auch die Rückmeldungen aktuell und man kann darauf eingehen“, erklärt Krüger.

Zwischendurch schaffte er tatsächlich auch eine kleine Flucht aus dem Alltag mit seinen virusbedingten Einschränkungen. Aufgrund einer stabilen Lage und guten Kontakten vor Ort sowie zwei Kalenderaufträgen in der Tasche, lud er seine Familie ins Wohnmobil und machte sich im Sommer auf eine vierwöchige Reise nach Island. „Wir sind mit dem Zelt durchs Hochland gewandert. Das war ein herrlicher Kontrapunkt und extrem notwendig für die Psyche.“

Vorträge live ins Netz gestreamt

Zurück in Deutschland ging es bei seinen Partnern in Bayern ans Studio-Finish und die ersten Vorträge wurden live hinaus ins Netz gestreamt. „Wir hatten ja keine Ahnung vorher, haben viel investiert, aber auch viel geschwitzt dabei und natürlich sind auch manche Sachen erstmal schief gegangen.“ Doch schnell lief es rund. Und immer mehr Leute klickten sich rein. „Die Reichweite stieg enorm an, und man kann ja dann sehen, woher die Menschen alle kommen. Total beeindruckend. Wir haben Zuschauer von Patagonien bis Island.“ Der Durchbruch kam im Oktober mit einem Vortrag von Thomas Huber, einem der beiden „Huber-Buam“, den schillernden Bergsteiger-Brüdern. „Da hatten wir über 10 000 Zuschauer im Stream.“ Dieser ist im Prinzip kostenlos, wer will kann spenden. Und langsam kommen die Betreiber in einen Bereich, der die Unkosten deckt. „Der persönliche Kontakt zum Publikum ist uns allerdings wichtiger als Geld“, sagt Krüger. „Wir vermissen die Bühne.“

Doch die Kontakte, die sich durch das Stream-Geschäft ergeben haben, bezeichnet der Reisejournalist als unglaublich wertvoll. Auch kommen nun Anfragen von bekannten Referenten, die im „Erdanziehung“-Studio auftreten wollen. Die nächsten sieben Live-Streams für Anfang 2021 stehen bereits fest im Kalender. Obwohl die Corona-Pandemie für Reisejournalisten ein Fluch ist und Krüger durchaus Kollegen kennt, die in finanziellen Nöten sind, sieht er auch das notwendig gewordene Umdenken als große Chance, nachdem man sich aus der ersten Schockstarre gelöst hatte.

Auch einen Instagram-Account hat Krüger im Juli gestartet und mittlerweile auch über diese Plattform die ersten Geschäfte tätigen können.




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