Arbeitsmarkt in Deutschland Diese Job-Chancen haben auch Ältere

Junge Mitarbeiter profitieren vom Erfahrungsschatz der älteren. Foto: imago images/p

Wer einen neuen Job sucht, hat sich in den vergangenen Jahren bereits jenseits der 50 Jahre schwergetan. Mittlerweile hat sich die Altersgrenze nach hinten verschoben. Welche Chancen auch Ältere haben.

Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung. Traditionelle Berufe verschwinden, neue Anforderungen rund um E-Mobilität oder Softwareprogrammierung sind gefragt. Zugleich klagen immer mehr Unternehmen über fehlende Fachkräfte. Was bedeutet das für Menschen, die älter sind als 50 oder gar 60 Jahre? Wie sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt? Steigen ihre Chancen für einen Jobwechsel? Welche Rolle spielt Weiterbildung? Wir beantworten wichtige Fragen und geben Tipps.

 

Wie stellt sich der Arbeitsmarkt dar?

Wer in Baden-Württemberg einen Job sucht, hat derzeit gute Chancen. In den ersten beiden Monaten 2022 haben die Unternehmen der Arbeitsagentur knapp 49 000 Stellengesuche neu gemeldet, 44 Prozent mehr als im Vorjahr. Rechnet man noch die Jobangebote hinzu, die der Bundesagentur schon länger vorliegen – also der Bestand –, können Interessierte aus 105 000 angebotenen Stellen wählen.

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Welche Bedeutung haben die Menschen über 50 auf dem Arbeitsmarkt?

Im Südwesten sind Mitte vergangenen Jahres knapp 4,8 Millionen Personen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgegangen; das waren etwa 20 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Knapp 1,7 Millionen davon – also etwa 35 Prozent der Beschäftigten – sind älter als 50 Jahre, wie die Agentur für Arbeit in Baden-Württemberg errechnet hat.

Zum Vergleich: 2011 lag dieser Anteil noch bei knapp 28 Prozent. Auffällig ist, dass mehr 60- bis 67-Jährige in Lohn und Brot stehen: Mittlerweile sind 41 Prozent aus dieser Altersgruppe noch im Beruf; 2011 waren es indes nur 24 Prozent.

Dass die Zahl der älteren Beschäftigten stark gestiegen ist, hat mit der Demografie zu tun. Es liegt aber vor allem an der stufenweisen Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Wer vorzeitig in Rente will, muss lebenslang Abschläge in Kauf nehmen. 2022 kann der Geburtsjahrgang 1956 abschlagsfrei in Rente gehen – also mit 66 Jahren.

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In welchen Bereichen gibt es neue Jobs für Ältere?

Ältere haben durchaus Chancen. Sie sind nicht unbedingt zu alt für den Arbeitsmarkt. Neue Jobs gab es für Ältere vor allem im Verarbeitenden Gewerbe, also in der Industrie, im Handel, im Bereich Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der Arbeitnehmerüberlassung, wozu etwa die Leiharbeit gehört, wie eine Sprecherin der Arbeitsagentur auflistet.

Mit zunehmenden Alter kommt dabei Teilzeit – bei Frauen gängige Praxis – auch bei Männern vermehrt zum Zuge. Erfolgten im Jahr 2010 etwa 6,2 Prozent aller Neueinstellungen von 50- bis 54-jährigen Männern in Teilzeit, waren es 2019 bereits fast doppelt so viele, heißt es im Altersübergangsreport der unter anderem von der arbeitnehmernahen Hans-Böckler-Stiftung sowie dem Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen veröffentlicht wird.

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Worauf sollten Ältere bei der Jobsuche Experten zufolge achten, was sollten sie tunlichst lassen?

Experten sind sich einig, dass es erheblich schwieriger ist, im fortgeschrittenen Alter noch einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Noch schwieriger gestaltet sich die Suche nach einem neuen Job für Arbeitslose. Ältere werden seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Ab 55 tun sich Jobsuchende deutlich schwerer; vor einigen Jahren hatte man schon mit 50 Probleme.

Aussichtslos ist die Jobsuche aber beileibe nicht. Zwar suchen Arbeitgeber bevorzugt junge Nachwuchskräfte, die als dynamisch sowie formbar gelten und billiger sind, heißt es etwa auf der Internetplattform „Karrierebibel“. Ältere sollten sich aber nicht einschüchtern lassen. Sie können selbstbewusst soziale Kompetenz, einen reichen Erfahrungsschatz, Disziplin, Engagement und Flexibilität in die Waagschale werfen. Flexibilität? Auch die gilt für Ältere. Schließlich fallen sie nicht mehr kurzfristig aus, weil Kinder krank werden – gerade in Coronazeiten ein Pluspunkt.

Mit einschlägiger Berufserfahrung sollten Ältere „idealerweise natürlich ihrer Branche treu bleiben, da sie hier durch ihr Know-how überzeugen können“, rät der Personaldienstleister Adecco. Neue Richtungen sind aber nicht versperrt, wenn die Betroffenen dies mit entsprechender Weiterbildung nachweisen können.

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Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es für Ältere?

Spezielle Angebote für Ältere gibt es, aber sie sind selten, sagt eine Sprecherin der Arbeitsagentur. Allerdings gelten die bestehenden Angebote natürlich auch für Ältere. Tendenziell sei die Zahl der über 50-Jährigen, die an einer geförderten Weiterbildung teilnehmen, in den vergangenen fünf Jahren gestiegen.

Zwischen Dezember 2020 und November 2021 haben 6123 Beschäftigte in Baden-Württemberg, die älter als 50 Jahre sind, sich für eine geförderte, berufliche Weiterbildung entschieden, hat die Arbeitsagentur im Südwesten errechnet. Auch Arbeitslosen stehen Qualifizierungen offen – im selben Zeitraum nahmen 5695 ältere Erwerbslose daran teil.

Angebote gab es dabei vor allem für Personen, die sich als Fahrer von Fahrzeug- und Transportgeräten qualifizieren wollten. Auch rund um Büro und Erziehung gibt es Angebote. Voraussetzung für eine Förderung ist, dass die Agentur oder das Jobcenter die Maßnahme als notwendig anerkennt und der Arbeitnehmer vorab beraten wurde.

„Weiterbildung von älteren Beschäftigten lohnt sich insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, denn für diese Unternehmen gibt es eine Besonderheit bei der Förderung“, sagt Christian Rauch, Chef der Agentur für Arbeit im Südwesten. „Von einer Kostenbeteiligung des Arbeitgebers an den Lehrgangskosten kann bei älteren (ab 45 Jahren) oder schwerbehinderten Menschen abgesehen werden. Das heißt, Lehrgangskosten können hier bis zu 100 Prozent übernommen werden.“

Die Bereitschaft zur Weiterbildung steigt: „Gingen bisher die meisten Bewerberinnen und Bewerber davon aus, aufgrund der guten Arbeitsmarktlage schnell wieder eine Stelle zu finden, kommt mittlerweile das Thema veränderte Anforderungen und Qualifizierungsbedarf langsam in den Köpfen an,“ sagt Rauch.

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