Musik hilft, damit das zusammenwächst, was zusammen gehört: Musiklehrer und Organist Gerhard Schiek wollte nach der Wende den Eindruck korrigieren, dass aus Westdeutschland nur Geschäftemacher in den Osten gingen: Er reparierte dort Orgeln

Korntal-Münchingen - Vor Kurzem kam ein Anruf, der Gerhard Schiek kurz hat nachdenklich werden lassen. Ob er sich eine Orgel in einer Kirche in Rumänien anschauen wolle, ließ ein Pfarrer anfragen. Das Instrument müsste dringend generalüberholt und repariert werden. Das Geld für die Anreise wollte der Pfarrer übernehmen.

Schiek wäre der richtige Mann für die Orgel in der rumänischen Kirche. Der Klavierlehrer der Musikschule Korntal-Münchingen und Vorstandsmitglied des Fördervereins sitzt an diesem Morgen an der Orgel der kleinen Kirche in Kallenberg. Der letzte Ton des Stücks „Toccata“ von Johann Pachelbel, das der 68-Jährige gerade gespielt hat, verklingt noch im Raum. Normalerweise übt Schiek zuhause, auf einer digitalen Variante des wuchtigen Tasteninstruments. „Ein Sakrileg für einen Orgelbauer, ich weiß. Aber es ist halt praktisch.“

Orgeln bis nach Japan gebracht

Gerhard Schiek ist Orgelbauer und Kirchenmusiker. Viele Jahre hat er beim einstigen Ludwigsburger Orgelbauunternehmen Walcker gearbeitet. Bis nach Japan haben ihn seine Arbeitsreisen geführt. Seit Jahrzehnten arbeitet er als Vertretungsorganist, spielt mal in Korntal, mal in Gerlingen und immer wieder gerne in der kleinen Kallenberger Kirche. Mitte der 90er-Jahre hat er hier die Orgel überholt. Und zwischen den Jahren 1991 und 2008 hat Schiek mit Albrecht Hanemann, einem Bekannten aus Thal in Thüringen, ebenfalls Organist, zehn Orgeln in Dorfkirchen in Ostdeutschland generalsaniert.

Beide haben dafür regelmäßig eine Woche von ihrem Urlaub abgeknapst.Eine Woche, zwei bis drei Helfer und eine Orgel – das war die Grundlage dafür, dass Schiek und Hanemann zusagten. Doch diesmal hat Schiek abgesagt – obwohl ihn eine Reise in das osteuropäische Land reizen würde. „Aber wir können die Sprache nicht. Wie sollen wir uns dort verständigen?“, benennt Schiek das aus seiner Sicht größte Problem. Ein weiteres: während seiner Touren nach Thüringen konnte Schiek immer auf die technische und materielle Hilfe Hanemanns zählen. „Albrecht wohnt dort und hat bei sich zuhause eine Werkstatt.“ Und: „Für das Geld unserer Flugtickets kann die Gemeinde dort einen Orgelbauer vor Ort beauftragen.“

„Ich könnte sie mir mal anschauen“

Aus Zufall wurde Gerhard Schiek zum Ersthelfer für ostdeutsche Orgeln. 1991, damals arbeitete er schon nicht mehr als Orgelbauer, traf er beruflich auf Albrecht Hanemann. Hanemann stammt aus Thüringen, war im Brotberuf Busfahrer, im Nebenberuf Organist. „Irgendwie kamen wir darauf zu sprechen, dass wir beide Organisten sind“, schildert Schiek, Hanemanns Gemeinde in Thal in Thüringen hatte bereits vor der Wende mit viel Aufwand, die Dorfkirche wieder restauriert. Nur um die Orgel stand es schlecht. Einen Experten konnte sich die Gemeinde nicht leisten. „Ich sagte, dass ich Orgelbauer bin und sie mir mal anschauen kann.“ Wenige Wochen später fuhr Schiek nach Thüringen und beschloss wiederzukehren, mit Filz, Leder, Schrauben und Leim sowie Flaschenputzer und Staubsauger. Ebenfalls im Gepäck: der Wille zu zeigen, dass aus dem Westen nicht nur Geschäftsleute kommen. Es wollte einen Beitrag dazu leisten, dass wieder zusammenwächst, was zusammengehört. Zwar hatte Schiek zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren keine Orgel mehr zusammengebaut. „Aber das verlernt man nicht.“

Die erste Orgel, der er neues Leben einhauchte, stammt aus dem 18. Jahrhundert. „Sie ist gut gearbeitet und hält es aus, wenn mal ein paar Jahre nichts daran gemacht wird.“ Allerdings war sie nach 40 Jahren DDR ohne Nutzung arg verdreckt. Staub und tote Tiere verstopften die Pfeifen.

Zielvorgabe: jedes Jahr eine Orgel

Als die erste Orgel fertig war und die örtliche Tageszeitung groß berichtet hatte, kam eine Anfrage aus dem Nachbardorf. Dort gab es ähnliche Probleme. Schiek überlegte. Warum nicht? „Zielvorgabe: jedes Jahr eine Orgel“, titelte daraufhin die Zeitung im Sommer danach, als Schiek wieder nach Thüringen kam. 2008 sanierte das gesamtdeutsche Duo die letzte Orgel. Denn er und Hanemann werden nicht jünger. Schiek öffnet die Windlade, ein kaum mehr als backofengroßer Kasten, auf dem die großen Pfeifen in der Kallenberger Kirche stehen. „Da muss man reinkriechen können“, sagt er. Außerdem, meint er: „Inzwischen ist die Wende Geschichte.“ Die Jahre der Ersthelfer sind vorbei.