Serie: Mensch! Strohgau Die große Freiheit für andere genutzt

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Werner Matthes ist nach 20 Jahren als Vorsitzender des Bürgertreffs abgetreten. Sein Nachfolger ist sein bisheriger Stellvertreter Günter Heberling. Dieser will für den überaus aktiven Seniorenklub „mindestens erhalten, was geschaffen wurde“.

Werner  Matthes (rechts) kann die Beine hochlegen, Günter Heberling hat den Bürgertreff-Vorsitz übernommen. Foto: FACTUM-WEISE
Werner Matthes (rechts) kann die Beine hochlegen, Günter Heberling hat den Bürgertreff-Vorsitz übernommen. Foto: FACTUM-WEISE

Gerlingen - Werner Matthes ist 82 Jahre alt. Und er ist, wie er selbst sagt, „in Gerlingen gut vernetzt“. Bald jeder in der Stadt kennt den Mann, der so viel für seine Mitmenschen getan hat. Als Vorsitzender des seit 1993 bestehenden Bürgertreffs sorgte er 20 Jahre lang mit vielen Mitstreitern dafür, dass bald jeden Tag etwas los war. Den Zusammenschluss von 423 Mitgliedern deshalb simpel als Seniorenklub zu bezeichnen, wäre aber etwas zu einfach. Das Alte Rathaus ist ein Treffpunkt von Gerlingern jenseits der 60 – und es könnte ein Seniorenhaus mit noch größerem Angebot werden. So stellt es sich Günter Heberling vor. Er wurde jetzt zu Matthes’ Nachfolger gewählt.

Stühle spielen eine große Rolle für einen Ort, an dem sich Menschen versammeln. Meistens sitzen sie drauf, zum Schachspielen, zum Singen, zum Lernen am Computer, oder einfach nur zum Schwatzen. Dass aber jemand einen Stuhl nutzt, um die Beine hoch zu legen – das hat es eher selten gegeben. Gestern wurde einer darum gebeten: Werner Matthes hat für den Fotografen, rein symbolisch, den gelben Stuhl der Serie „Mensch Strohgäu!“ benutzt. Denn die Füße hochlegen und sich zurückziehen will er noch nicht. Aber das Amt des Vorsitzenden, und vor allem die damit verbundene Verantwortung, die wollte er abgeben.

Der Bürgertreff ist zum einen der Verein. Zum anderen verbirgt sich hinter diesem Begriff ein Programm, das es in sich hat. Zum Beispiel im Februar 2014: 77 Angebote an 25 von 28 Tagen. „Im März sind es noch mehr“, meint Matthes lachend. Und Heberling ergänzt: „70 bis 80 Veranstaltungen im Monat sind normal.“ Außer am Mittwochnachmittag und an den meisten Sonntagen ist immer etwas los. So sitzen an diesem Montagmorgen sieben Männer an drei Schachbrettern. Zum Skat kommen viel mehr, auch PC-Hilfe ist nachgefragt, beim Singen „die Bude voll“. Und Wandern ist in, kleine Zweistundentouren wie Tagesausflüge. „Beim ersten Mal haben mich fünf Leute beim Spazierengehen mit dem Hund begleitet“, erinnert sich Matthes, der ehemalige Bosch-Mitarbeiter. Jetzt kommen 35, manchmal sogar 50.

Auch der gebürtige Hesse Günter Heberling ist über das Wandern beim Bürgertreff eingestiegen, als er mit 58 in Rente ging. „Meine Frau hat mich hingeschickt“, erinnert sich der 74-Jährige. Sein Ding ist auch das Gedächtnistraining, eine meist ausgebuchte Reihe. Die Bürgertreff-Macher sehen in anderen Anbietern keine Konkurrenz; weder in der Volkshochschule, noch in den Sportvereinen, den Kirchen oder im Familienzentrum Gehenbühl, das in wenigen Wochen eröffnet. Im Gegenteil: „Die meisten aus der Gehenbühler Gruppe sind Mitglied im Bürgertreff. Konkurrenz entsteht nur, wenn man böswillig aufeinander schaut“, meint Heberling. Im Bürgertreff entstehen Freundschaften, die über Jahre gepflegt werden. Und wenn das wegen der Gebrechen des Alters nicht mehr im Alten Rathaus geht? Dann besuchen die Bürgertreffler die anderen Mitglieder.

Das könnte alles schön so weitergehen. Und Günter Heberling würde es sehr freuen, wenn es so kommt. Aber er wünscht sich noch mehr. Vom neuen Gemeinderat zum Beispiel, „dass die Damen und Herren gelegentlich vorbeikommen, damit sie wissen, was hier los ist. Ich wünsche mir eine harmonische Zusammenarbeit und die Standortsicherung.“ Dies dürfte gewährleistet sein, nachdem die Diskussion über eine Auslagerung des Bürgertreffs aus dem Alten Rathaus beendet ist. „Wir sind zufrieden mit den Räumen, wie sie sind“, meint Matthes. Ordentliche mietfreie Räume seien der Beitrag der Stadt dazu, dass der Bürgertreff funktioniere. Heberling offenbart dennoch einen seiner Träume: Wenn die Sozialstation aus dem ersten Stock ausziehe, könne man weitere Zimmer für Kleingruppen nutzen. Wer Ideen für neue Angebote habe, dürfe ihm diese mitteilen – nicht nur bei der Programmkonferenz. Für das Basteln suche man noch einen Anleiter, einen Werkraum könne man einrichten.

In einem Rückblick zur 20-Jahr-Feier sagte Werner Matthes: „Es ist unsere Freiheit und Selbstbestimmung, dass wir selbst entscheiden können, aber auch müssen, was im Alten Rathaus geschieht.“ Diese große Freiheit hat er genutzt. Für sich. Und vor allem für andere.




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