Giganten in Auenwald Mehr als 57 Meter: Das ist der höchste Mammutbaum des Landes

Revierförster Hans-Joachim Bek bei einem der Auenwälder Prachtexemplare Foto: /Gottfried Stoppel

 
In unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind. Heute: die Mammutbäume in Auenwald. Dank König Wilhelm I. von Württemberg wachsen die aus Amerika stammenden Giganten in ganz Süddeutschland.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Bussard möchte man sein. Hoch droben über dem Auenwälder Forst zieht ein Greifvogel seine Runden und genießt den Blick auf die Kronen der stattlichen Mammutbäume, die dort höher als sonst wo im Landkreis in den Himmel ragen. Unten im Wald ist Förster Hans-Joachim Bek auf einer Entdeckungstour, um nach den exotischen Giganten in seinem Revier zu schauen. Obwohl die Baumriesen durch das Dickicht schwer zu erkennen sind, bewegt sich der Förster zielsicher den Hang hinauf. „Das ist er. Je näher man ihm kommt, desto imposanter wird der Stamm“, sagt Bek begeistert, als er den ersten Mammutbaum erreicht.

 

Angeblich der höchste Mammutbaum in Deutschland

Tatsächlich erscheinen die Fichten, die rings um den amerikanischen Mammutbaum stehen, wie abgemagerte Spargel. Da ist er nun: der angeblich höchste Bergmammutbaum Deutschlands. Mit Sicherheit ist es der Höchste der Region Stuttgart. Mit seinen über 57 Metern überragt er die europäischen Nachbarn um viele Meter. „Wo andere Bäume aufhören, da fangen die Kronen dieser Mammutbäume erst an“, erklärt der Förster. Fichten zum Beispiel werden in der Regel zwischen 30 und 45 Meter hoch und nur in Ausnahmen höher“, sagt Bek.

Wie hoch das Auenwälder Prachtexemplar derzeit genau ist, will Bek in den kommenden Tagen im Zuge der Forsteinrichtung mit einem Baumhöhenmesser herausfinden. Das Alter des „Giant Redwood“, der auch Wellingtonie genannt wird und mit wissenschaftlichem Namen Sequoiadendron giganteum heißt, kennt Bek genau: Es sind 152 Jahre. „Die Samen dieses Baumes stammen aus der sogenannten Wilhelma-Saat“, erklärt der Förster. Auf Initiative von König Wilhelm I. von Württemberg wurden ab 1864 einige Tausend Mammutbäume in der Wilhelma in Stuttgart aus Samen aufgezogen und in den Jahren danach von Nord-Württemberg bis zum Bodensee an exponierten Stellen gepflanzt – 1872 die in Auenwald.

„A lot“ – ist eine Menge

Dass überhaupt so viele Bäume im Land angepflanzt wurden, lag daran, dass der König viel mehr Samen erhalten hatte, als erwartet. Der Überlieferung zufolge wünschte seine Majestät nur ein „Lot“ des Samens zu bestellen, was rund 15 Gramm entsprach. Die Amerikaner allerdings lasen seine Bestellung als „a lot“ (auf Deutsch: „eine Menge“) und schickten ihm gleich ein halbes Pfund des Pflanzguts retour.

Was aus den Keimlingen von einst erwachsen ist, kann man heute vielerorts noch bestaunen. Mammutbäume sind beliebte Ausflugsziele. Der Weg zur Baumgruppe in Auenwald ist schon ab dem Teilort Oberbrüden ausgeschildert. Während Bek die Bäume besucht, schaut ein Radler vorbei, um bei seiner Fotosafari einen Schnappschuss des Baumes zu machen: „Ich bin wegen der Bäume extra aus Backnang hergeradelt.“ Auch der Specht schaut offenbar gern vorbei: In einer Borkenspalte der dicken Rinde steckt noch ein Zapfen fest. „Eine Spechtschmiede“, erklärt der Förster. „Der Specht fixiert den Zapfen, um besser nach den darin enthaltenen Samen picken zu können.“

Dicke Borke schützt besonders

Die Rinde der Mammutbäume ist weich und verhältnismäßig dick. Bei Riesenexemplaren kann sie sogar über einen halben Meter dick werden. Mit ihrer Borke (dem abgestorbenen Teil der Rinde) und dem darin enthaltenen hohen Gerbsäuregehalt schützt sie den Baum nicht nur bei kleineren Waldbränden, sondern ebenfalls vor vielen Schädlingen und Pilzen.

„Die Bäume sind Brandkeimer, sie nutzen die Asche als Bodengare“, erklärt Bek. Für ihre Vermehrung sind sie als sogenannte Pyrophyten auf leichte Waldbrände angewiesen, da diese die Vegetation am Boden niederhalten und Mammutbaumsamen somit gute Keimbedingungen bieten. Ihre Zapfen öffnen sich erst bei starker Hitze und geben dann die Samen frei. Allerdings gebe es quasi keine Naturverjüngung, sprich: Die Bäume vermehren sich bei uns nicht auf natürliche Weise, erklärt Bek. Sie verstärkt zu kultivieren, davon hält der Förster nicht viel. „Der Wald der Zukunft muss ein Mischwald sein“, sagt Bek. Mischwälder sind widerstandsfähiger gegen Stürme, Trockenheit und Schädlinge als Monokulturen.

„Da kommt keine Axt dran“

Mammutbäume werden nicht nur bis zu über 100 Meter hoch, sie werden auch sehr alt. In den USA, wo die Bäume ursprünglich zu Hause sind, gibt es lebende Bäume, die über tausend Jahre alt sind. Der älteste lebende Mammutbaum trägt den Namen „General Sherman Tree“; er steht im Giant Forest im Sequoia-Nationalpark in Kalifornien und soll zwischen 2300 und 2700 Jahre alt sein, über 80 Meter hoch und einen Umfang von mehr als 30 Metern haben.

Wie alt die Auenwälder Riesen werden, lässt sich freilich schwer vorhersagen. „Der Klimawandel macht auch diesen Mammutbäumen zu schaffen“, sagt Hans-Joachim Bek. Manche seien in den Kronen schon etwas dürr. Dass sie gefällt werden könnten, kommt für den Förster nicht infrage. „Diese Bäume hier stehen zwar nicht unter Naturschutz, aber da kommt keine Axt dran.“ Die Bäume seien beliebt bei den Waldbesuchern, und es gebe in Deutschland keinen wirklichen Markt für das Holz – auch Sägewerke, die mit Gewächsen dieser Dimension umgehen können, sind selten.

Mammutbaum im Garten?

„Die Leute sind fasziniert von der Höhe der Bäume“, sagt der Revierförster. Man findet die Mammutbäume daher nicht nur im Staats- und Kommunalwald, sondern auch als Nachzuchten in Privatwäldern – und mitunter sogar in privaten Gärten. „Das mit dem Garten würde ich mir allerdings gut überlegen“, warnt Bek. Denn so ein Riese wächst nicht nur hoch hinaus, er kann auch das Platzangebot schnell sprengen.

Höher, größer, schneller – in unserer Serie „Rekordverdächtig“ stellen wir Orte in der Region Stuttgart vor, die auf besondere Weise herausragend sind.

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