Serie: Schatzsuche Flaschenpost aus der Eiszeit

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10 000 Jahre und länger ruhten die Quellen von Romina und Ensinger unberührt in den Tiefen. Jetzt preisen die Unternehmen das Uraltwasser als besonders frisch und sauber an. Ist das alles nur ein Marketinggag?

Die Firma Ensinger hat es mittlerweile zum Marktführer in Baden-Württemberg gebracht. Foto: factum/Weise
Die Firma Ensinger hat es mittlerweile zum Marktführer in Baden-Württemberg gebracht. Foto: factum/Weise

Reutlingen/Vaihingen an der Enz - Thomas Fritz öffnet eine Luke im Boden, zieht eine Metallleiter heraus und klettert drei Meter in die Tiefe. Hier, auf freiem Feld nahe dem Vaihinger Ortsteil Ensingen (Kreis Ludwigsburg), hat der geschäftsführende Gesellschafter des Mineralwasserabfüllers Ensinger einen Schatz gefunden, der nach der Einschätzung des geologischen Landesamtes mehr als 20 000 Jahre in der Erde ruhte. Damals, in der extremsten Kaltphase der letzten Eiszeit, dürfte die Region von einer kilometerdicken Eisdecke bedeckt gewesen sein. Jetzt lässt Fritz einmal pro Woche 55 000 Liter des damals eingeschlossenen Wassers in kleine Fläschchen füllen. „Das ist das älteste Wasser, das Sie momentan in Deutschland kaufen können“, sagt er.

Vonseiten der Wissenschaft hat der Ensinger-Chef für seinen Wagemut höchstes Lob erhalten. Er habe der Geologie ein einzigartiges Fenster in die Erdgeschichte geöffnet, heißt es in einer Festschrift für den Nestor der baden-württembergischen Landesgeologie, Walter Carlé. Wirtschaftlich gesehen war die Bohrung „E15“ für das Unternehmen zunächst ein Reinfall. Fast könnte man von einem Schlag ins Wasser reden, wenn dieses Bild in diesem Fall nicht so unpassend wäre. Denn vom erhofften Wasser fand sich keine Spur – zumindest nicht dort, wo Fritz es erwartet hatte.

20 Jahre für die Bohrung gespart

20 Jahre hatte der Unternehmer für die eine Million Euro teure Erkundungsbohrung gespart. Dabei sitzt das Familienunternehmen schon auf einem großen und offenbar auch beliebten Mineralwasservorkommen. Die Marke Ensinger Sport ist gerade erst zum meistverkauften Mineralwasser in Baden-Württemberg avanciert. Doch die Vorstellung, „dass da unten Wasser lagert, das noch viel interessanter ist, war für mich unerträglich“, sagt Fritz.

Also ließ er bohren: durch den Schilfsandstein, den Keuper, den Muschelkalk, den Buntsandstein bis hinunter in den Zechstein. „Ich wollte ein Wasser aus dem Buntsandstein, das unsere bisherigen Produkte ergänzt“, sagt Thomas Fritz. Dafür musste er weit nach unten, in eine Gesteinsschicht, die genau dies liefert. Doch dann tröpfelte es nur. Pro Stunde hätte man vielleicht eine Flasche füllen können. „Das war viel zu wenig.“ Nach exakt 751 Metern ließ er den Bohrmeißel stoppen und herausziehen, in der Erkenntnis: „Den letzten halben Kilometer hätte ich mir sparen können.“

Erst die Analyse lässt aufhorchen

Immerhin: 500 Meter weiter oben hatte er einen hübschen Beifang gemacht. Im oberen Muschelkalk stieß der Bohrmeister auf ein Wasser mit einer ausgewogenen Mineralisierung, vielleicht nichts Besonderes, aber doch eine willkommene Abrundung der Produktpalette. Erst die Isotopenanalyse ließ aufhorchen. Das Wasser lagere dort mindestens seit der Hochphase der letzten Eiszeit, ergaben die Tests. Die oberhalb gelegene wasserundurchlässige Keuperschicht habe es wie ein Deckel gegen alle Umwelteinflüsse der vergangenen Jahrtausende abgeschirmt.

Ein Schatz? „Man kann so ein Wasser für 19 Cent bei Aldi verramschen oder tatsächlich einen Schatz daraus machen“, befand Fritz. Er entschied sich für Letzteres. Als Ensinger Gourmet Quelle hat er das gute Tröpfchen seither im Angebot und ließ es mit dem Bio-siegel veredeln. Eigentlich war Fritz ein erklärter Gegner dieser Zertifizierung. „Bio ist Mineralwasser ja immer.“ Doch der Bundesgerichtshof (BGH) war in einem Musterprozess anderer Meinung. Und so trat Fritz die Flucht nach vorne an und brachte sein neues Eiszeitgetränk als erstes Wasser in Baden-Württemberg durch den strengen Biotest. Der verlangt nicht nur eine besondere Reinheit, sondern auch ein Engagement für ökologischen Landbau, Umweltschutz und eine Klimagasreduktion. „Wir helfen selber mit, das Wasser sauber zu halten“, sagt Fritz. Denn Reste von Medikamenten und Einträge aus der modernen Landwirtschaft wie Nitrat und Pestizide bedrohen vielerorts die Quellen. Noch hat Ensinger damit keine Probleme. „Aber ich weiß nicht, wie das morgen ist“, sagt Fritz.

Ein bayerischer Mineralbrunnen in Not

Manchen Mineralbrunnen haben solche Verschmutzungen unverschuldet in Not gebracht. So musste jüngst ein bayerischer Premiumabfüller recht hilflos darauf verweisen, dass die bei einem Test gefundenen Pestizidmetaboliten von der esoterischen Kraft der Quelle ohnehin kompensiert würden.

Wohl dem, der da eine Quelle aus der Eiszeit hat. „Wir leben auf einer Insel der Glückseligen“, sagt Stefan Gugel, einer von zwei Geschäftsführern des Mineralbrunnens Romina. Auch dort, im Reutlinger Stadtteil Rommelsbach, hat man ein Wasser aus einer Zeit gefunden, in der Mammuts durch die verschneite Steppe zogen und Säbelzahntiger im Unterholz auf Beute lauerten. Als Eiszeitquell mit Höhlenstimmung und Eiszapfen auf dem Etikett wird es vermarktet. Die Botschaft kommt an. „Manche glauben sogar, unser Wasser bliebe im Sommer länger kalt“, zitiert Achim Jarck, der für das Marketing zuständige Mitgeschäftsführer, die Ergebnisse einer Kundenbefragung.

Mammut statt Motorboot

Tatsächlich führen die Eiszapfen ein wenig in die Irre. Schließlich sprudelt das Wasser mit 25 Grad Celsius aus 400 Meter Tiefe nach oben und beheizt nebenbei die Abfüllanlage. Und auch die Vorstellung von einer Höhle, in der ein unterirdischer See plätschert, ist falsch. Man müsse sich die Quelle eher wie einen vollgesogenen Schwamm vorstellen.

Wer seinen Mineralienhaushalt auffüllen möchte, sollte wohl zu anderen Flaschen greifen. „Ich will lieber darüber reden, was in diesem Wasser nicht drin ist“, sagt Jarck. Und da ist der Marketingmann ganz sicher. „Über dieses Wasser ist niemals ein Motorboot gefahren.“ Zwar ist das Reutlinger Eiszeitwasser nur 10 000 Jahre alt, gegenüber Ensingers Uraltquelle hat es aber einen Vorteil: Während sich dort das Wasser ganz langsam verjüngt, weil mit jedem Liter, der abgepumpt wird, jüngeres Wasser nachfließt, tut sich bei Romina nichts. „Vor mehr als 20 Jahren hatten wir die erste Isotopenuntersuchung. Seither gab es keinerlei Veränderung“, sagt der Co-Geschäftsführer Gugel.

Quelle im eigenen Garten

Eine besondere geologische Situation ist dafür verantwortlich. Von oben schützt eine riesige wasserundurchlässige Keuperschicht. In Richtung Alb sinkt die Muschelkalkschicht immer tiefer ab, so dass auch dort kein jüngeres Wasser eindringen kann. Und in Richtung Schwarzwald hat eine geologische Abrisskante bei Tübingen-Hagelloch den Zufluss gekappt.

Bei Romina fand sich die Quelle im eigenen Firmengrün. Der entscheidende Hinweis kam vom Geologischen Landesamt: Bohrt einfach mal ein wenig tiefer, hieß es. Ohne diesen Tipp würde es den zum Getränkekonzern Franken-Brunnen gehörenden Betrieb heute vielleicht gar nicht mehr geben. Reutlingen mit seinen 100 000 Einwohnern ist nicht gerade ein Standort, der sich leicht mit einem Naturprodukt verbinden lässt. Jarck setzt deshalb ganz auf die Schwäbische Alb als Eiszeitregion. Wenn sie, wie geplant, zum Weltkulturerbe würde, wäre dies für Eiszeitquell natürlich wie für die Eiszeitmenschen das Erlegen eines Mammuts.