Serie: Amerikanische Mythen Die Lüge von Pocahontas
Die Geschichte von Pocahontas war schon lange vor Disneys Trickfilmklassiker populär in den USA. Aber wie viel Wahrheit steckt in der Legende?
Die Geschichte von Pocahontas war schon lange vor Disneys Trickfilmklassiker populär in den USA. Aber wie viel Wahrheit steckt in der Legende?
Stuttgart - Ein magischer Moment, die Welt gerät in einen Glückswirbel. Leuchtende kleine Blättchen, weniger echte Vegetation als Seelensplitter der gewaltigen Natur des amerikanischen Kontinents, tanzen durch die Luft, bilden mit indianischen Symbolen eine duftige Schleife, die sich um die Algonquin-Prinzessin Pocahontas und um John Smith, den Neuankömmling aus England, legt. So erzählt das Walt Disneys Trickfilm „Pocahontas“ aus dem Jahr 1995. Der feiert eine Liebe auf den ersten Blick, die auch eine Liebe zwischen zwei Welten ist, zwischen Amerika und Europa.
Etwas Hehreres als die Legende von Pocahontas wird man in den USA kaum finden. Vor der elektronischen Zersplitterung der Kindheiten, als tradierte Geschichten noch nicht von den täglichen Trends auf Tiktok beiseite geschultert wurden, kannte fast jeder als Einschlafgeschichte oder Malbuch, als Comic oder Grundschulstoff die Pocahontas-Mär. Und die kommt mit dem Anspruch daher, im Kern wahr zu sein.
Im Jahr 1607 landeten englische Schiffe in der Chesapeake Bay an der Ostküste Nordamerikas Kolonisten an, die eine wacklige Siedlung errichteten: Jamestown. John Smith war einer der Anführer dieses Unternehmens. Bei einer Erkundung wurde er von Indianern gefangen genommen und einem Anführer namens Powhatan vorgeführt, der alle Stämme der weiteren Umgebung unter sich hatte.
Vor dessen Augen, so hat es Smith später geschildert, sollte er in einer grausigen Zeremonie erschlagen werden. Da aber warf sich die Lieblingstochter Powhatans, Pocahontas, schützend über Smith. Die mutige Zuneigungsbekundung seiner Tochter zu dem Fremden erweichte Powhatan. Er blies die Hinrichtung ab, nahm Smith als Gast an, nannte ihn seinen Sohn: Friede zwischen Indianern und Kolonisten war geschlossen.
Disney hat hervorgeholt, herausgeputzt und zugefeilt, was die Pocahontas-Geschichte für den weißen Teil der USA zum wichtigen Gründungsmythos macht. Im Trickfilm findet die erste Begegnung zwischen Smith und Pocahontas im Wald statt, die Bezauberung kann sich frei und spontan entfalten: Dieses Amerika hat sich nach einem solchen Umwerbenden gesehnt. Und dieser Kolonist hat die besten, die zartesten, die respektvollsten Absichten, er träumt vom gemeinsamen Glücklichwerden.
Zynischer könnte man die Realität kaum zudecken. Die jungfräuliche Erstbegegnung war schon mal keine: Europas Mächte waren auch in Nordamerika längst präsent. Die Spanier, die Holländer, die Franzosen waren längst dabei, auch in Nordamerika nach Reichtümern zu suchen. Die Engländer waren die Spätankömmlinge in diesem Raubgeschäft. Ein eigenes Kolonieexperiment konnten sie nur dort wagen, wo die anderen mangels Erfolgsaussicht noch keine Flagge aufgepflanzt hatten. Zwei Kolonieversuche waren bereits erbärmlich gescheitert, das Projekt Jamestown war das letzte Aufgebot der von privaten Spekulanten finanzierten Virginia Company, die von der Krone den Auftrag hatte, endlich für England Beute zu machen.
Im Umfeld der Chesapeake Bay siedelten viele kleine Stämme, die zur Algonquin-Sprachfamilie gehörten. Der imposante Powhatan hatte sie zu einer Allianz vereint, durch geschickte Kriegs- und Heirats-, Versprechens- und Hilfspolitik. Die Bedrohung durch die Neuankömmlinge begriff er wohl schnell. Als er Smith in seine Hände bekam, wird Powhatan, vermuten viele Historiker, versucht haben, ihn so zu adoptieren, wie er das mit Führern anderer Stämme getan hatte.
Vielleicht diente eine Errettung-vom-Tode-Szene dafür als symbolisches Zeremoniell, vielleicht übernahm die damals etwa zehnjährige Pocahontas, eine der vielen (Adoptiv-)Töchter Powhatans, eine Rolle im Spiel. Vielleicht ist die Szene pure Erfindung. In Smiths ersten Berichten taucht sie nicht auf. Erst Jahre später, als der nach England Zurückgekehrte mit Abenteuermemoiren Werbung für das Kolonienprojekt und Gewinn für sich machen will, erzählt er von ihr.
Das jämmerliche Jamestown hat Terrence Malick 2005 in seinem Spielfilm „The New World“ wider jeden Mythos dargestellt. Grell überzogen scheinen Elend, Inkompetenz, Verfall der ersten Jahre. Aber so war es: Die Kolonisten, auf Blitzreichtum aus, auf Ackerbau nicht eingestellt, verhungerten oder krepierten an Krankheiten, weil sie Englands Vorposten neben einem Sumpf errichtet hatten. Jamestown überlebte, weil ständig neue arme Teufel von zu Hause nachgeschoben wurden, die auch bald ins Grab sanken. Von den Indianern wurden Vorräte erhandelt, erpresst und gestohlen, deren Abgabe die sich nicht leisten konnten. Freiwilliger Austausch von Kindern und Geiselnahmen sollten Verbindungen knüpfen und Dolmetscher schaffen.
Auch Pocahontas nahmen die Briten 1613 schließlich als Geisel. Sie wurde auf den Namen Rebecca getauft und 1614 an den Witwer John Rolfe verheiratet. 1616 reiste sie mit Rolfe nach England und wurde dort als Neuigkeit der Saison herumgereicht: als Indianerprinzessin.
Für die am Rand des Bankrotts herumtaumelnde Virginia Company mit ihrem Seuchenloch von Kolonie, wo Engländer und Indianer längst in blutigem Streit lagen, war das eine dreiste Werbeaktion: Schaut her, wie willkommen wir dort sind. Für Pocahontas mag das ein Versuch gewesen sein, zwischen zwei Welten zu vermitteln. Es gibt keine indianischen Quellen aus jenen Jahren, Pocahontas und alle anderen Algonquin kommen nur hie und da in Berichten von Weißen zu Wort, deren Eigeninteressen und Verständnisprobleme ein hohes Verzerrungspotenzial mit sich bringen. Pocahontas überlebte die Reise nicht, im März 1617 starb sie, schwerlich älter als 21 Jahre, am englischen Klima oder an den Pocken.
Den für die Algonquin furchtbaren Erfolg eines Projekts ihres Ehemannes hat Pocahontas nicht mehr erlebt. Rolfe entdeckte, dass importierte Tabakpflanzen (die einheimischen waren zu rau für europäische Raucher) im Klima von Virginia prächtig gediehen. Endlich hatte die Kolonie ein lukratives Exportgut, das Menschen anzog und Versorgung sicherstellte. Zynische Programme, die Neuansiedlern Parzellen auf dem Land der Algonquins zusprachen, begannen zu greifen, der große Zustrom begann. Die Algonquin Virginias zählten 1607 circa 24 000 Menschen, 1669 noch rund 2000. Zum Thema der Literatur und Theater wurde aber etwas anderes: wie die entflammte Indianerprinzessin Pocahontas John Smith rettet und den Kolonisten das Land öffnet.
Lesen Sie hier:
● Folge 1 Offenkundige Bestimmung
● Folge 2 Die Lüge von Pocahontas
● Folge 3 Custers letzter Kampf
● Folge 4 Die große Gefahr aus Mexiko
● Folge 5 Onkel Tom und Onkel Remus
● Folge 6 Die Helden des Weltkriegs
● Folge 7 Der Griff nach den Sternen
● Folge 8 In der grünen Hölle von Vietnam
9/11
● Von der Ohnmacht und Wut eines Riesen und angeblichen Lügengespinsten