Serie über Fellbachs Sportler(innen) Beziehungen sind wertvoller als Edelmetall

Ralf Knoll hat seine  Medaillen   in einer hölzernen Kiste aufbewahrt, doch aus seiner Zeit als Leistungsschwimmer ist ihm viel mehr geblieben. Foto: Eva Herschmann
Ralf Knoll hat seine Medaillen in einer hölzernen Kiste aufbewahrt, doch aus seiner Zeit als Leistungsschwimmer ist ihm viel mehr geblieben. Foto: Eva Herschmann

Großartige Erfolge, Großartige Momente: Fellbachs Sportler(innen) haben in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt. Wir wollen ihre Geschichte und ihre Geschichten wieder aufleben lassen. Heute: Ralf Knoll, der früh Medaillen erschwamm.

Fellbach: Eva Herschmann (eha)
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Fellbach - Wasser spielt noch immer eine Rolle im Leben von Ralf Knoll. Neben dem großen Tisch, an dem sich die fünfköpfige Familie nicht nur zum Essen trifft, steht ein 200-Liter-Aquarium mit kleinen Diskusfischen drin, die gewandt durchs Wasser gleiten.

Seit neun Jahren ist er mit der Rückenschwimmerin Anne Wiesner verheiratet

„Ich finde den Anblick entspannend“, sagt Ralf Knoll, der vor rund 20 Jahren ebenfalls ein flinker Schwimmer war und zu den vielversprechendsten Talenten in Deutschland zählte. Dreimal, in den Jahren 1996, 1997 und 1998, hat der Freistilspezialist vom TSV Schmiden an Jugend-Europameisterschaften (JEM) teilgenommen und einige Medaillen gewonnen.

Die kleine Holzkiste, die Ralf Knoll aus dem unteren Stock geholt hat, wiegt schwer, was vor allem am Inhalt liegt. 613 Medaillen liegen drin, und zwar kunterbunt durcheinander. Mit sicherem Griff fischt der 40-Jährige eine heraus. „Das ist die Silbermedaille mit der Staffel von der JEM 1996 in Kopenhagen“, sagt er. Früher hatte Ralf Knoll die Medaillen in seinem Kinderzimmer fein säuberlich nebeneinander an der Wand hängen. Dass sie jetzt in einer Holzkiste im Keller gelandet sind, kommt nicht von ungefähr. „An viele Wettkämpfe kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Mir waren früher sowieso die Zeiten wichtiger als die Siege. Doch am wichtigsten sind die Freundschaften, die geblieben sind“, sagt Ralf Knoll.

Sportliche Ambitionen hat er aber keine mehr

Mehr noch ist geblieben. Seit neun Jahren ist er mit der Rückenschwimmerin Anne Wiesner verheiratet, die aus Berlin kommt. Wie auch Ralf Knoll war sie Mitglied im deutschen Jugend-Nationalteam und schwamm quasi von 1995 an Seite an Seite mit ihrem späteren Ehemann. Drei Kinder haben sie, die sechsjährige Hanna, den vier Jahre alten Jonas und Marie, drei Jahre, deren Patenonkel Felix Reichl aus Waiblingen ist, ein alter Sportgefährte aus der Landeskader-Trainingsgruppe.

Als Ralf Knoll, der bei einer großen schwäbischen Automarke im Finanzbereich beschäftigt ist, noch Zivildienstleistender im Olympia-Stützpunkt Stuttgart war und im B-Nationalkader schwamm, sah sein Tag so aus: Fünf Uhr aufstehen, frühstücken, sechs Uhr Training. Sieben Kilometer Schwimmen im Inselbad in Untertürkheim oder im Lehrschwimmbecken in Schmiden, für das er eine Zeit lang sogar einen Schlüssel hatte, weil um die Uhrzeit keiner außer ihm da war. Noch nicht einmal sein Vereinstrainer Karl Heinrich. „Ich gehe noch immer ab und zu schwimmen, meistens ins Mombachbad in Bad Cannstatt, in dem mein 85-jähriger Nachbar schon als Bub geschwommen ist“, sagt Ralf Knoll und grinst. Deswegen hat er sogar – außer der Mitgliedschaft im TSV – die im SV Cannstatt. Sportliche Ambitionen hat er aber keine mehr. Relativ leichten Herzens hat er deshalb auch akzeptiert, dass ihn ein für Schwimmer nicht ungewöhnliches Schicksal ereilte. „Oft ist es in unserem Sport so, dass die, die zu Jugendzeiten weit vorn waren, später nicht mehr aufgetaucht sind“, sagt Ralf Knoll.

Ein Jahr später konnte er an Ort und Stelle den Erfolg wiederholen

Er gehörte zu dieser Kategorie. „Aber ich habe im Alter von zwölf bis 20 Jahren so viel von der Welt gesehen, dass ich es locker verschmerzen kann, wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr mal nicht mit der Familie in den Urlaub fahren zu können“, sagt er augenzwinkernd. Mit etwas mehr Ernst ergänzt er, dass er einfach gemerkt habe, dass ihm als Erwachsenen trotz weiterhin intensivem Training der Durchbruch nicht gelingen wollte. „Allerhöchstens auf der Kurzbahn konnte ich mit den Besten mithalten, da bin ich beim Weltcup in Berlin 2001 noch mal richtig gute Zeiten geschwommen. Ich habe meine Bestzeit über 200 Meter auf 1:47,37 Minuten verbessert und bin Siebter geworden. Aber Kurzbahn zählt beim Schwimmen nicht viel.“ Ein Jahr später konnte er an Ort und Stelle den Erfolg wiederholen. „Das waren die Höhepunkte in der Welt der Profi-Schwimmer. Danach habe ich das Trainingspensum reduziert und mich aufs Studium konzentriert.“

Bis dahin hatte er viel erlebt. Ralf Knoll, und mit ihm sein Schmidener Vereinsgefährte Roman Hasselkuss, der ebenfalls Kaderschwimmer war und seine Bestzeiten im Schmetterlingsstil schwamm, ist weit herumgekommen. Trainingslager fanden auf Malta, Lanzarote, in Australien oder in den USA statt. „Da stand ich auch mal als 15-Jähriger mutterseelenallein auf dem Flughafen“, sagt er. Das Camp zum Jahreswechsel 1998/99 in Australien ist dem Schmidener in besonderer Erinnerung geblieben. „Da waren wir in der gleichen Trainingsgruppe wie Ian Thorpe, weil unser Trainer Thomas Lebherz mit dessen australischem Coach Doug Frost befreundet war.“

Ralf Knoll kennt die deutschen Schwimm-Asse wie Britta Steffen, die zwei Olympiasiege, zwei Weltmeistertitel und neun Europameistertitel holte. „Britta tauchte 1997 erstmals bei den JEM in Glasgow auf“, sagt er. Spannender fand Ralf Knoll allerdings interdisziplinäre Begegnungen. „In Flagstaff in Arizona war zeitgleich Dieter Baumann mit seiner Läufergruppe, und Mitte der 1990er Jahre im Winter im Trainingslager in Innsbruck, schwitzten Springer der Vierschanzentournee immer im gleichen Kraftraum des Stützpunkts wie wir.“




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