Serie über Fellbachs Sportler(innen) Nach Feierabend in der ersten Bundesliga

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Großartige Erfolge, großartige Momente: Fellbachs Sportler(innen) haben in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt. Wir wollen ihre Geschichte und ihre Geschichten wieder aufleben lassen. Heute: die Schmidener Volleyballerinnen auf höchstem Niveau.

Das Erstliga-Team des TSV Schmiden – hintere Reihe von links: Monika Mogl, Ute Schäfer, Andrea Lipp und Christine Weißmann – vordere Reihe von links: Gabriele  Bürkle, Iris Klotz, Trainer Gerhard Hanke, Birgit Follmann und Christiane Bürkle.   Auf dem Foto fehlt  die – später hinzugekommene – Dorota Baluk.Foto: Patricia Sigerist Foto:  
Das Erstliga-Team des TSV Schmiden – hintere Reihe von links: Monika Mogl, Ute Schäfer, Andrea Lipp und Christine Weißmann – vordere Reihe von links: Gabriele Bürkle, Iris Klotz, Trainer Gerhard Hanke, Birgit Follmann und Christiane Bürkle. Auf dem Foto fehlt die – später hinzugekommene – Dorota Baluk.Foto: Patricia Sigerist

Schmiden - Das Spiel ist schon eine Weile vorbei. Auch der letzte Punkt war dem Gegner vorbehalten. Doch in der Halle steht noch immer die satte Mehrheit der 400 Zuschauer. Ihr Applaus prasselt wie warmer Regen. Es ist das Hintergrundrauschen, das über Minuten hinweg den vielstimmigen Teil der Zuneigung begleitet: „Schmiden, Schmiden, Schmiden.“ Sigrid Ter­stegge, eine der Nationalspielerinnen im Team des USC Münster, ist tief beeindruckt. „Das ist einfach unglaublich“, sagt sie. Gerade hat sie mit den Gästen nicht zu knapp gewonnen. Nun staunt sie über die nicht zu knappen Sympathiebekundungen für diejenigen, die sich da soeben vergebens gewehrt haben.

Dieser Ausschnitt vom 22. Oktober 1988 beleuchtet beispielhaft die etwas andere Erstliga-Saison der Volleyballerinnen des TSV Schmiden. Der Aufsteiger lässt sich von der Aufgabe auf höchstem Niveau nicht weiter irritieren und setzt aus guter Gewohnheit seine Herangehensweise der Jahre davor fort.

Trainer Gerhard Hanke nahm seine Bemühungen anno 1978 auf

Das Team, tatsächlich: ein Team, ist schon lange beisammen. Der Trainer Gerhard Hanke, heute noch in Schmiden, nahm seine Bemühungen anno 1978 in der Bezirksliga auf. Über die Landesliga, die Oberliga, die Regionalliga und die zweite Bundesliga findet er mit seinen Spielerinnen zur Verblüffung der Volleyball-Nation auch noch in die alleroberste Etage seiner Sportart. Und diese weithin erfolgreichen Spielerinnen kommen zu jener Zeit – ob nun in der Bezirks- oder in der Bundesliga – in aller Regel aus Schmiden und der näheren Umgebung. Sie sind definitiv keine Profis. Sport begleitet nur den Alltag – solange das eben geht. Brigitte Baumgart, in der Ballannahme die Beste, erwartet Nachwuchs und kann nach dem Aufstieg des TSV Schmiden im Frühjahr 1988 nur noch als Zuschauerin Anteil nehmen. Auch Barbara Schlosser gehört in der ersten Bundesliga – aus beruflichen Gründen – nicht mehr dem Team an.

Die Zugänge wie Monika Mogl oder Iris Klotz passen in das Gefüge. Auch sie sind keine Profis. Das Aufgebot ist eher nicht stärker als jenes der vorherigen Runde. Der TSV Schmiden tritt nun mal unter seinen ganz eigenen Bedingungen gegen die Etablierten an.

Kurt Weber ist zu dieser Zeit Volleyball-Manager

Das Budget beträgt 25 000 Mark – für die gesamte Volleyballabteilung. Widersacher wie das CJD Feuerbach oder Bayern Lohhof geben für einzelne Fachkräfte mehr aus. Jene Fachkräfte trainieren teilweise zweimal am Tag, die auch körperlich deutlich unterlegenen Schmidener Spielerinnen dreimal pro Woche. Arg ungleiche Voraussetzungen sind das. Auch wenn sie Kurt Weber, zu dieser Zeit Volleyball-Manager beim TSV, listig kontert: „Die einen müssen mehr trainieren, die anderen bekommen das Talent in die Wiege gelegt.“ Andrzej Niemczyk versteht in dieser Angelegenheit keinen Spaß. Der Bundestrainer sieht den Schmidener Aufstieg „als Bank­rotterklärung für den deutschen Damen-Volleyballsport“. Für Gerhard Hanke klingt das eher nach verbaler Bankrotterklärung: „Wir sind Meister der zweiten Bundesliga.“ Und der Meister darf auf direktem Weg nach oben, auch wenn die Spielerinnen dieses Meisters ihrem Sport bloß nach Feierabend oder Universitätsvorlesungen in der Freizeit nachgehen.

Noch Fragen?

Doch das Wohlwollen mit den Kleinen überwiegt. Nicht nur der Nationalspielerin Sigrid Ter­stegge gefällt die Stimmung beim etwas anderen Konkurrenten. Eben die Art und Weise, in der das Publikum die vertrauten Spielerinnen bei deren Abenteuer unterstützt und jede gelungene Aktion gegen Klassewidersacher wie den USC Münster honoriert: „Schmiden, Schmiden, Schmiden.“ Und der sehr krasse Außenseiter um die Hauptangreiferin Gabriele Bürkle – im Oktober 2016 viel zu früh verstorben – und die Zuspielerin Ute Schäfer macht im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste daraus.

Der TSV Schmiden bleibt lange eine gute Adresse für hochklassigen Volleyballsport

Die Widerstandskraft lässt sich mit Blick auf die Tabelle zunächst zwar noch nicht recht erfassen. Der Aufsteiger kann trotz oft beherzter Gegenwehr in der Hinrunde nicht einen Satz für sich entscheiden. In der Rückserie allerdings zerren die unverzagten Volleyballerinnen – nach einem Satzgewinn beim TV Hörde – just Sigrid Ter­stegge und den USC Münster an den Rand einer Niederlage. Den fünften Durchgang (13:15) müssen sie aber doch dem Favoriten überlassen. Ein Aufstand noch ohne glücklichen Ausgang, der erst am 25. März 1989 folgen sollte. An jenem Samstag feiern Christiane Bürkle, Andrea Lipp, Christine Weißmann und ihre Teamgefährtinnen einen 3:1-Erfolg gegen den Tabellenvorletzten VSV Vilsbiburg. „Das war ein Superspiel“, sagt Gerhard Hanke: „Wir haben uns in einen Rausch gespielt.“ Und Kurt Weber schaut schon weiter: „Heute haben wir unsere Heimsiegesserie begonnen – und die endet erst mit dem Wiederaufstieg in die erste Bundesliga.“

Daraus wird dann nichts mehr. Der TSV Schmiden bleibt jedoch lange eine gute Adresse für hochklassigen Volleyballsport. Nach den drei Jahren (1985 bis 1988) vor dem Erstliga-Aufstieg folgen im Zeitraum von 1989 bis 2002 insgesamt noch zehn Jahre auf zweithöchstem Level der Frauen. Ganz oben tauchen Volleyballerinnen im Dress des TSV fortan nicht mehr auf. Aber für die Beteiligten bleibt die Erinnerung an eine Saison mit zwar bloß zwei Punkten im recht rauen Ligageschehen, dafür aber mit reichlich Sympathiepunkten und Zuneigung von den Rängen: „Schmiden, Schmiden, Schmiden.“




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