Serie: Ungewöhnliche Urlaube Wie eine Frau den Tod ihres Mannes in den Rocky Mountains verarbeitete

Von Florian Mader 

Die Renningerin Verena Schmidt verarbeitet einen Schicksalsschlag, indem sie durch die kanadischen Rocky Mountains wandert. Darüber hat sie sogar einen Reiseführer beim Bergverlag Rother geschrieben.

„Die Wanderungen haben uns zusammengeschweißt“, sagen Verena Schmidt und ihre Tochter Annalena. Beim Emerald Lake kann man zu bedeutenden geologischen Fundstätten wandern. Foto: factum/
„Die Wanderungen haben uns zusammengeschweißt“, sagen Verena Schmidt und ihre Tochter Annalena. Beim Emerald Lake kann man zu bedeutenden geologischen Fundstätten wandern. Foto: factum/

Renningen - Laufen, laufen, laufen, den ganzen Tag. „Irgendwann hört man auf zu denken“, sagt Verena Schmidt. „Das ist dann wirklich Meditation.“ Die wilde Natur, schroffe Bergmassive, hohe Höhen und eine herrliche Landschaft. So muss man sich das wohl vorstellen, von dem die Renningerin erzählt: die Rocky Mountains in Kanada. Vor allem aber hat es dort eines nicht, nämlich viele Menschen, Infrastruktur, Straßen und Wege. „Es ist diese vollkommene Infrastrukturlosigkeit, die mich fasziniert“, berichtet sie. Sessellifte gibt es nicht, keine Bauern, Almen, Hütten oder Zäune und Geländer in der Landschaft.

Vier Jahre ist es her, da war es genau das, was sie gesucht hat. Verena Schmidt sitzt in ihrem verwinkelten, alten Haus in der Renninger Altstadt und erinnert sich. 2015 war ihr Partner verstorben. „Ich dachte: Ich muss nur noch weg“, erzählt sie. Aber ziellos irgendwo umherirren, das konnte sie sich nicht vorstellen. Schließlich kommt sie auf die Idee: Über die Rocky Mountains, die sie schon lange liebt, gibt es noch gar keinen richtigen Wanderführer auf Deutsch.

Wandern und erklären: nichts Neues für die 37-Jährige

Schmidt ruft bei Rother an, dem wichtigsten Verlag für Berg-Literatur. Sie schickt ein Skript ein, schließlich stimmen die Münchner zu und ein Vertrag kommt zustande. Somit ist klar: Zwei Sommer hat sie Zeit für ihr Projekt: Ihr erstes eigenes Buch – ein Wanderführer über die Rocky Mountains.

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Wandern und erklären ist für die 37-Jährige nichts Neues. In Dresden ist Verena Schmidt aufgewachsen, in Tübingen hat sie Ethnologie und Politikwissenschaften studiert. Dort lernt sie auch ihren Partner kennen, der aus Renningen kommt und zu dem sie 2003 zieht. In dieser Zeit fängt sie als Reiseleiterin bei Rotel-Tours an. Der Reiseveranstalter ist in der ganzen Welt mit seinen roten Bussen unterwegs, in denen die Gäste in Kabinen auch schlafen.

Drei Jahre dauert es, dann ist der Wanderführer fertig

Mit Touristen unterwegs zu sein, ist einerseits spannend. Aber: „Es gibt zunehmend eine gewissen Motz-Kultur“, sagt sie. Man hat was gebucht, und will es erleben, egal wie die Umstände vor Ort sind. Nordamerika, Südostasien, Tibet und Neuseeland sind ihre Spezialitäten. In Kanada unternimmt sie mit ihren Gästen auch kleinere Spaziergänge, zum Beispiel beim Kinney Lake. „Ich habe immer die Schilder mit den Wegen gesehen“, erinnert sie sich. Verbunden mit immer der gleichen Frage: Wo geht’s dort weiter? Wie sieht’s da aus?

Fünf Kilometer links und rechts der Straßen tobt in den kanadischen Rocky Mountains das Leben. Dahinter kommt die einsame Natur ohne jegliche Infrastruktur, man begegnet niemandem mehr. Das will Verena Schmidt erkunden und in ihrem Buch für andere zugänglich machen. Drei Jahre später, am 7. Dezember 2018, ist der Wanderführer fertig. Klein, kompakt und in dem ikonisch-obligatorischen Rother-rot liegt er jetzt vor ihr.

Und über jenen Kinney Lake heißt es in dem Buch: Absolute Traumtour am höchsten Berg der kanadischen Rockies, mit beeindruckenden Aussichten, imposanten Wasserfällen, Gletscherseen, kurz: „Ein genialer Spielplatz für Jung und Alt.“

Wege auf alten Karten ausgekundschaftet

Bevor Verena Schmidt all das aufschreibt, muss sie sich die Rockies selbst erst erarbeiten. Sie wandert, wandert, wandert. Hütten gibt es kaum, meist schläft sie im Zelt, bis zu acht Tage am Stück ist sie jeweils auf Tour. „Beim ersten Mal hab ich drei Liter Wasser mitgeschleppt“, erinnert sie sich. „Bis ich gemerkt habe, dass es überall Bäche gibt.“ Also hat sie auf einen Liter reduziert – und schon wieder zwei Kilo gespart.

Insgesamt drei Monate ist sie in den Bergen, zwischen den Touren schläft sie im Mietwagen. Nur eine einzige Nacht gönnt sie sich eine bewirtschaftetet Hütte. „Die Wege habe ich auf alten Karten auskundschaftet“, berichtet Schmidt. Ausgeschildert sind die Wege aber, man muss sich dort nicht mit GPS durchkämpfen. Lust am Abenteuer sollten die Leser von Verena Schmidt aber schon haben. „Meine Zielgruppe sind Familien, die im Wohnmobil umherfahren, Rentner und Abenteuerlustige, die ins Hinterland wollen“, sagt die Autorin. Das Spektrum der 55 aufgelisteten Wanderungen ist breit und reicht von einstündigen Touren bis zu mehrtägigen Routen.

Bis all das beisammen war, war aber nochmals viel Arbeit nötig, nämlich am Renninger Schreibtisch. Ethnologische Fachliteratur hatte Verena Schmidt bis dahin vor allem geschrieben. „So ein Wanderführer war schon eine Umstellung“, sagt sie. „Ich wollte am Anfang viel zu viel Inhalt unterbringen.“ Dabei geht es vor allem um Wegbeschreibungen. Anschließend kam die Lektorin, die alle Formulierungen durchgekaut hat. Dann werden die Fotos eingeplant, das Layout erstellt – und nochmals müssen die Textlängen angepasst und die Fotos beschriftet werden.

Die Arbeit hat sich gelohnt

Und schließlich lag es da – das Buch. „Ich hab es gar nicht richtig realisieren können, dass es wirklich wahr ist, dass ich’s geschafft habe“, erinnert sie sich an jenem Moment Anfang Dezember. Resonanz von Lesern gibt es bislang noch wenig, die ersten Wanderer sind derzeit erst drüben, in den Rockies.

Und Verena Schmidt, die mittlerweile bei der Steinbeis-Hochschule Stuttgart arbeitet, sieht glücklich aus, sie lacht viel, wenn sie über den Entstehungsprozess des Buches berichtet. Hat es sich also gelohnt? War es in der Trauer die richtige Entscheidung? „Ja“, sagt sie und nennt zwei Gründe: „Ich hatte meine Ruhe.“ Und es hat sie näher mit ihrer Tochter Annalena zusammengeschweißt, die einen Teil der Recherche mitgewandert ist. „Es war eine Aufgabe“, sagt Schmidt. „Ein eigenes Projekt – und damit ein Grund, in die Zukunft zu schauen.“