Serie: Viechereien Der Hammel Willy hält sich für ein Pferd

Ein ungewöhnliches Trio: Katharina mit  Moyan und Foto: Ines Rudel
Ein ungewöhnliches Trio: Katharina mit Moyan und Foto: Ines Rudel

Das Findel-Schaf Willy ist zusammen mit zwei Isländern aufgewachsen – und deshalb offensichtlich einem Irrtum aufgesessen. Jetzt begleitet er die 13-jährige Ebersbacherin Katharina und ihr Pony regelmäßig auf Ausritten.

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Ebersbach - Da ist nichts zu machen. Willy hat sich festgebissen. Der junge Hammel, sonst ein begeisterter Begleiter bei Ausritten, denkt ja gar nicht daran, das frische Gras auf seiner Koppel bei Ebersbach mit etwas Bewegung an der Seite von Katharina und ihres Ponys zu vertauschen. Dabei ist er sonst ein treuer Begleiter der 13-Jährigen und des irischen Tinkers Moyan – sehr zur Freude der Spaziergänger, die das ungewöhnliche Trio regelmäßig ungläubig bestaunen. „Nur im Frühjahr ist es schwierig, Willy vom frischen Gras weg zu kriegen“, sagt Katharina ergeben und lockt mit Gurken- und Bananenstückchen. Fehlanzeige. Willy lässt nur ein genüssliches Schmatzen hinter einem dicken Grasbüschel vernehmen.

Auf rund neun Monate taxiert Katharinas Mutter, Katja Sander, das Schaf. Das genaue Alter aber weiß niemand. Denn Willy ist ein „Findelschaf“. Eine Familie im nahen Hochdorf hat ihn als Lämmchen mutterseelenallein auf einer Wiese gefunden – halb verdurstet und am Ende seiner Kräfte. Willy hatte Glück, er wurde liebevoll hochgepäppelt. Tierische Gesellschaft leisteten ihm zwei Isländer. Deshalb saß Willy wohl auch dem größten Irrtum seines Lebens auf: Für ihn sind alle Pferde Schafe. Vielleicht verhalte es sich aber gerade andersherum, und er denke, er sei ein Pferd, sagt Katharina nachdenklich. Fakt ist, dass Willy keinesfalls allein bleiben wollte, wenn die Ponys zum Ausreiten geholt wurden.

Wenn Willy Angst hat, sucht er unter Moyan Schutz

Auf Dauer konnte das Schaf nicht in Hochdorf bleiben. „Die Wiese dort lag an einer viel befahrenen Straße und durfte nicht eingezäunt werden“, erzählt Katharina. Also landete der kleine Springinsfeld im Ebersbacher Teilort Weiler. Katharina schloss den ungestümen Kerl schnell ins Herz – und erkannte sein Talent als Reitbegleitschaf. Sie trainierte den Schafbock gezielt. Willy lernte, artig an der Leine zu gehen, Katharina und Moyan mit und ohne Leine über Stock und Stein zu begleiten und an der Schulter des Pferdes hochzuklettern, um ein Leckerli zu ergattern. Angst hat Willy nur vor Autos und vor Hunden. „Dann verkriecht er sich zwischen Moyans Beinen“, erzählt Katharina und grinst breit unter ihrem dichten Schopf hervor. Dann könne es schon passieren, dass er die Leine um die Pferdebeine wickle. Moyan erträgt’s gelassen.

„Willy! Komm!“ ruft Katharina. Doch der Nimmersatt würdigt sie keines Blickes. Weil alles Locken und Rufen nichts nützt, greift die 13-Jährige schließlich zum Führstrick. Sie hakt ihn am Halsband des Schafs ein. Nach mehreren Versuchen geht Willy widerwillig mit und macht seiner Gattung alle Ehre. Er ist bockig.

Je näher der Hof, desto williger wird Willy

Doch Katharina setzt sich mit gut Zureden und leichtem Zug am Strick durch. „Normal macht er das ohne Leine“, sagt sie noch, bevor sie auf Moyan lostrabt. Das schnellere Tempo scheint Willy zu motivieren. Er reißt neben dem Pony übermütig Bocksprünge. Seine Hinterläufe schlagen mal nach rechts, mal nach links aus. Den Tinker stört das wilde Gehopse an seiner Seite nicht. Ruhig trabt er weiter. Katharina hält ihn, obwohl sie ohne Sattel und nur mit Halsring statt mit Trense reitet, sicher auf Kurs. Je näher das Trio wieder dem Hof kommt, desto williger wird Willy – und desto schneller. Der wollige Kerl stürmt regelrecht in den Hof, um sich, kaum hat Katharina ihn von der Leine gelassen, sofort im hohen Gras zu verbeißen.

Die Schafsflüsterin schimpft noch ein bisschen und erzählt, dass Willy sonst ganz brav sei. „Er kommt sofort, wenn er meine Stimme oder unser Auto hört“, sagt sie und entlässt Moyan auf die Koppel. Als Willy bemerkt, dass er ganz allein ist, vergisst er sogar das saftige Gras unter seinen Hufen. Mit lautem Blöken rennt er Moyan hinterher. Erst als er die Pferde im Blick hat, wendet er sich wieder den leckeren Hälmchen zu. Jetzt ist die Welt in Ordnung.




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