Serie: Was mir heilig ist! „Es ist wie bei Aminosäuren“

Die Elvis-Tolle des Studenten sitzt perfekt. Das ist ihm fast so heilig wie die Musik. Foto: /Julia Hawener

Der Biotechnologe Tobias Schäfer beschäftigt sich eigentlich mit Zellkulturen. Heilig sind die ihm jedoch nicht.

Digital Desk: Julia Hawener (jhw)

Esslingen - Versuchsabläufe mit Zellkulturen und Mikroorganismen durchführen, protokollieren und auswerten – das steht auf der To-do-Liste des 23 Jahre alten Tobias Schäfer, wenn er neben seinem Masterstudium im Labor der Hochschule Esslingen tätig ist. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter und studierter Biotechnologe beweist er ein ruhiges Händchen beim Erforschen von lebenden Organismen, die später zum Beispiel in der Medizin oder in der Industrie angewendet werden können.

 

Zellen, molekulare Strukturen und Reagenzgläser haben mit dem, was Schäfer heilig ist, jedoch recht wenig zu tun. Trotzdem kommt bei der Beantwortung der Frage immer wieder der Biologe zum Vorschein – wie auch bei seiner Definition des Begriffs dieser Serie: „Heilig ist für mich etwas, das durch nichts anderes ersetzt werden kann: wie bei Aminosäuren. Manche sind essenziell und nicht entbehrlich. Andere hingegen schon, da sie der Körper gegebenenfalls auch selbst herstellen kann“, erklärt er. Für ihn sei diese unersetzbare Aminosäure die Musik.

Haare wie die Rock’n’Roll-Legende

Diese Passion könnte Fans einer gewissen Rock’n’Roll-Legende auch direkt ins Auge fallen: wegen Schäfers Tolle. Mit Haargel, Kamm und Föhn gestylt, sitzt sie perfekt – die Elvis-Presley-Frisur des Studenten der Molekularen Zellbiologie und Immunologie. Die Haarpracht symbolisiert nicht nur Tobias Schäfers Liebe zur Musik, sondern vor allem auch sein Faible für bestimmte Genres, denn alles hört und spielt er auf seiner Gitarre nicht.

Von Blues, Rockabilly und Jazz über Punk bis Heavy Metal landet einiges in seiner Musikmediathek. Mit Elektro, House, Pop oder Rap könne er hingegen nicht viel anfangen. Geprägt wurde sein Musikgeschmack schon in jungen Jahren größtenteils von seinem Vater und seinem großen Bruder, die ihn mit den Beatles, den Rolling Stones, ZZ Top oder Rage Against the Machine bekannt machten.

„Ich würde mich sogar als Musik-Autisten beschreiben.“

Gitarren und von ihm selbstgemalte Bilder zieren das WG-Zimmer des Studenten. Tiefe Freude versprüht Tobias Schäfer in diesem Raum, als er von seiner Kindheit erzählt. Schnell noch wirft er im Gespräch ein, dass natürlich auch Familie, Freunde und seine Partnerin ihm heilig sind. „Aber das ist ja wohl klar!“ und somit nichts Außergewöhnliches. Seine Affinität zur Musik hingegen habe schon vor langer Zeit ein Ausmaß angenommen, das nicht normal sei: „Ich würde mich sogar als Musik-Autisten beschreiben“, sagt er scherzhaft. Normale soziale Interaktionen oder eine anständige Unterhaltung mit ihm seien nämlich, sobald ein guter Song kommt, nicht mehr wirklich möglich. Mit 17 sei es besonders schlimm gewesen: Wenn ein Lied lief, von dem er fasziniert war, konnte er sich auf nichts anderes konzentrieren und keiner Konversation mehr folgen. „Jedes Wort, das mit der Musik konkurrierte, war störend.“

Gitarren-Sessions zu ungewöhnlichen Zeitpunkten

Es sei zwar inzwischen schon besser geworden, aber beim Autofahren, berichtet er, habe er immer noch so einen Tick: Wenn er aus irgendeinem Grund leiser machen muss oder im schlimmsten Fall sogar ein Gitarrensolo verpasst, muss der Song komplett von vorne gespielt werden. Auch, wenn er eigentlich schon am Ziel seiner Reise angekommen ist. „Dann sitze ich halt noch mal fünf Minuten im stehenden Auto und höre es fertig“, sagt er. Das finde seine Freundin manchmal schon etwas nervig. Sie sitzt neben ihm. Er schaut sie an. Sie verdreht bestätigend die Augen. „Aber da muss sie durch“, fügt er an, breit grinsend.

Bereits seit 14 Jahren spielt der Esslinger Gitarre, oft zu unüblichen Zeitpunkten. „Ich spiele toujours neben Serien und Filmen“, erzählt er. Das wäre dann seine eigene Hintergrundmusik. Diese mache ihm manchmal auch stressige Online-Vorlesungen angenehmer, erzählt er. „Die Musik beruhigt mich irgendwie.“ Bemerkt hat er diesen Effekt, den die Musik auf ihn hat, allerdings nicht schon mit seiner ersten Gitarre, sondern erst ein paar Jahre später durch ein Geschenk von seinem älteren Bruder – einem MP3-Player.

Musik als Beruf ist keine Option

„Ich hatte immer ein gewisses, unterschwelliges Stresslevel.“ Das sei ihm nur nie aufgefallen, bis er das erste Mal mit seinem Geschenk wirklich bewusst der Musik zugehört habe und der Stress sich sofort legte. „Ein wirklich prägendes Ereignis“, sagt er. Die Musik an sich würde er also gar nicht unbedingt als heilig bezeichnen, denn die begleitete ihn ja schon lange bevor das kleine handliche Gerät, das Lieder speichert und wiedergibt, in sein Leben trat. Es sei mehr das Erlebnis, das er beim Zuhören der Lieder und ganz besonders bei Vier-Töne-Riffs oder Licks auf der Gitarre habe. „So etwas muss ich voll erleben und da darf auch keiner dazwischen reden“, sagt er, denn „diese Momente mit der Musik sind mir heilig.“

Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen oder eine Band zu gründen, kann sich der 23-Jährige jedoch nicht vorstellen. Das sei für ihn, der auch selbst Songs schreibt und an seinem Computer aufnimmt, nie wirklich eine Ambition gewesen, sagt er. „Ich hätte sicher großen Spaß in einer Band. Und es würde mich auch gut tun mit anderen eigene Musik zu machen. Aber ich habe echt Angst, dass es mein Musikerlebnis zerstören könnte“, erklärt er. Und als hauptberuflicher Job würde es für ihn zu viel Stress bedeuten, also genau das, was die Musik ihm eigentlich nimmt. Zudem denkt er hier – wie ein wahrer Wissenschaftler – eher in Zahlen und Fakten. Statistisch gesehen sei das Musikgeschäft nämlich ein eher unsicheres Berufsfeld.

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