Serie Wetterbericht (9) Weimarer Wintersportpioniere
Die Zukunft steht im Zeichen des Klimawandels. In der Serie „Wetterbericht“ verfolgen wir das atmosphärische Geschehen im Spiegel von Literatur, Kunst und Musik. Heute: Goethe on ice.
Die Zukunft steht im Zeichen des Klimawandels. In der Serie „Wetterbericht“ verfolgen wir das atmosphärische Geschehen im Spiegel von Literatur, Kunst und Musik. Heute: Goethe on ice.
Stuttgart - Die Frage, was das Wetter mit uns macht, stellt sich nicht nur mit bangem Blick an den Himmel. Wir schauen in die Kulturgeschichte, um zu ermessen, wie tief unser Denken und Fühlen mit Wolken, Sturm, Sonne, Schnee oder Regen verstrickt ist. Folge 9:
Es gab einmal Zeiten, in denen waren im Januar die Gewässer von einer dicken Eisschicht bedeckt. Zum Beispiel der Schwansee in Weimar. Dann konnte es schon einmal der Fall sein, dass der Geheimrat Goethe, statt mit seinem Freund Schiller Briefe zu wechseln, es vorzog, sich so genannte Schrittschuhe anzuziehen, um ein paar Runden zu drehen.
Lieber als über poetische und literarische Dinge fachsimpelt er mit dem Sturm-und-Drang-Idol Klopstock über das angemessene Gerät: Dieser wollte von hohen hohlgeschliffenen Schrittschuhen nichts wissen, sondern empfahl die niedrigen flachgeschliffenen Stähle, weil man damit besser flitzen konnte – wenn es sein musste bis zum Mondschein: „Einen herrlichen Sonnentag so auf dem Eise zu verbringen, genügte uns nicht; wir setzten unsere Bewegung bis spät in die Nacht fort“, heißt es in „Dichtung und Wahrheit“.
Leider ist kein Bild der Weimarer Gesellschaft überliefert, wie sie homerischen Göttern gleich auf geflügelten Sohlen über die gefrorenen Weiten gleitet: die Herzogsfamilie, gefolgt von Pastor Herder mit Gattin – einzig Frau von Stein soll dabei eine gar zu lächerliche Figur abgegeben haben. Eingefroren im kulturellen Gedächtnis erreicht uns dafür das Bild des schottischen Geistlichen, Reverend Robert Walker, wie er etwa zeitgleich versonnen über einen zugefrorenen See gleitet, als wolle er seinen Pflichten als Seelsorger für immer davonfahren – wenn nicht alles täuscht mit feingeschliffenen Stählen Marke Klopstock an den Füßen.
„Ohne Schrittschuh und Schellengeläut / Ist der Januar ein böses Heut“, dichtet Goethe in hohem Alter in seinen Epigrammen. Sieht ganz so aus, als ob dieses böse Heute uns fest im Griff hat.
Lesehinweis J. W. Goethe: Dichtung und Wahrheit. Herausgegeben und mit einem Kommentar von Klaus-Detlef Müller. Deutscher Klassiker Verlag. 1403 Seiten, 18 Euro.
Die vorige Folge unseres „Wetterberichts“ finden Sie hier.