Unaufmerksamkeit Immer wieder leistet sich der VfB kurze Momente geistiger Abwesenheit. Oft mit weitreichenden Folgen. Im Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg zum Beispiel, als zunächst Florian Müller im ersten Durchgang einen harmlosen Schuss durchrutschen ließ und dann in der Nachspielzeit gleich mehrere Spieler den Laufweg ihres Gegners nicht aufnahmen – so dass Waldemar Anton im Zentrum alleine gegen zwei Gegenspieler stand.
In beiden Fällen führten die individuellen Patzer direkt zu Gegentoren. „So etwas darf einfach nicht passieren“, sagte Verteidiger Pascal Stenzel zum dritten Gegentreffer kurz vor Schluss. „Wenn es von den Beinen her schwieriger wird, müssen wir vom Kopf her noch mal eine Schippe drauflegen.“
Verwundern muss dieses Manko auch deshalb, weil Trainer Pellegrino Matarazzo zuletzt immer wieder derartige Aufmerksamkeitslöcher moniert und Besserung eingefordert hatte. „Von Aktion zu Aktion“ solle sein Team die Spiele angehen, so der VfB-Coach: „Wir brauchen Präsenz auf dem Platz. Ich erwarte, dass die Mannschaft extrem wach ist.“ Umgesetzt hat sie das viel zu selten.
Da hilft es auch wenig, dass die statistischen Werte in Summe gar nicht schlecht aussehen: Gegen Wolfsburg hatte der VfB 53 Prozent seiner Zweikämpfe gewonnen, gegen Frankfurt sogar 58 Prozent. In den spielentscheidenden Aktionen aber waren die Stuttgarter nicht präsent. Sondern unaufmerksam.
Passivität Man hat nicht in allen Spielphasen den Eindruck, dass die VfB-Profis dem Gegner den Ball mit letzter Vehemenz abnehmen möchten: Sie weichen oft zurück, anstatt zu attackieren, verharren auf ihren Positionen, anstatt herauszurücken. Sicher hat das alles auch mit der fehlenden breiten Brust nach acht sieglosen Spielen zu tun, an der Problematik ändert das freilich nichts. Von einer „Rückwärtsbewegung im Verteidigen“ sprach Matarazzo nach dem Wolfsburg-Spiel – und bekundete unmissverständlich: „Das hat mir nicht gefallen.“
Denn die Folgen sind erheblich: Oft gerät der passive VfB tief in die eigene Hälfte – und wenn der Gegner regelmäßig in Stuttgarter Strafraumnähe in Ballbesitz ist, wird zwangsläufig auch das eigene Tor bedroht. Durch abgefälschte Schüsse oder auch durch Standards. Bemerkenswerte acht Eckbälle und neun Freistöße hatte Wolfsburg in 90 Minuten gegen den VfB, der Schnitt in der Bundesliga liegt bei jeweils fünf. Gegen die Wölfe blieb das zwar folgenlos, im Spiel zuvor aber gegen Eintracht Frankfurt fielen alle Gegentore nach solchen Standards.
Positionstreue Dass im Fußball alle elf Spieler am Verteidigen beteiligt sein sollten, ist eine Binsenweisheit. Allerdings eine, die der VfB zuletzt immer wieder unzureichend beherzigt hat. Vor allem auf außen.
Das fällt insbesondere dann auf, wenn der Gegner eine Seite mit mehreren Spielern überlädt wie der VfL Wolfsburg zuletzt auf links: Immer wieder schaltete sich Außenverteidiger Paolo Otavio mit ein, auch Mittelstürmer Omar Marmoush wich öfter auf den Flügel aus – wo VfB-Flügelstürmer Silas Katompa wiederholt zu spät mitarbeitete. „Wir hatten unsere rechte Seite auf dem Flügel nicht im Griff“, sagte Matarazzo merklich verärgert, der Silas sogar zum Einzelcoaching an die Seitenlinie holte. Letztlich vergebens.
Bei den Gegnern scheint sich dieses Manko allmählich herumzusprechen. Wölfe-Coach Niko Kovac benannte das Flügelspiel gegen den VfB explizit als einen Schlüssel zum Sieg: „Sie hatten schon Probleme auf unserer linken Seite, weil wir es immer wieder geschafft haben zu doppeln oder trippeln.“ Bekommt der VfB den Flügel auch künftig nicht geschlossen, helfen alle Abräumerqualitäten von Atakan Karazor im Zentrum nichts. Es ist nur eine von mehreren defensiven Stuttgarter Baustellen.