Serien „The Crown“ und „Victoria“ Schatten auf dem royalen Glanzbild

Von Sabine Fischer 

Die Anziehungskraft der europäischen Royals ist ungebrochen. Wirklich? Das Netflix-Format „The Crown“ und die Sky-Produktion „Victoria“, beide in der zweiten Staffel angekommen, brechen auf ihre Art die Scheinwelten der Monarchie auf.

Zwischen Krone und Leben: Claire Foy als Queen Elizabeth II und Matt Smith als Prinz Philip Foto: Netflix
Zwischen Krone und Leben: Claire Foy als Queen Elizabeth II und Matt Smith als Prinz Philip Foto: Netflix

London - Im bodenlangen Rauschekleid kniet Prinzessin Margaret in „The Crown“ vor einer blütenbedeckten Märchenkulisse und verdreht die Augen. Warum diese Porträts nur immer so gestellt aussehen müssten, mault sie und zieht an ihrer Zigarette. Sollten Fotos nicht viel eher Realität und Komplexität widerspiegeln? Ihre Mutter schüttelt abfällig den Kopf und rückt ihr das Kinn zurecht: „Keiner will von der Krone Realität und Komplexität. Das haben die Leute in ihrem eigenen Leben genug. Wir helfen ihnen, daraus zu fliehen.“

Treffender hätte man es kaum formulieren können. Der Anachronismus des Adels fasziniert – und das nicht nur auf der Leinwand. Bis heute sind die Skandale und Wehwehchen der Royals für viele eine beliebte Form der Alltagsflucht. Zu gucken gibt es dort schließlich immer was: Mal macht Schwedens Kronprinzessin Victoria mit der Liebe zu ihrem Fitnesstrainer Schlagzeilen, mal sorgt man sich auf der Panoramaseite britischer Boulevardblätter um Kate Middletons Schwangerschaftsübelkeit, mal schüttelt man so nachsichtig den Kopf über Prinz Harrys Las-Vegas-Partys, als sei er ein entfernter Cousin, den man trotz seiner Eskapaden irgendwie lieb hat. Obwohl die Vorstellung, dass sich Vertreter des Königshauses heute noch ernsthaft in die Matcha-Latte-Realität ihrer Untertanen einmischen, für die meisten Westeuropäer politisch absurd klingt, bleibt die Hassliebe zur Monarchie ein Phänomen.

Der Mechanismus hinter der royalen Anziehungskraft ist dabei eigentlich recht einfach. Denn was von den medienwirksamen Küssen auf dem Balkon des Buckingham Palace und den abgeschirmten Kutschfahrten durch die Londoner Innenstadt bleibt, ist vor allem ein Gefühl der Unerreichbarkeit. Die Faszination einer perfekten Inszenierung, die vor der durchgetakteten Alltagsmaschinerie des Normalsterblichen zur (Alb-)Traumvorstellung wird.

Der Kampf zwischen System und Mensch

Naja, zumindest auf den ersten Blick. Denn dass dieses Bild stellenweise gewaltig bröckelt, zeigen momentan gleich mehrere Serien: Die Netflix-Produktion „The Crown“ zum Beispiel begleitet eine junge Queen Elizabeth II durch ihre Regentschaft, die Sky-Serie „Victoria“ folgt der Monarchin durch die Anfänge des viktorianischen Zeitalters.

Zwei ikonische Protagonistinnen, die nicht nur einen ganzen Haufen an historischen Errungenschaften, sondern auch knapp 130 Jahre Thronerfahrung zusammenbringen – Tendenz steigend, denn schließlich ist die Queen nicht nur seit 1952 im Amt, sondern bleibt auch weiterhin britisches Staatsoberhaupt. Dennoch könnten die Ansätze beider Produktionen unterschiedlicher kaum sein: Während die Serienschöpferin Daisy Goodwin ihre Queen Victoria (Jenna Coleman) nämlich als willensstarke Rebellin inszeniert, die im zarten Alter von 18 Jahren in den politischen Zirkus ihres Landes geworfen wird und sich dort mit kindlichem Trotz durchzusetzen versucht, ist Peter Morgans Elizabeth (Claire Foy) geradezu das Gegenteil. Anstatt sich – wie ihre Schwester Margaret – gegen die Fesseln der Monarchie zu wehren, sucht sie ihren eigenen Weg im Klüngel der Konventionen: zurückhaltend, überlegt und taktierend. So zeigen beide Serien unabhängig voneinander zwei Seiten des jahrhundertealten Kampfes zwischen System und Mensch. Victoria, welche die Monarchie radikal verändern will, auf der einen, Elizabeth, die sich von innen durch die verknoteten Fäden manövriert, auf der anderen Seite.

Im Sumpf des royalen Regelsystems

Während die junge Victoria so zur charakterstarken Reformerin mutiert, verharrt Queen Elizabeth fast zwangsläufig im Spannungsfeld zwischen Krone und Leben – besonders schön inszeniert wird das anhand der Beziehung zu ihrem Ehemann Philip (Matt Smith). Während der als Lebemann verschriene Charmeur sich von seiner Gattin nämlich nicht nur eine schickere Frisur, sondern auch ein bisschen mehr Zuneigung wünscht, bleibt die junge Königin in jedem Anlauf, auf ihn zuzugehen, fast schon qualvoll leise im Sumpf des royalen Regelsystems stecken.

Und so brechen beide Serien, die dank ihrer goldverzierten Kulissen, salbungsvollen Dialoge und donnernden Musik auf den ersten Blick wie eine geradezu kitschige Hommage an den Adel wirken, letztlich auf ihre ganz eigene Art Scheinwelten auf. Denn auch das ist Teil der gesellschaftlichen Faszination: die Sehnsucht nach dem Unperfekten hinter der überladenen Märchenkulisse – und das nicht erst seit den Zweifeln von Prinzessin Margaret.