Serientipp „Social Distance“ Das große Leben in Lockdown-Räumen

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Die neue Netflix-Serie „Social Distance“ erzählt in acht tragikomischen Episoden vom Eingesperrtsein zuhause. Die kurzen Geschichten rühren an, überraschen und sind ganz auf Höhe der Zeit. Im Netz sorgt die Serie jedoch für Zwist.

Miguel (Oscar Nuñez) leitet gerade eine virtuelle Aussegnungsfeier. Foto:Netflix Foto:   32 Bilder
Miguel (Oscar Nuñez) leitet gerade eine virtuelle Aussegnungsfeier. Foto:Netflix

Stuttgart - Sucht man ein wenig im Netz herum, scheint der Fall schnell klar: „Social Distance“ ist ziemlicher Mist geworden. Die Netflix-Serie, die in acht kurzen Episoden mit jeweils neuen Figuren vom Eingesperrtsein zuhause in Corona-Zeiten erzählt, wird von Bloggern, Kritikern und Kurzkommentatoren mal enttäuscht, mal verächtlich, mal genervt abgetan. Mit Flops ist ja auch zu rechnen, Netflix hievt jede Woche viel neuen Content online. Das kann nicht alles Klasse haben.

Wer mehr als Sternchenbalken liest, muss aber bald stutzig werden. Die einen stören sich daran, dass „Social Distance“ die Pandemie viel zu leicht nehme, die anderen bemängeln, in fast allen Episoden werde viel zu heftig dramatisiert.

Nah am harten Boden

Manche maulen, diese Kurzerzählungen, die in den Bildgrenzen von Chatprogrammen wie Zoom und Facetime bleiben, würden der aktuellen Lage kein bisschen gerecht und hielten sich auch nicht an die selbst auferlegten optischen Grenzen. Andere kritteln dagegen, es sei nachgerade deprimierend, wie realitätsversessen die Serie in diesen Grenzen verharre. Überhaupt verdopple sie nur ganz getreulich das reale Elend, wo man doch jetzt ein bisschen Ablenkung suche.

So wird klar: „Social Distance“ geht den Leuten an die Nerven. Manchmal trifft da einfach scharfer Witz auf stumpfe Doofheit, wenn Leute etwa beklagen, nun ginge es schon wieder um Rassismus, „Black Lives matter“ und andere Themen, die man als privilegierter Weißer für eher unwichtig hält. Aber meist scheint da anderes am Werk: „Social Distance“ schafft es nämlich, zugleich weh zu tun und zu amüsieren, uns in einem Moment über die Realität zu erheben und im nächsten ganz nah an den harten Boden zu bringen. Fast jede Episode ist ein wunderbares Beispiel für Tragikomik, aber offenbar stört das bei manchen Menschen ein Kästchendenken: Entweder hat etwas ernst, würdig und tiefsinnig zu sein oder erheiternd, weltfern und belanglos.

Dreiersex und Fußabtreter

Die Wirklichkeit aber ist ein Schlamassel aus allem. Wir sind darum manchmal in Momenten, in denen alles in uns und um uns zusammenbricht, auch Witzfiguren, und in Sekunden, in denen wir uns kringeln vor Vergnügen, ein zum Heulen trauriger Anblick. Das von Hilary Wiseman Graham und Jenji Kohan – die beiden haben die Serie „Orange is the new Black“ geprägt – mit entwickelte Format bekommt diese Widersprüche bewundernswert genau und zart zu fassen.

Da ist die virtuelle Aussegnungsfeier, bei der sich die Familie mal wieder in die Wolle bekommt, da ist das schwule Pärchen, bei dem es kriselt und das zwecks Spannungslösung einen Fremden im Netz für Dreiersex anheuern will, da ist der frisch Verlassene, der mit seinen Instagrambildern aus dem Lockdown kurz zum Star und dann zum Fußabtreter wird, da sind der Chef und der einzige junge Angestellte einer Eventfirma, die sich über die „Black Lives matter“-Demos zerstreiten. All diese Figuren sind überlebensgroß wie in Screwball-Comedies oder Breitwandschnulzen, aber sie bewegen sich flink durch unerwartete, fein schattierte Emotionen und sind sprachlich wie gedanklich ganz von heute.

Zeugnis der Wunden

In einer Folge liegt eine noch halbwegs junge, an Covid erkrankte Mutter in heimischer Schlafzimmerquarantäne im Bett. Wahrscheinlich gar nicht so schlimm, denkt man, sie musste ja nicht mal in eine Klinik. Aber als ihr Mann vorschlägt, es sei jetzt doch Zeit fürs Krankenhaus, da weint sie los, bettelt, sie möge bitte zuhause sterben dürfen, umgeben von den vertrauten Geräuschen ihrer Familie. Das packt ungemein, wenn man bereit ist, sich aufs Unberechenbare einzulassen.

Anders also als das Gemaule im Netz behauptet, wird „Social Distance“ einmal ziemlich großartig Zeugnis davon ablegen, welche Wunden es gab, als das große Leben in die kleinen Lockdown-Räume passen musste.

Verfügbarkeit: Beim Streamingdienst Netflix, alle acht Folgen bereits abrufbar




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