Serientipp „The Twilight Zone“ Wenn die Männer Amok laufen

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Zu den tollsten TV-Serien überhaupt zählt noch immer Rod Serlings „The Twilight Zone“ aus dem Jahr 1959. Nun ist die dritte und bislang beste Neuauflage da: Fantastische Geschichten voll skurriler Ideen, wunderlicher Ereignisse und cleverer Gesellschaftskritik.

Szenenbild aus der aktuellen Variante der „Twilight Zone“ - aus der Episode „Meteoriten“ Foto: RTL/CBS 18 Bilder
Szenenbild aus der aktuellen Variante der „Twilight Zone“ - aus der Episode „Meteoriten“ Foto: RTL/CBS

Stuttgart - Plötzlich eskaliert es. Was? Jede Begegnung im Alltag: Hier fährt eine Frau ihr Auto einem Wartenden nicht schnell genug vom Parkplatz, dort platzt ein Gartenschlauch, da glaubt der Barkeeper, ein gut betankter Gast habe jetzt genug getrunken. Den Männern in diesen Situationen schwellen Hals- und Stirnadern, die Äderchen in ihren Augäpfeln platzen, bis rote Bälle aus den Schädeln leuchten, drohendes Reden wird Gebrüll, dann manifestiert sich in rauschhaftem Prügeln purer Vernichtungswille. Von diesem Zusammenbruch der Zivilisation erzählt die Folge „Meteoriten“ der CBS-Serie „The Twilight Zone“, die in Deutschland der Streamingdienst TV Now anbietet.

Der Blick der Frauen

In dieser Nacht war ein kleiner Meteoritenschauer über einem ganz normalen amerikanischen Städtchen niedergegangen. „The Twilight Zone“ nutzt nicht nur in dieser Folge vertraute Muster von Science-Fiction und Horror, hier das Motiv der fremden Substanz, die irdisches Leben in Monster verwandelt. Aber es geht nicht um einen Abwehrkampf gegen von außen kommendes Böses. Die Meteoriten wirken bloß als Anregung für die Empfänglichen, den längst in ihnen gärenden Groll endlich auszuleben.

Klugerweise folgt die Kamera bei ihrer Reise durch die Wut der Männer einer Frau. Geschrieben hat diese Episode die „Saturday Night live“-erfahrene Heather Anne Campbell, Regie geführt hat Christina Choe. Die beiden machen aus dem Exzess nicht bloß eine Allegorie auf die wachsende Anspannung in unserer Gesellschaft. Sie weisen auf eine weibliche Erfahrung hin: beständig von latenter männlicher Aggression umgeben zu sein, vom bedrohlichen Drang, Probleme gewaltsam zu lösen. Manches, was hier öffentliches Spektakel wird, ist letztlich bloß das, was Frauen sonst hinter den zugezogenen Vorhängen ihrer Beziehung erleben: dass auch der nette Mann ganz anders kann.

In großen Fußstapfen

Als Kommentator aller für sich stehenden Folgen tritt der Produzent Jordan Peele vor die Kamera, ein afroamerikanischer Filmemacher, der mit seinen Kinofilmen „Get out“ und „Us“ scharfes Profil gewonnen hat. Peele nutzte auch da Elemente von Horror und Science-Fiction, um von gesellschaftlichen Krisen zu erzählen, von den neuen Formen des alten Rassismus in den USA. Peele für diese Serie geheuert zu haben erweist sich als ziemlicher Geniestreich von CBS Access, dem Streamingdienst eines der alten amerikanischen TV-Giganten, der gegen Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Apple TV+ nicht in der Favoritenrolle antritt.

Dieses Projekt ist nicht einfach der Versuch, aktuellen Anthologienserien wie „Black Mirror“ etwas entgegenzusetzen – es ist der Neustart eines Klassikers aus dem Jahr 1959, der „Black Mirror“ erst inspiriert hat. In größere Fußstapfen als jene von Rod Serlings „The Twilight Zone“ kann man gar nicht treten wollen.

TV-Revolution der 50er

Ende der 50er Jahre waren sich die USA gewiss, die fortschrittlichste, lebenswerteste, zukunftsträchtigste Gesellschaft aller Zeiten zu sein. Trotzdem war gerade die Fantastik in Film und Fernsehen nicht so prägend wie heute. Science-Fiction war mit der damaligen Tricktechnik schwer glaubhaft herzustellen, obendrein aber galt sie als kruder Kram, als Autokinofutter für simple Gemüter.

Der Produzent Rod Serling pflückte diese Arroganz in Teile und kippte die Reste in den Müllschlucker. Er machte in „The Twilight Zone“ das, was die Literatur lange schon praktiziert hatte: Er nutzte fantastische Ideen, um neue Blicke auf große, kleine, ulkige, ernste, ewige und akute Fragen und Probleme zu finden.

Kleines Budget, große Wirkung

Serlings oft sehr clevere Schwarz-Weiß-Halbstünder führten vor, wie man ohne Pomp fantastische Welten entwerfen, den Alltag auf den Kopf stellen und von Dingen jenseits des menschlichen Wissens und der dicksten Versandhauskataloge erzählen konnte. Dabei waren sie dicht geschrieben, präzise inszeniert, sorgfältig ausgestattet, oft erstklassig gespielt und wirkungsvoll fotografiert. Trotz ihrer kleinen Budgets sahen sie nie wie die Lumpenpuppenvariante eines Hollywoodfilms aus.

Zwei mal schon, 1985 und 2002, gingen Neuauflagen der Serie, die zahllose Schriftsteller und Filmemacher von Stephen King bis J. J. Abrams beeinflusst hat, an den Start. Jordan Peeles Version allerdings kommt dem Klassiker dank der gesellschaftlichen Relevanz am nächsten. Auch wenn sie sich nicht immer ans 30-Minuten-Format hält und in längeren Folgen ab und an ein wenig überpädagogisch wird: Sie ist frisch, pfiffig, provokant. Der Wermutstropfen: Der Streamingdienst TV Now, ein Projekt der RTL-Gruppe, bietet nur die deutsche Synchronisation, aber keinen O-Ton. Bei aller Freude am Fantastischen: So eine Zeitreise in die Sitten und Gebräuche des linearen Fernsehens von einst ist ärgerlich.

Verfügbarkeit: Beim Streamingdienst TV Now, alle Folgen bereits abrufbar.