Serientipp zu „Watchmen“ Rassisten und maskierte Cops

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Polizisten wagen sich nur vermummt in die Öffentlichkeit, eine rassistische Untergrundarmee plant den Umsturz, vom Himmel fallen außerirdische Oktopusse: Die Welt der Serie „Watchmen“ ist leicht bizarr. Und zugleich ein interessanter Zerrspiegel der realen USA.

Auch die düstere Vermummung bietet der Polizistin Angela Abar (Regina King, li.) bald keine Sicherheit mehr. Foto: HBO 18 Bilder
Auch die düstere Vermummung bietet der Polizistin Angela Abar (Regina King, li.) bald keine Sicherheit mehr. Foto: HBO

Stuttgart - Der weiße Mob ist bewaffnet, entfesselt und gnadenlos. Die HBO-Serie „Watchmen“, bereits jetzt als Musterbeispiel für die erzählerische Kraft und Komplexität des Fernsehens gepriesen, beginnt nicht mit Rassenunruhen, sondern mit einem wahren Vernichtungsfeldzug in einer amerikanischen Stadt der 20er Jahre. In Tulsa, Oklahoma, strecken Weiße ihre schwarzen Mitbürger auf offener Straße nieder als befänden sie sich auf einer Drückjagd auf Wildschweine. Sie bombardieren schwarze Wohnhäuser und Geschäfte mit improvisierten Sprengsätzen von Privatflugzeugen aus, als sei „Watchmen“ eine rabenschwarze und gallebittere Satire, die der Wut und Frustration der Black-Lives-Matter-Bewegung entstiegen ist. Aber in einer oft surrealen, fantastischen, unsere Wirklichkeit neu mixenden Serie ist dieses Ereignis der realhistorische Ankerpunkt.

Das verdrängte Verbrechen

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten Afroamerikaner, die unter dem Sternenbanner auf Geheiß ihrer weißen Regierung gekämpft hatten, mit neuem Selbstbewusstsein und neuen Ansprüchen nach Hause zurück. Die alten Ungleichheiten, und Demütigungen und spontanen Ungerechtigkeit wollten sie nicht mehr wie zuvor hinnehmen – und schienen umgekehrt den vielen Rassisten im Land als größere Bedrohung denn je zuvor.

An vielen Orten kam es zu Reibereien, Unruhen, Lynchmorden – und nirgend zu einem so schlimmen Ausbruch wie im Frühsommer 1921 in Tulsa, wo die wohlhabendste afroamerikanische Gemeinschaft des Landes – 35 Häuserblocks groß – niedergebrannt wurde. Es gab 100, vielleicht auch 300 Tote, mehrere Hunderte Verletzte, Tausende Verhafteter. Viele Afroamerikaner flohen nach dem Pogrom aus der Gegend. Gerade der Größe der Schande wegen hat das kollektive amerikanische Bewusstsein den Exzess Tulsa lange verdrängt.

Außerirdische Oktopusse

„Watchmen“ holt den Skandal nun in die Populärkultur und macht ihn so bekannt wie nie zuvor – das böte einer High-Concept-Serie mit volkserzieherischem Anspruch schon jede Menge Stoff. Aber die Macher von „Watchmen“, die außerirdische Oktopusse durch transdimensionale Schlupflöcher wie saugnapfreichen Hagel auf Häuser, Menschen, Autos prasseln lassen, definieren Aufklärung ganz anders als gängiges Volkshochschulfernsehen.

Schon in der ersten Folge macht die Serie einen gewaltigen Zeitsprung nach vorne, bis ins Jahr 2019. Wir befinden uns noch immer in Tulsa, Oklahoma, aber gewiss nicht in den USA, die wir aus den Nachrichten kennen. Irgendwie scheint die Beziehung zwischen Afroamerikanern und Weißen eine andere zu sein als in der Ära von Donald Trump, aber auch eine andere als in der Ära Barack Obamas. Die Rassenunruhen von Tulsa haben andere Folgen gehabt, die USA haben sich ein wenig, aber nicht völlig anders entwickelt.

Ein schöner Irrgarten

Alles hier, Technologien, Moden, Machtverhältnisse, öffentliche Einrichtungen, Gesetze und Karrieren sind gegenüber unserer Realität verschoben. Doch „Watchmen“ nimmt uns nie mit ruhigem Griff an die Hand, führt uns nie detailliert erklärend durch die Fremde. Die Autoren werfen uns hinein in diese anderen USA, necken und foppen uns mit Andeutungen, schocken uns mit Befremdlichem, lassen uns staunen und grübeln. Einen so schönen Irrgarten hat die Serienwelt für Zuschauer, die bereit sind, mitzudenken, selbstständig Spuren und Hinweise auszuwerten und einmal aufgestellte Theorien auch wieder zu verwerfen, selten, falls überhaupt je, geboten.

Dass „Watchmen“ heißt wie ein bahnbrechender Comic aus den 80er Jahren (siehe Infokasten), der mithalf, Superhelden aus der Ecke für krawalligen Kinderkram zu holen, ist kein Zufall. Tatsächlich ist die Parallelwelt der Serie jene des Comics, nur 35 Jahre später. Allerdings muss man die gezeichnete Geschichte von Alan Moore und Dave Gibbons nicht kennen, um sich zurechtzufinden. Im Gegenteil, vielleicht wird das Anschauen sogar ein wenig schwieriger, wenn man Motive und Figuren der Serie, die einem bekannt vorkommen, mit den Ereignissen des Comics zu verknüpfen versucht.

Cops mit Sicherungen

In Tulsa etwa laufen Polizisten grell und individuell maskiert herum, wie weniger prägnant ausgedachte Comic-Vigilanten der 40er und 50er Jahre. Ist das ein Zeichen für eine enthemmte Ordnungsmacht, die auf Gesetze und Bürgerrechte pfeift? Diese Theorie wird in der ersten Folge früh zerstäubt. Wir erleben mit, wie ein Polizist im Einsatz versucht, an seine Waffe zu kommen. Die steckt in einem elektronisch verriegelten Holster im Auto, und der Cop muss per Funk erst einen Fragenkatalog der Zentrale abarbeiten, der sicherstellen soll, dass alle gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz möglicherweise tödlicher Gewalt gegeben sind. Erst dann wird ein Entriegelungsimpuls gesendet.

Polizistinnen wie die Afroamerikanerin Angela Abar (Regina King), eine der tragenden Figuren der Serie, sind vermummt, weil sie den Bürgern gegenüber tatsächlich anonym bleiben möchten. Es gibt hier eine Untergrundarmee der Copkiller, genannt die Siebte Kavallerie, die Gesichtsmasken mit einem Fleckmuster wie ein Rorschachtest tragen. Das bezieht sich auf den Vigilanten Rorschach, von dem der Comic erzählte, aber wie, das bleibt vorerst noch unklar.

Vielleicht der neue Ku-Klux-Klan?

Die nahe liegende Arbeitshypothese: Diese Maskenträger könnten eine Variante des Ku-Klux-Klan sein, ein rassistischer Geheimbund, der eine stark afro-amerikanisch geprägte Gesellschaft bekämpft. Diese Einschätzung wird im Fortgang der Serie manche Justierung erfahren.

Das Rätselspiel „Watchmen“ funktioniert nicht nur auf der Ebene des Drehbuchs. Der Showrunner Damon Lindelof („The Leftovers“) ist von so talentierten wie motivierten Menschen in allen Gewerken umgeben. Die Kameraarbeit, der Schnitt, die Ausstattung, die Schauspieler (u. a. Jeremy Irons und Tim Blake Nelson), die Musik sind nicht nur für sich ein Vergnügen. Die inspirierte Sicherheit ihres Zugriffs lässt auch nie das Gefühl aufkommen, die Zickzack-Reise der Enthüllungen und Verwirrungen könne ins Nichts führen. Nach sechs von neun Folgen „Watchmen“ kann man ohne Zögern versprechen: Diese Serie ist ein Erlebnis.

Verfügbarkeit: Bei Sky wöchentlich eine neue Folge, bei Skyticket streambar.