Der Bürgermeister der Gemeinde Sersheim würde den Vaihingern am liebsten die gute Nachbarschaft kündigen. Grund ist sein Wunsch nach einem Lkw-Fahrverbot in seiner Ortsdurchfahrt. Damit beißt er in Vaihingen auf Granit.

Ludwigsburg: Markus Klohr (mk)

Sersheim - Von außen betrachtet scheint die Nachbarschaft ganz gut zu funktionieren. Die Gemeinde Sersheim und die Stadt Vaihingen/Enz arbeiten in vielen Bereichen zusammen. Sersheim ist gar Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Vaihingen/Enz, die die Gemeindeverwaltung in vielen Punkten entlastet. Doch neuerdings ist der Sersheimer Bürgermeister Jürgen Scholz geneigt, die Partnerschaft in Frage zu stellen. Er sieht sich und seine Gemeinde vom Nachbarn ausgebootet.

Der Stein des Anstoßes ist ein Durchfahrtsverbot für Lastwagen in der Oberriexinger- und der Sedanstraße in Sersheim. Scholz hält die enge Durchfahrt für ein Nadelöhr, sieht seine Fußgänger potenzieller Gefahr durch Schwerlastverkehr ausgesetzt und dringt deshalb auf ein Verbot. Das tut er schon seit gut sieben Jahren.

„Die Gefährung ist denen egal“

Doch im Vaihinger Rathaus findet sein Ansinnen kein Gehör. Lange Zeit hat Scholz sich sogar gefragt, ob der Antrag bei der unteren Verkehrsbehörde in Vaihingen überhaupt angekommen ist. Es gab regen Briefverkehr, vor fast genau einem Jahr sogar einen Ortstermin. Dennoch hat der Leiter der Vaihinger Behörde erst jetzt darauf reagiert – wenige Tage, nachdem diese Zeitung nachgehakt hatte.

Die Vaihinger Antwort auf den Antrag lautet: Nein. Die Verkehrsbehörde hat beim Regierungspräsidium beantragt, das Ansinnen der Nachbargemeinde abzulehnen. „Das halte ich für einen Skandal“, wettert der Sersheimer Bürgermeister. „Das Gefährdungspotenzial durch 40-Tonner ist denen schlicht egal.“

„Jetzt muss Sersheim eben den Verkehr ertragen“

Tatsächlich scheint die Diskussion auf einer inhaltlichen Ebene, aber auch mit politischen Untertönen geführt zu werden. Bis zum Jahr 2006 gab es in den beiden Straßen bereits ein Fahrverbot für Laster. Als die neue Umgehungsstraße für das Gewerbegebiet Eichwald kam – Mitglied ist neben Sersheim auch Sachsenheim, Oberriexingen und Bietigheim-Bissingen –, hob die Vaihinger Verkehrsbehörde das Verbot auf. Die Begründung hat sich im Kern bis heute nicht geändert. Es seien dort werktags nur noch rund 60 Lastwagen unterwegs, erläutert Martina Fischer, die Sprecherin der Stadtverwaltung. Zudem gebe es diverse Engstellen der Straße, die den Verkehr abbremsen würden. „Wir sehen keine zwingende Notwendigkeit für ein Durchfahrtsverbot.“

In den Erläuterungen des Oberbürgermeisters Gerd Maisch klingen gleichwohl auch politische Argumente durch. Die Umgehungsstraße sei vom Zweckverband Eichwald geplant worden. Weil Großsachsenheim mit Billigung des Landratsamts für Lkw gesperrt worden sei, fahre der Verkehr eben durch Sersheim. Wenn Vaihingen das Verbot verhänge, dann rolle der Lasterverkehr durch seine Stadtteile Horrheim oder Kleinglattbach. „Jetzt muss eben Sersheim den Verkehr ertragen.“

Aufsichtsbehörde sieht „noch Gesprächsbedarf“

Spannend dürfte nun die Frage sein, wie das Regierungspräsidium Stuttgart (RP) in der Sache entscheidet. Vertreter der Behörde waren bei dem Ortstermin im März 2012 zugegen und von der Vorführung der Gefahrenpotenziale durch große Lastwagen offenbar beeindruckt. „Wir haben Anhaltspunkte dafür gesehen, dass die Beschwerden nicht unbegründet sind“, sagt der Pressesprecher Clemens Homoth-Kuhs. Seine Behörde habe die Vaihinger Kollegen aufgefordert, „in dieser Sache tätig zu werden“. Das Ablehnungsschreiben aus dem Vaihinger Rathaus liege dem RP bereits vor. Seine Fachleute „sehen da noch Gesprächsbedarf“, vor allem mit Blick darauf, „ob die Prüfung der Verkehrssicherheit schon ausreichend erfolgt ist“.

Bis die Entscheidung gefallen ist, drohen sowohl Sersheim als auch Vaihingen mehr oder weniger unverhohlen mit einer Klage. Gerd Maisch sähe sich zudem gezwungen, seinerseits in Horrheim und Kleinglattbach Lkw-Fahrverbote zu verhängen. „Das wäre Sankt-Florians-Politik pur.“ Scholz ist enttäuscht, dass Vaihingen sich nicht mal auf eine zweijährige Probephase einlassen will. Immerhin in einem Punkt gibt Maisch seinem Kollegen Recht: Die Bearbeitungsdauer des Sersheimer Widerspruchs durch seine Verkehrsbehörde sei deutlich zu lang ausgefallen. „Da haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert.“

Kommentar: Schwer verfahren

Der Sersheimer Bürgermeister Jürgen Scholz gilt im Kollegenkreis nicht als Meister der hohen Diplomatie. Er kann sich über vermeintliche Ungerechtigkeiten, die seiner Gemeinde widerfahren, aufs Deftig-Schwäbischste aufregen. Bei der elend lange währenden und ziemlich verfahrenen Debatte über ein Lastwagen-Fahrverbot für Teile der Sersheimer Ortsdurchfahrt kann einem Scholz aber tatsächlich ein bisschen Leid tun.

Man muss schon den Eindruck gewinnen, dass der große Bruder – in diesem Fall die Verkehrsbehörde der Stadt Vaihingen – den kleinen Nachbarn am sprichwörtlichen ausgestreckten Arm verhungern lassen wollte. Dass die Verwaltung der Großen Kreisstadt fast ein Jahr braucht, um nach einem Ortstermin auf ausdrückliche Aufforderung der Aufsichtsbehörde überhaupt aktiv zu werden, wirft kein gutes Licht auf die Abläufe im Rathaus.

Der OB lässt seine Qualitäten vermissen

Doch auch inhaltlich fühlt Scholz sich nicht ganz zu Unrecht verschaukelt. Es mag durchaus sein, dass die quantitative Belastung der Oberriexinger Straße durch Lastwagen nicht sehr hoch ist. Aber jeder, der die Straße kennt weiß, dass es dort eng und tendenziell gefährlich zugeht. Die Argumente des Vaihinger Oberbürgermeisters verwundern. Wer Gerd Maisch kennt, weiß, dass er ungern über Probleme lamentiert, sondern lieber Lösungen sucht. Genau diese Qualität lässt er nun vermissen.

Es wäre durchaus möglich gewesen, die Lastwagen aus den beiden engen Straßen zu verbannen, sie aber durch die Vaihinger Straße in Sersheim rollen zu lassen – explizit als Umfahrung ausgeschildert. Ein Probebetrieb für zwei Jahre hätte niemandem weh getan und viel zum Nachbarschaftsfrieden beigetragen. Gut möglich, dass das Regierungspräsidium diesbezüglich ein Einsehen hat.