Service-Roboter in Japan Menschen? Igitt!
In Japan ist man technisch ziemlich weit: In Restaurants bringen Roboter das Essen, das Einkaufen klappt berührungslos.
In Japan ist man technisch ziemlich weit: In Restaurants bringen Roboter das Essen, das Einkaufen klappt berührungslos.
Stuttgart - Je tiefer sich der Oberkörper gen Boden beugt, desto höflicher wirkt der Gruß. Und je weniger sich der Kopf senkt, desto höher scheint der gesellschaftliche Status. Diese Grundregeln der Verbeugung kennt in Japan jedes Kind. Und bis heute ist es nicht etwa die westliche Tugend des festen Händedrucks, die bei der Begrüßung zählt, sondern diese alte, berührungslose Körperneigung. Genauso wie flanierende Pärchen auf den Straßen Japans normalerweise nicht etwa Händchen halten, sondern einfach nebeneinanderher gehen, ohne sich anzufassen.
In Japan gilt prinzipiell: Solange sich Körperkontakt vermeiden lässt, ist er auch nicht unbedingt gefragt. Möglich, dass diese Faustregel in Zeiten von Corona auch ein Erfolgsfaktor ist. Mehrere Politiker des ostasiatischen Landes glauben jedenfalls, dass Japan auch deshalb relativ wenige Erkrankungszahlen aufweist. Insgesamt rund 70 000 Personen haben sich bis jetzt mit dem Coronavirus angesteckt. Angesichts der japanischen Bevölkerung von mehr als 125 Millionen ist dies ein für viele Länder beneidenswert niedriger Wert.
Neben den üblichen Abstandsregeln und der Maskenpflicht in geschlossenen Gebäuden arbeitet man im Land seit einigen Monaten an einer weiteren Strategie der Infektionseindämmung: Forschungsinstitute, Entwicklungsabteilungen und Start-ups suchen nach Wegen, wie sich das Prinzip des körperkontaktfreien Lebens auf so viele Situationen wie möglich übertragen lässt.
„Liebe Gäste, ich habe Ihnen Ihr Essen gebracht“, sagt die elektronische Stimme eines heranrollenden Roboters, der direkt vor dem Tisch hält und einen Teller Sushi ablädt. „Ich hoffe, es schmeckt Ihnen!“ In einem Restaurant der Kette Watami in Tokio bestellt man nicht mehr bei einem menschlichen Kellner, sondern auf einem Touchpad. Die Eingabe erreicht dann per Internet die Küche. Was vor Jahren eingeführt wurde, um Personal zu sparen, dient nun auch der Infektionsbekämpfung, heißt es beim Unternehmen. Um eine Verschmutzung des Touchpads zu vermeiden, sollen nun Einweghandschuhe bereitliegen.
Die kellnerlosen Restaurants von Watami gehören zu Ideen aus der Gastronomie, die schon vor der Corona-Krise entwickelt wurden, deren Nutzen sich aber jetzt besonders zeigt. So bedient ein anderer Restaurantbetrieb in Tokio seit Jahren Einzelbesucher, die engen Menschenkontakt meiden, aber dennoch in einem Restaurant essen wollen. Dort setzen sich die Besucher an lange Tische, die durch hohe Wände in Einzelbereiche aufgeteilt sind und nur zur vorderen Tischkante eine spaltgroße Öffnung haben – durch die das Personal dann das zuvor an einem Automaten bestellte Gericht schiebt. Auch diese Art von Bewirtung hat sich in der Corona-Krise bewährt, weil sie sich durch etwas auszeichnet, was viele bisher als traurig empfanden: die Reduzierung des menschlichen Kontakts auf ein Minimum.
Dabei könnten sich diese zwei Restaurantbetriebe hygienetechnisch noch weiter optimieren – und ein anderer Betrieb aus Japan stünde wohl schon bereit. Das Unternehmen ASKA3D aus Hiroshima hat gerade eine Art „Touchless Touchscreen“ entwickelt. Es handelt sich um einen 3-D-Bildschirm, der sich als Hologramm in den Raum projiziert. Man bedient den schwebenden Bildschirm, ohne ihn zu berühren, da er die Handbewegungen des Nutzers als Anweisungen versteht. In Museen werden diese interaktiven Bildschirme schon genutzt. Prinzipiell sind weitere Anwendungen möglich, auch wenn derzeit noch hohe Kosten ein Hindernis sein dürften.
Auch die wegen der Datennutzung umstrittene Gesichtserkennungstechnik der Firma NEC könnte in den nächsten Jahren in neue Bereiche vorstoßen. NEC hat eine Software entwickelt, die Gesichter auch von der Seite, aus größerer Entfernung und trotz Tragens einer Maske erkennen kann. In den Eingangsbereichen größerer Unternehmen ist die Technik bereits im Einsatz. Mit dem Gesicht statt dem Fingerabdruck als Entschlüsselungskriterium werden Berührungen vermieden. NEC hofft, auf diese Weise bald auch das Anfassen von Türklinken und Autotüren überflüssig zu machen. Auf ähnliche Weise hat das Unternehmen Fujitech weite Teile des Landes mit neuer Fahrstuhltechnik ausgestattet. Einerseits wird dabei für wartende Passagiere vor dem Einsteigen angezeigt, ob die nächste Gondel besonders voll sein wird. Andererseits müssen Nutzer die Panels nicht mehr berühren, um den Aufzug zu rufen. Die Befehle über das anzufahrende Stockwerk werden durch kontaktlose Sensoren registriert – eine Technik, bei der japanische Betriebe weltweit führend sind.
In anderen Bereichen des Alltags hat sich das Prinzip Berührungslosigkeit in Japan längst komplett durchgesetzt. In Behörden sind Schiebetüren, die sich automatisch öffnen, seit Jahren Standard. Auf Toiletten in öffentlichen Gebäuden, Bahnhöfen oder Restaurants ist es auch nicht mehr neu, dass Seifenspender keinen Druckbefehl benötigen, um die reinigende Flüssigkeit auszuspucken. Ebenso geben die Hähne daneben ohne Berührung das Wasser aus. Im WC öffnet sich auch der Deckel oft automatisch.
Die Supermärkte des Landes gewöhnen sich dagegen gerade erst daran, dass die Kunden sich an einem automatisch gesteuerten Schalter, der per Kamera überwacht wird, selbst abkassieren. Und dann gibt es auch im Hochtechnologiestaat Japan Bereiche, die von Innovationen offenbar verschont bleiben. Wenn täglich die Gesundheitsämter ihre neuen Fallzahlen dokumentieren, dann geschieht dies in der Regel mit Bleistift und Papier. Um die geballte Information dann an das Nationale Institut für Infektionskrankheiten weiterzuleiten, greift man zum Faxgerät. Auch das hat in Japan Tradition – ähnlich wie die Verbeugung.