Seuchen verändern die Gesellschaft Der Tod schreibt Geschichte

Mit dieser Ausrüstung untersuchten im Mittelalter Ärzte Pestpatienten. Foto: ooki_m - stock.adobe.com

Seuchen plagen die Menschheit seit Anbeginn der Welt. Sie markieren Wendepunkte in der Geschichte. Auch die Coronakrise wird unser Wirtschaften und die Gesellschaft nachhaltig verändern. Die mit ihr verbundenen Risiken betreffen nicht nur die Gesundheit, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Stuttgart - Schon in der Bibel ist von Ungemach zu lesen, aktuellen Schlagzeilen ähnlich. Nur klingt es aus dem Munde von Propheten apokalyptischer, manchmal poetischer als unsere nüchternen Informationen. „Da ließ der Herr über Israel eine Pest kommen“, heißt es im zweiten Buch Samuel, „sie dauerte von jenem Morgen an bis zu dem festgesetzten Zeitpunkt, und es starben siebzigtausend Menschen im Volk.“ Eines Tages erging jedoch an den „Engel, der das Volk ins Verderben stürzte“, der Befehl: „Es ist jetzt genug, lass deine Hand sinken!“

 

Das Zitat aus dem Alten Testament, vor mehr als 2500 Jahren niedergeschrieben, ist eines der ältesten historischen Belege für den Umstand, dass Seuchen seit Anbeginn der Zeit Geißeln der Menschheit waren. Von Schmerzen, Siechtum und kollektiven Hustenanfällen erzählt auch eine Papyrusrolle aus dem Ägypten der Pharaonen, die noch ein paar Jahre älter ist. Und der früheste archäologische Nachweis für den Pesterreger fand sich in 5000 Jahre alten Skeletten, die in der Pontischen Steppe ausgegraben wurden.

„Seuchen machen Geschichte

Seuchen haben viele Spuren im Werdegang der Menschheit hinterlassen, nicht bloß als Zeugnisse schicksalhafter Ereignisse. Sie waren häufig Wegmarken für die jeweils infizierte Gesellschaft, haben die Geschichte mitbestimmt und verändert. Der Medizinhistoriker Manfred Vasold nennt etwa die Pest „eine Struktur der alteuropäischen Geschichte“. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch deren Verlauf – bis in die jüngste Vergangenheit. „Seuchen machen Geschichte“, so war eine Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum zu Dresden betitelt, die den historischen Einfluss von Massenerkrankungen und deren Folgen auf den Punkt brachte.

Das erste Beispiel dieser Art und zugleich der älteste sicher belegte Ausbruch einer Pandemie ist die Justinianische Pest. Von ihr erzählen viele zeitgenössische Quellen, am anschaulichsten die Texte des spätantiken Historikers Prokop von Cäsarea. Die Krankheit nahm ihren Anfang im 6. Jahrhundert nach Christus. Sie verschonte, so Prokop, „auf ihrem Schreckenszug niemanden, keine Insel, keinen Berggipfel, wo Menschen ihre Heimstätte hatten“. Die Seuche war zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian (527 bis 565) ausgebrochen. Sie war womöglich einer der Faktoren, die das Ende der Antike besiegelten. Es kam zu Hungersnöten; Endzeitstimmung machte sich breit. Bis zu einem Viertel der Einwohner der Hauptstadt Byzanz kam ums Leben. Die Pest schwächte das Militär und die finanzielle Kraft des ohnehin angeschlagenen Weltreichs. Historiker mutmaßen, die Unfähigkeit der Byzantiner, genügend Soldaten aufzustellen, um die langen Grenzen im Osten zu verteidigen, habe den Vormarsch der Araber begünstigt – und letztlich damit den Aufstieg des Islam zur Weltreligion Jahrhunderte später.

Der Schwarze Tod bereitet der Reformation den Weg – und auch dem Kapitalismus

Welthistorische Bedeutung kommt auch dem Schwarzen Tod zu, der von 1347 an in Europa zu wüten begann und bis zu einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben kostete. Wiederum war der Erreger Yersinia pestis, der Pestbazillus. Das Grauen, das er über die Menschheit brachte, schildern die Zeugnisse jener Zeit, auch das berühmte Geschichtenbuch „Decamerone“ des florentinischen Schriftstellers Giovanni di Boccaccio. Dort lassen sich all die üblen Details nachlesen, die man sich in Zeiten wie diesen besser ersparen möchte – auch wenn Covid-19 sich mit der Pest nicht vergleichen lässt, ebenso wenig wie unsere medizinischen Kenntnisse mit denen von damals. Manche der Notizen Boccaccios erinnern freilich an die Maßgaben heutiger Virologen: „Die Pest war noch schrecklicher dadurch, dass sie von denen, die daran erkrankt waren, durch den Verkehr auf die Gesunden übergriff, nicht anders als das Feuer mit trockenen oder fetten Dingen tut, wenn sie in seine nächste Nähe gebracht werden.“ Eine Mahnung des Dichters möge in Erinnerung bleiben: „Die Pest ließ die Herzen der Menschen gefrieren.“

Selten haben sich in der Geschichte ähnliche Umbrüche vollzogen wie jene, die seinerzeit die Pest über Europa brachte. Der islamische Chronist Ibn Khaldun, ein Zeitgenosse Boccaccios, hat das feinsinnig beobachtet. „Sie überraschte die Fürstenhäuser, als sie im Greisenalter standen, als sie die äußerste Grenze ihres Blühens erreicht hatten“, schrieb er, „sie dämpfte ihre Macht und beschnitt ihren Einfluss.“ Der Schwarze Tod war der letzte Akt des Mittelalters. Er hat der Reformation den Weg bereitet – und war auch ein Geburtshelfer des Kapitalismus.

Amerikas Neuzeit beginnt mit einem „demografischen Kollaps“

Die (für viele) vergeblichen Gebete, Segnungen und Bittgottesdienste schwächten die Autorität der Kirche und begünstigten neue Heilslehren. Die wirtschaftlichen Folgen waren etwas komplexer. Wegen der hohen Sterberate löste die Pest eine Agrarkrise aus: Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten sank dramatisch, die Preise verfielen, ganze Dörfer verödeten. In manchen Landstrichen lag der Anteil solcher „Wüstungen“ bei mehr als 50 Prozent der bis dahin existenten Siedlungen. Der Rückgang der Agrarpreise erzwang effektivere Bewirtschaftungsmethoden. Weil Arbeitskräfte rar waren, stiegen die Löhne – was vor allem den Handwerkern in den Städten und natürlich auch dem Handel zugutekam. In Süddeutschland etablierte sich das Verlagswesen, eine Vorform kapitalistischer Arbeitsteilung. Kaufmannsgesellschaften verdienten so ihr Startkapital.

Das dritte Beispiel für die Geschichtswirksamkeit von Seuchen spielt in einer ganz anderen Weltgegend: Eingeschleppte Krankheitserreger haben die Eroberung des amerikanischen Kontinents durch die Europäer stärker begünstigt als die Waffen der Konquistadoren. Pocken, Masern, Grippe, Beulenpest, Diphterie, Typhus, Scharlach, Keuchhusten und Masern assistierten bei der rücksichtslosen Landnahme der spanischen Eroberer. Für die Zeit zwischen 1520 und 1600 lassen sich in der Neuen Welt mindestens 17 größere Epidemien rekonstruieren. Nur ein Bruchteil der indigenen Bevölkerung hat sie überlebt. Manche Historiker sprechen von einem „American Holocaust“. Der US-Autor Aram Mattioli fasst den verheerenden Effekt der (absichtslos) importierten Viren und Bakterien so zusammen: „Eingeschlepptes Fieber führte zu einem demografischen Kollaps.“ Für die Geschichte Amerikas war das der gravierendste Umbruch nach der Besiedelung durch den Homo sapiens am Ende der Eiszeit.

„Der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein“

Auch die aktuelle Pandemie wird die Gesellschaft verändern – was in einer globalisierten Welt umso nachhaltiger und breitflächiger Spuren hinterlassen könnte, auch wenn Coronaviren nicht so zerstörerisch wirken wie Pestbazillen, Pockenerreger oder die Salmonellen, die Typhus auslösen. Noch lässt sich kaum absehen, welche sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Effekte sie nach sich ziehen werden. Deshalb beginnt hier der spekulative Teil dieses Textes.

Historische Vergleiche sind gewiss schwierig, weil sich inzwischen auch medizinische Erkenntnisse, die pharmazeutischen Möglichkeiten, die Informationsgeschwindigkeiten und die Disziplinierungskraft der Staaten erheblich gewandelt haben. Gleichwohl, sagt der Philosoph Slavoi Zizek mit Blick auf das ersehnte Ende dieser Pandemie, „der Mensch wird nicht mehr derselbe gewesen sein.“

Wie überlebt die EU diese Krise?

Seuchen sind eine Konstante der Geschichte. Das Bestreben, Schuld auf andere abzuwälzen, ist wiederum eine Konstante in der Geschichte der Seuchen. Das beginnt bei den Judenpogromen zur Zeit des Schwarzen Todes – jüdische „Brunnenvergifter“ wurden bezichtigt, das Massensterben verursacht zu haben. In Seuchenzeiten suchen viele nach Sündenböcken. Friedrich Wilhelm III. von Preußen nannte die Cholera „Pest aus dem Westen“, um seine französischen Erzfeinde zu schmähen. In einer Ausgabe der „Staatsbürger-Zeitung“ von 1895 war davon die Rede, dass polnische Fremdarbeiter die Pocken nach Berlin eingeschleppt hätten. Da passt es ins Bild, dass der US-Präsident Donald Trump in seinen Tweets Corona „das chinesische Virus“ nennt.

Im Banne des Virus war es jetzt möglich, Europas Grenzen zu schließen. Darauf konnten sich die EU-Regenten leicht verständigen – ein Rest von Gemeinsamkeit. Wie die EU diese Krise überlebt, steht in den Sternen. Ihr transnationaler Föderalismus versagt. Auch aus der Binnenperspektive föderaler Staaten wie der Bundesrepublik kommen Zweifel am Nutzen der politischen Kompetenzvielfalt auf, wie sie das Grundgesetz vorsieht.

Was setzt sich durch: Alle gegen alle oder ein neues Wir?

Eine Politik der Abschottung wird durch diese Krise bestärkt und könnte sie überdauern. Renationalisierung scheint auch mit Blick auf die globalisierte Arbeitsteilung, auf Produktionsstandorte der Pharmaindustrie, der Lebensmittelversorgung, anderer strategisch wichtiger Güter ein Gebot der Vernunft.

Wir erleben eine Welle der Solidarität. Gleichzeitig feiert der Egoismus neue Urstände. Davon zeugen leere Supermarktregale, eine verbreitete Hamstermentalität ungeachtet aller wohlmeinenden Appelle sowie Corona-Partys, die der Maßregel einer schützenden Distanz zum Trotz per Flashmob inszeniert werden. Noch ist nicht ausgemacht, was obsiegt: Alle gegen alle oder ein neues Wir.

Unser Leben ist so stark eingeschränkt wie seit Kriegsende nicht mehr. Bis jetzt sind die meisten so vernünftig, die Beschränkung von Freiheiten zum Schutz besonders gefährdeter Mitmenschen zu akzeptieren. Aber was ist, wenn solche Zwänge monatelang andauern?

Der Stillstand der Gesellschaft ist eine ökonomische Katastrophe mit unabsehbaren Ausmaßen, erweist sich aber als unverhoffte Chance für das Klima. Der Ausnahmezustand taugt aber nicht zur Blaupause für einen beschleunigten Kurs Richtung klimaneutrales Wirtschaften. Davor warnt der grüne Vordenker Ralf Fücks. Er nennt solches Denken naiv und autoritär. Die Krise ist der Moment, in der autoritäre Maßnahmen angezeigt scheinen. Autoritäres Regieren entwickelt eine neue Faszination. Die Zeiten, die wir gerade durchleben, bergen mehr als bloß gesundheitliche Risiken. Uns allen wäre Resilienz zu wünschen, Widerstandskraft – in jeglicher Hinsicht.

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