Sex im Alter Was tun, wenn es im Bett nicht mehr klappt?

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Probleme mit Potenz und Kontinenz werden gerne totgeschwiegen. Bei einer Veranstaltung zu dem Thema wurden mögliche Lösungen besprochen.

Wenn es im Bett nicht mehr so richtig klappt, kann das nicht nur an körperlichen Problemen, sondern auch am Job oder der Partnernschaft liegen. Foto: dpa 2 Bilder
Wenn es im Bett nicht mehr so richtig klappt, kann das nicht nur an körperlichen Problemen, sondern auch am Job oder der Partnernschaft liegen. Foto: dpa

Stuttgart - Serdar Deger bringt es auf den Punkt: "Hierzulande redet man nicht viel über Sexualität", berichtet der Chefarzt der Urologie am Ruiter Krankenhaus. In Berlin, wo er früher tätig war, sei das anders gewesen. Aber hier habe er die Erfahrung gemacht, dass sich die Patienten - zumindest nach außen hin - eher unbeteiligt zeigten, wenn es um die möglichen Folgen einer Operation im Urogenitalbereich geht, etwa eine Prostataoperation. Doch nicht nur aufgrund operativer Eingriffe kann es zu Problemen mit der Sexualität oder der Kontinenz kommen, auch andere Veränderungen im Leben wie etwa Schwangerschaften oder psychische Veränderungen können Schwierigkeiten auslösen.

Auch wenn die Probleme gerne totgeschwiegen werden, so ist doch der Bedarf an Hilfe und kompetenter Betreuung groß. Wie groß zeigte sich dieser Tage bei der Veranstaltung "Mann und Frau - Was tun, wenn sich die Lust verzieht?" in der Reihe "Gesundheit beginnt im Kopf". Das zahlreich im Stuttgarter Rotebühlzentrum erschienene Publikum erhoffte sich vom Urologen Serdar Deger und der Physiotherapeutin Sonja Soeder Tipps, wie man, so die Ankündigung, "Potenz, Kontinenz und Lebensfreude" wiedererlangen kann.

Immerhin, so wurde bei der Veranstaltung deutlich, hat sich in den vergangenen Jahren viel getan, um die Probleme wirkungsvoller als früher anzugehen. Wie Sonja Soeder berichtet, wurde 2006 in Berlin das bundesweit erste interdisziplinäre Beckenbodenzentrum gegründet, an dem sie heute als Leitende Physiotherapeutin tätig ist. Inzwischen gibt es in Deutschland eine ganze Reihe solcher Zentren, wie ein Blick auf die Internetseite der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft zeigt. Im Umkreis von Stuttgart sind dort Tübingen und Heilbronn aufgeführt. Auch am Stuttgarter Diakonissenkrankenhaus gibt es ein Kontinenz- und Beckenbodenzentrum.

Impotenz und Inkontinenz, daran lassen weder Sonja Soeder noch Serdar Deger einen Zweifel, betreffen keinesfalls nur ältere Männer und Frauen. Stress, Leistungsdruck und psychische Probleme fordern auch bei jüngeren Männern ihren Tribut. Und bei vielen Frauen belasten Schwangerschaften den Beckenboden und die Muskulatur im Unterleib, so dass oft Folgen bleiben - manchmal auch für den Mann, wenn etwa die Scheide nach der Geburt nicht mehr so eng ist wie vorher.

Immer mehr Männer leiden unter Libidoverlust

Bei der Behandlung wie auch der Physiotherapie steht das Gespräch im Vordergrund. Eigentlich müsste bei der Abklärung der Lebenssituation der Partner dabei sein, doch das ist nicht leicht zu bewerkstelligen. "Die Leute, die meinen, dass sich etwas verbessern lässt und dies auch wollen, kommen auch paarweise", sagt Deger.

Wichtig ist ferner, den Patienten bei Störungen zunächst klarzumachen, wie kompliziert die anatomischen Verhältnisse im Beckenboden sind. "Man kann nicht einfach drauflosturnen", formuliert es Sonja Soeder. Und schnell wird klar, dass ein gutes Beckenbodentraining "befundorientiert" erfolgen muss und dann weit mehr ist, als nur die Pobacken zusammenzukneifen. "Wir üben die lokale Wahrnehmungsfähigkeit und die Kraft, Ausdauer und Koordination", berichtet Soeder. Dabei sei ein gutes Mittelmaß und kein zu intensives Training gefragt. Die Beckenbodenspannung übernehme man in den Alltag.

Und wie steht es mit einem erfüllten Sexleben? "Sexualität ist mehr als nur Geschlechtsverkehr", gibt Deger zu bedenken. Oft kämen die Männer bei Potenzstörungen und Lustproblemen mit der Vorstellung zum Arzt, eine Testosteronspritze würde es schon richten. Doch seine Erfahrung sei, dass vielleicht einem Prozent der Patienten mit einer solchen Hormongabe geholfen werden könne. Wenn es in einer Beziehung nicht mehr so richtig klappt, könne das nicht nur an körperlichen Problemen, sondern auch am Job oder der Partnernschaft liegen.

Allerdings wird durch die Werbung für Viagra und andere "Erektionspillen" suggeriert, dass sich "erektile Dysfunktionen"mit Pillen leicht beseitigen lassen. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die Ärzte. So verwundert es nicht, dass ein Ärzteseminar, das kürzlich in Stuttgart zu sexuellen Funktionsstörungen abgehalten wurde, gut besucht war. Dort berichtete Ulrich Humke, der Chef der Urologischen Klinik am Stuttgarter Katharinenhospital, dass immer mehr Männer unter Erektionsproblemen, Ejakulationsstörungen, Peniserkrankungen und Libidoverlust leiden.

Sex spielt auch im hohen Alter eine wichtige Rolle

Das liegt teilweise daran, dass die Menschen immer älter werden. Außerdem lassen sich zum Beispiel Prostatageschwülste heute in vielen Fällen erfolgreich behandeln - manchmal allerdings um den Preis, dass Nerven oder andere für die Erektion oder Blasenkontrolle wichtige Teile geschädigt werden. Andererseits machen Studien deutlich, dass für viele Partnerschaften bis ins hohe Alter Sex eine wichtige Rolle spielt. Betroffene Männer wie Frauen sind auf der Suche nach Lösungen für ihre Probleme. Bei der Diagnose ist es in den letzten Jahren zu einem Paradigmenwechsel gekommen: Wurden früher in 90 Prozent der Fälle psychische Ursachen vermutet, gehen die Mediziner heute in 60 bis 80 Prozent von organischen Störungen aus.

Inzwischen werden erektile Dysfunktionen als eine Art Frühwarnsystem für Kreislauferkrankungen angesehen. Demnach schädigt eine sich entwickelnde Arterienverkalkung (Arteriosklerose) zunächst die empfindlichen Blutgefäße im Penis. Es kommt zu Problemen mit den Schwellkörpern und damit der Erektion. Erst danach greift der Funktionsausfall auf die Herzkranzgefäße und später auf die Halsschlagadern über. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum junge Männer mit erektilen Dysfunktionen ein höheres Herzinfarktrisiko haben.

Daher sollte der Arzt den Ursachen für sexuelle Störungen genauer auf den Grund gehen. Doch auch Potenzpillen wie Viagra und andere sogenannten PDE-5-Hemmer können segensreich sein. Einerseits fördern sie den Einstrom von Blut in die Schwellkörper, andererseits hemmen sie auch den Blutabfluss. Dies fördert eine Erektion und hält sie für längere Zeit aufrecht - aber nur, wenn sexuelle Reize vorhanden sind und diese auch vom Nervensystem übertragen werden. Bei sexueller Unlust oder einer massiven Schädigung im Zuge einer Operation helfen daher auch Viagra und Co. nicht.

Auch ein Beckenbodentraining nützt bei Libidoverlust nicht viel, räumt Sonja Soeder bei der Rotebühl-Veranstaltung auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum ein. So bleibt als Fazit, dass es eine ganze Reihe Möglichkeiten gibt, Männern und Frauen mit Sex- und Kontinenzproblemen zu helfen - vorausgesetzt, die Betroffenen kümmern sich aktiv und partnerschaftlich darum.