Sex-Kolumne Anorgasmie durch Medikamente: Mein Weg zurück zum Orgasmus
Früher problemlos, plötzlich blockiert: Unsere Kolumnistin über den Schock der Anorgasmie und wie sie lernt, Lust neu zu entdecken – mit und ohne Höhepunkt. [Plus Archiv]
Früher problemlos, plötzlich blockiert: Unsere Kolumnistin über den Schock der Anorgasmie und wie sie lernt, Lust neu zu entdecken – mit und ohne Höhepunkt. [Plus Archiv]
Sex gehört für mich einfach zum Leben dazu. Fast genauso wie Zähneputzen oder das Müsli am Morgen. Ganz egal, ob mit Partner oder als Solo-Sex – es macht mir Spaß, entspannt und ist gesund. Ich kann mich glücklich schätzen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Frauen, hatte ich noch nie Probleme damit, einen Orgasmus zu bekommen. Selbst beim penetrativen Sex komme ich. Multiple Orgasmen? No problemo!
Einigen meiner Freundinnen geht es da anders. Wenn sie mir von ihren Erfahrungen beim Sex erzählten, kann ich es nur schwer nachvollziehen, wie es sich anfühlen muss, keinen Orgasmus bekommen zu können. Na ja, zumindest war das bisher so.
Aufgrund einer Erkrankung muss ich seit einer Weile Medikamente einnehmen. Im Beipackzettel stehen viele unangenehme Nebenwirkungen. Neben den typischen Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Müdigkeit zählt auch Anorgasmie dazu. Es beschreibt die Unfähigkeit einen Orgasmus zu bekommen. Eine Orgasmusstörung sozusagen.
Was das genau bedeutet, habe ich leider schnell herausgefunden: Sonst dauert es nicht lange, bis ich mich selbst zum Höhepunkt bringen kann. Doch dieses Mal war es anders. Ich spürte die Lust, das schöne, warme Gefühl aber so sehr ich mich auch entspannte, ich kam nicht zum Ende. Nach einer halben Stunde gab ich auf. Mein Körper und ich waren völlig am Ende und überreizt.
Ich war verwirrt: Was zur Hölle passiert hier gerade? Es fühlte sich an, als würde man kurz vor dem Ziel stolpern und es nicht mehr über die Ziellinie schaffen. Die perfekten Rahmenbedingungen waren gegeben, alles passte, nur das letzte Fünkchen fehlte, um das Feuerwerk zu zünden. Frustrierend.
Die nächsten Tage ignorierte ich das Problem, weil ich Angst hatte, dass sich das nun für immer so anfühlen würde. Irgendwie so, als würde ich versagen. Der nächste Versuch war nicht viel besser. Und ganz sicher, lag es am Druck, den ich mir selbst machte. Ich zog sämtliche Register, griff in die Trickkiste – nichts. Der Orgasmus war so nah und doch so fern. Sekunden vor dem Höhepunkt ebbte das Gefühl einfach ab und lies mich unbefriedigter als zuvor zurück.
Es verging einige Zeit und ich hatte mich irgendwie damit abgefunden, jetzt ohne Sex mein Leben zu verbringen. Andere tun das ja auch. Doch die Neugierde und der Frust wurden schnell zu groß und ich wagte einen neuen Versuch – schlimmer konnte es ja nicht mehr werden. Und tatsächlich, ohne den Gedanken „ich muss jetzt unbedingt kommen“ im Kopf, schaffte ich es mich und meinen Körper zu entspannen. Das klingt jetzt so einfach. War es nicht. Es brauchte mehrere Versuche und andere Techniken als gewohnt – aber ich kam ans Ziel.
Die Tatsache, dass sich etwas in meinem Sexleben verändert hatte, spiegelte sich in meinem Selbstbewusstsein wider. Ich hatte Sorgen, an die ich davor nicht im Traum gedacht hatte und war unentspannter beim Sex. Doch die offene Kommunikation mit meinem aktuellen Sexpartner halfen, den Druck aus der Sache zu nehmen. Denn Sex ist weitaus mehr als nur der Orgasmus. Es ist Zuneigung, Berührung, Spaß und Intimität. Klar, ist es super frustrierend sich nicht mehr selbst zum Höhepunkt bringen zu können, aber mir hat es geholfen, möglichst offen und entspannt mit der Situation umzugehen, um irgendwann wieder wie gewohnt, den Sex zu genießen, den ich bis dato kannte – mit oder ohne Orgasmus.
Diese Kolumne erschien erstmals 23.8.2023