Nach einer erster Auflage vor zwei Jahren kehrt das Sexfilm-Festival nun ins Delphi Kino zurück. Was genau es zu sehen und zu tun gibt und auf was man dabei achten sollte, verrät die Organisatorin Laura Breitenberger.
Es geht etwa um Arbeitsbedingungen, Gesundheit, Respekt und eine Öffnung der Gesellschaft – aber auch um Lust, Befriedigung, Möglichkeiten und Humor – für das Filmfestival Natural Instincts hat die Stuttgarterin Laura Breitenberger Kurzfilme etwa aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien oder Italien zusammengestellt, die sich jeweils in verschiedenen Themenschwerpunkten mit Sexualität beschäftigen. Auf was es ihr in der zweiten Ausgabe des Natural Instincts Filmfestes ankommt, erzählt die Organisatorin im Interview.
Frau Breitenberger, ein Pornofestival in Zeiten von übersexualisierter Gesellschaft und Werbung und der permanenten und freien Verfügbarkeit von pornografischen Inhalten etwa im Netz mit all seinen negativen Seiten - ein komplexes Terrain. Sehen Sie Gefahren bei dem Thema?
Wir sind immer wieder erstaunt, für was Mensch alles geschult wird. Sobald es jedoch um das Thema Sexualität geht, kriegen wir die Basics zu Verhütung mit, ansonsten werden wir aufeinander losgelassen. Hier sehen wir die viel größere Gefahr. Nur wenn wir die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen und auch kommunizieren können, kann ein verantwortungsvolles, selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Sexualleben stattfinden. Es fehlt jedoch an Räumen, in denen dies vermittelt wird. Hier setzen wir mit dem Natural Instincts Festival an und nutzen die Filmkunst, um solch einen Raum aufzumachen. Uns ist bewusst, dass pornografische Filme keine Dokumentarfilme sind. Wir nehmen sie jedoch als Ausgangspunkt, um uns mit dem Publikum und Expert*innen scham- und bewertungsfrei zu verschiedenen Aspekten von Sexualität auszutauschen.
An wen richtet sich das Festival?
An alle ab 18.
Sie stellen Aspekte wie Gesundheit, Aufklärung, Gleichberechtigung, explizites Einverständnis sowie Vielfalt in den Vordergrund. Wie finden Sie pornografische Filme, die diesen Kriterien entsprechen?
Die Filme finden über zwei Kanäle ihren Weg zum Festival: Erstens konnten Filmemachende ihre Filme einreichen. Zweitens machen wir uns selbst auf die Suche. Hierfür durchforsten wir Bezahlplattformen für Pornografie wie etwa Pink Label TV, Four Chambers, Carre Rose Films & Sex School Hub und ich besuche andere Festivals wie das Pornfilmfestival Berlin oder das Pornfilmfestival Vienna.
Auf was achten Sie dabei?
Wichtige Kriterien für die Auswahl der Filme sind die Darstellung von gleichberechtigter Lust sowie menschliche Vielfalt im Bezug auf Körper, Geschlechteridentitäten sowie sexuelle Orientierungen. Wichtige Kriterien für die Sicherstellung fairer Arbeitsbedingungen ist die Transparenz auf den Webseiten der Filmemachenden, Informationen im Vor- und Abspann der Filme, Kontakt zu den Filmemachenden und Darstellenden sowie Empfehlung anderer Festivals. Natürlich gibt es hier - wie im Rest des Lebens - keine hundertprozentige Garantie, da wir auf den Drehs nicht dabei waren. Die goldene Regel für den Konsum von ethischem pornografischen Filmmaterial ist jedoch: „Pay for your Porn!“.
Zum zweiten Mal veranstaltet Laura Breitenberger das Natural Instincts Filmfestival im Delphi. Foto: privat
Das Festival findet zum zweiten Mal statt. Welche Erfahrungen aus der Premiere vor zwei Jahren nehmen Sie mit? Was hat sich verändert?
Das Stuttgarter Publikum hat das Festival sehr positiv aufgenommen und wir waren 2021 ausverkauft. Was mich besonders gefreut hat: dass in den Gesprächsrunden nach den einzelnen Filmeinheiten ein reger Austausch mit dem Publikum und den Expert*innen stattgefunden hat. Es wurden viele Fragen gestellt und offen über die Filme, Sexualität und persönliche Erfahrungen gesprochen – so konnten wir ein Stück weit zur Enttabuisierung beitragen. In der zweiten Edition des Festivals wollen wir vom Schauen und Reden auch ins Tun kommen und haben daher Workshops im Programm: mehrere Consent Workshops und einen Vulvarische Ejakulation Workshop.
Was kann man sich unter Consent Workshops vorstellen?
In dem Workshop wird erklärt, was Einvernehmen, also Consent bedeutet. Es werden die verschiedenen Möglichkeiten Consent herzustellen aufgezeigt. Teilnehmende werden darin geschult, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu kommunizieren sowie die von anderen bewusster wahrzunehmen und zu respektieren.
Gab es auch negative Erfahrungen in der ersten Ausgabe?
Uns als Orga-Team sind keine negativen Erfahrungen bekannt - was natürlich nicht bedeutet, dass es keine gab. Wovon wir wissen: vereinzelt haben Besuchende bei einzelnen Filmeinheiten vorzeitig den Kinosaal verlassen, jedoch wissen wir nicht weshalb. Wir ermuntern auf dem gesamten Festival, auf die eigenen Grenzen zu hören und Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen und wenn nötig den Saal zu verlassen. Bei der zweiten Edition wird in jeder Filmeinheit eine Person aus dem Awareness Team anwesend sein, an die sich Betroffene im Falle von Vorfällen wenden können.
Können Sie das erläutern?
Eine Awareness-Person ist als Ansprechperson da, wenn es jemandem der Anwesenden nicht gut geht oder es zu diskriminierenden oder übergriffigen Handlungen kommt. Awarenesspersonen unterstützen Betroffene und können, falls nötig, auch weitere Hilfsangebote vermitteln.
Inhaltlich wird vorausgesetzt, dass man Sex gegenüber eine positive Einstellung hat – Inwiefern bietet das Festival auch Menschen mit wenig Zugang oder einem problematischen Verhältnis zu ihrer Sexualität Inhalte?
Sexpositivität ist keine Voraussetzung, sondern neben Förderung der sexuellen Gesundheit, Bildung und Toleranz ein Ziel, das wir mit dem Festival verfolgen. Wir hoffen, dass wir mit dem Festival möglichst viele Menschen auf ihrem Weg zu einem positiven Zugang zu Sexualität unterstützen können. Jedoch sind uns als Festival mangels therapeutischer Ausbildung Grenzen gesetzt. Bei traumatischen Erfahrungen oder problematischem Verhältnis zu Sexualität lohnt es sich gegebenenfalls, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Welche Filme oder Termine empfehlen Sie persönlich bei dieser Ausgabe ?
Eine Empfehlung fällt uns unheimlich schwer, da wir uns auf alle Programmpunkte gleichermaßen freuen. Die Consent Workshops wollen wir jedoch allen ans Herz legen: denn Einvernehmlichkeit ist das A und O von Sexualität.
Vor Ort
Hintergrund Die Organisatorin Laura Breitenberger ist 35, kommt aus Stuttgart und ist hauptberuflich Betriebswirtin. Hinter dem Festival steht der With Pleasure e.V. und ein Team von ehrenamtlichen Helfenden. Der With Pleasure e.V. ist laut Breitenberger 2019 als gemeinnütziger Verein ins Leben gerufen worden, um die sexuelle Gesundheit und Bildung sowie Toleranz in unserer Gesellschaft zu fördern. Das Festival finanziert sich ausschließlich durch den Ticketverkauf.
Das Festival Die Filmblöcke zu den verschiedenen Themen bestehen aus Kurzfilmen von wenigen bis maximal 30 Minuten und dauern jeweils rund zwei Stunden.
Das Natural Instincts Filmfestival findet vom 25. bis 27. Mai im Delphi Kino in Stuttgart statt. Neben Filmen gibt es Workshops und Gesprächsrunden. Alle Programmpunkte unter https://www.natural-instincts.eu/