Ein ständiges Gefühl von Bedrohung und Unsicherheit. So beschreibt Sandra, bekannt als DJ Afro Punk, ihre Erfahrungen beim Feiern gehen. Ein Erlebnis, das ihr besonders im Gedächtnis bleibt, ist eine Nacht, als sie mit ihrem Bruder in einem Club feiert, in dem sie sonst auflegte. Sie fühlten sich ständig in Abwehrhaltung, wurden körperlich angegangen und sexuell belästigt.
Sie entschließt sich an diesem Tag etwas zu ändern. Einen sicheren Raum schaffen, in dem Musik und Feiern nicht von Gewalt oder Diskriminierung überschattet werden. So entstand die Idee, eigene Veranstaltungen zu organisieren. „Dieses Feiern gehen ist nichts Schönes mehr und das wollen wir gern anders machen und alles wieder respektvoller und auf Augenhöhe haben“, erklärt Sandra.
So entstanden die „auf.Cute-Partys“. Dabei geht es Sandra nicht nur um eine Partyreihe, sondern um ein Movement. Sie will die Kommerzialisierung der Clubszene hinter sich lassen und einen Raum schaffen, in dem sich alle sicher und frei fühlen können. Mit einem Awareness-Team, einem Chill-Out-Bereich und der Idee, den Gästen die Musik und ihre kulturellen Hintergründe näherzubringen, setzen sie ein Statement für respektvolles Feiern.
Die nächste auf.Cute-Party findet am 3. Mai Im Prisma in Bad-Canstatt statt.
Rassismus, Mobbing und die Macht der Musik: Sandras Weg hinters DJ-Pullt
Dabei war die Musik war schon immer Teil ihres Lebens. Reggae und Dancehall begleiteten sie von klein auf. Ihr Vater, selbst DJ, nahm sie zu seinen Auftritten mit. „Er fragte eines Tages, warum legst du nicht selbst auf?“ erzählt sie lachend. „Dann habe ich einfach angefangen und von einem auf den anderen Tag war ich direkt DJ im Club“, sagt sie.
Und so begann alles.
Sie liebt es, sich musikalisch auszuleben und probiert gerne neue Genres aus. Von Reggae über Neue Deutsche Welle bis hin zu Afrobeats. Durch diese musikalische Offenheit legt sie in verschiedenen Stuttgarter Clubs auf.
Heute wirkt sie stark und selbstbewusst, doch sie kann sich auch an eine Zeit erinnern, wo das nicht so war. Sie denkt an einen Skiausflug zurück, während sie nachdenklich in ihrem Kaffee rührt. Tanzende Menschen, gute Stimmung und sie mittendrin als DJ. Doch statt sich von der Begeisterung tragen zu lassen, war sie so nervös, dass ihr ganzer Körper zitterte. Ihre Knie schlotterten so stark, dass es den Leuten auffiel und sie gefragt wurde, ob es ihr gut gehe. „Das war zum Glück bei einer Skiausfahrt und ich habe sagen können, es ist so kalt, ich friere“, sagt sie. In Wahrheit war es die Unsicherheit, die sie aufgrund ihrer Vergangenheit lange begleitet hatte. „Dadurch, dass ich schon sehr viel Mobbing und Rassismus erfahren habe, war ich ein sehr unsicherer Mensch und das habe ich immer mitgenommen, bei allem was ich mache. Ich habe dann immer das Gefühl, ich kann das nicht. Dann werde ich immer extra nervös.“
Sie übt. Tritt weiterhin auf und die Musik hilft ihr dabei immer selbstbewusster zu werden. Was damals ein herausfordernder Moment war, ist für sie heute ein Symbol dafür, wie sehr sie gewachsen ist.
Ihr Rat an alle, die selbst auflegen oder etwas wagen wollen: Einfach machen! „Das, was ich gemerkt habe, was mich von anderen Freunden unterscheidet, die denselben Traum haben, ist, dass ich es einfach gemacht habe.“
Lautsprecher für den Protest: Aus Musik wird Aktivismus
Während der Black-Lives-Matter-Bewegung hat sie ihre Kunst erstmals dafür eingesetzt, um politisch aktiv zu werden. Damals hat sie zunächst für eine Demo ihre Lautsprecher zur Verfügung gestellt. Inzwischen legte sie auf Kundgebungen auf und nimmt an Demos wie Fridays for Future, dem CSD und dem 1. Mai teil. Doch dabei blieb es nicht.
Mit der Zeit wurde ihr klar: Musik allein genügt nicht. Sie entschied sich dafür, mehr zu tun. Sprechen. Aktiv werden. Laut sein. Sie beginnt sich für Frauenrechte, queere Menschen und gegen jede Form der Diskriminierung einzusetzen.
Schwarz, weiblich, DJ
Auch ihre eigenen Erfahrungen als Schwarze Frau in der DJ-Welt prägen ihren Aktivismus. „Es gibt ganz viele Beispiele: Dass ich von DJ-Kollegen und Veranstaltern anders behandelt werde. Es ist immer selbstverständlich, dass ich als Frau Warm-up mache“, sagt sie. Egal wie erfolgreich sie sei, bereite sie quasi den Dancefloor vor und dann komme der männliche DJ und spiele die Primetime. „Oftmals habe ich auch so was gehört wie: Ich kann dir noch was beibringen. Mach deine Übergänge nicht so. Lass mich auflegen, geh mal zur Seite“, so die Musikerin. Das seien Sachen, die Männern nicht gesagt würden. Oder auch: „Zieh dir doch mal was Schönes an. Zieh dir doch mal einen Minirock an.“
Politisch aktiv über Instagram
Privat nahm sie immer wieder Instagram-Videos für Ihren Account @djafropunk auf, weil sie merkte, dass viele ihrer Freunde und Follower nicht politisch informiert waren oder sogar sagten, dass Politik sie nicht interessierte. Doch sie findet, dass Politik in allem stecke. Denn wer will nicht weniger für Lebensmittel zahlen? Wer will nicht sicher leben? Oder gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit erhalten? All diese Wünsche seien politisch.
Sie hofft, dass sich mehr Menschen engagieren und besser informiert sind. Besonders in Gesprächen mit Freunden, die die AfD wählen, merkte sie, dass eine große Wissenslücke bestehe. Viele würden die Zusammenhänge nicht verstehen und hätten Schwierigkeiten, die Begriffe zu greifen, die in politischen Diskussionen verwendet würden.
Mehr Sicherheit: Ein Aufruf für eine neue Feierkultur
Die Clubszene in Stuttgart hat für Sandra jedenfalls ihren ursprünglichen Charme verloren. Es gehe mehr um Umsatz als um den Ursprung von Gemeinschaft. In Clubs fühlt sie sich oft nicht sicher. Als einzige Sicherheitsmaßnahme würden meist nur Türsteher eingesetzt. Diese führten manchmal zu mehr Problemen als dass sie selbst zu mehr Sicherheit beitrugen, findet sie. Sandra erinnert sich: „Da mache ich im White Noise eine Party, wo sich Leute wohlfühlen sollen, dann belästigt der Türsteher meine Gäste. Die Gäste kommen zu mir und beschweren sich. Ich gehe zur Besitzerin. Die Besitzerin geht zum Türsteher. Der Türsteher versucht mich anzugreifen und die Besitzerin sagt dann zu mir, ich bin das Problem.“ Sandra denkt, dass viele Clubbesitzer:innen in verstärkten Sicherheitsmaßnahmen nur zusätzliche Kosten und Aufwand sehen und sich nicht aktiv darum kümmerten.
Sie hofft, dass die Clubszene wieder zu einem Ort wird, an dem Menschen sich sicher und respektiert fühlen und dass Musik und Gemeinschaft im Vordergrund stehen. Ihre erste Veranstaltung zeigte, wie wichtig das ist – besonders für Frauen, die sich oft unwohl fühlen. „Die erste Veranstaltung, die ich gemacht habe, da habe ich einen Aufruf gestartet und gesagt: Ihr seid nicht allein, ich bin auch da. Kommt einfach her. Ich versuche mich um die Sicherheit der Menschen zu kümmern. Da sind so viele Frauen gekommen, die dann zu mir gesagt haben, ich war seit fünf Jahren nicht mehr feiern, das ist das erste Mal und ich habe mich einfach wohlgefühlt.“
Durch ihre Erfahrung hat sie eine klare Vision: „Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr miteinander reden, dass wir Communities gründen und dass feiern gehen sich wieder toll anfühlt, dass wir uns umeinander kümmern, dass wenn wir nach Hause kommen, uns denken, boah, war das ein schöner Abend.“
Wenn sie auflegt, endet ihr Set immer mit dem Song „Brown Skin Girl“ von Beyoncé. Für sie fühle es sich an, als würde Beyoncé wie eine Mutterfigur zu ihr singen, die ihr Stärke gibt und ihre Schönheit feiert. „Und dann freut es mich, wenn ich andere Frauen sehe, die Schwarz sind, die sich genauso freuen. Das ist dann immer so ein intimer Moment, wo man sich gesehen fühlt und heilt.“