Stuttgart - Weil in diesem Sommer an Bahnsteigen, auf Straßen und Plätzen großflächig für Sexspielzeug, eine Datingshow und Gelegenheitssex geworben worden ist, hagelte es Proteste. Nun zeichnet sich in Stuttgart ein bundesweit einmaliges Vorgehen ab. „Wir sind die erste Kommune, die das Thema anpackt und mit ihrem Anliegen an die Kreativwirtschaft herantritt“, sagt Ursula Matschke, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Stuttgart. Grund der Beschwerden gegen die oben genannten Werbekampagnen waren nicht allein sexistische Darstellungen von Personen, sondern auch die Herabwürdigung von Frauen in der Datingshow-Reklame.
Die Beschwerden häufen sich – auch direkt bei den Werbefirmen
Das Thema war neu, weshalb Ursula Matschke zu einem Runden Tisch eingeladen hat. Vertreter des Tiefbauamts und des Rechtsamts, der Stuttgarter Straßenbahnen AG sowie der Außenwerbungsfirmen Stadtkultur, Ilg, Wall und Ströer sind gekommen. Ursula Matschke: „In dieser Runde wurde klar, dass unser Anliegen ernst genommen wird. Bei zunehmender Sensibilisierung häufen sich die Beschwerden auch direkt bei Werbefirmen.“
Der Grad zwischen Prüderie und Sexismus ist manchmal schmal
Matschkes Ziel ist es, die in Kürze zu erneuernden Verträge zwischen Stadt und Werbern der gewachsenen Sensibilität anzupassen. Rechtliche Grundlage seien momentan noch „die guten Sitten“, die nicht eindeutig definiert seien. Dass es eine Notwendigkeit zur Konkretisierung gibt in Zeiten von Gender, Black Lives matter und LSBTTIQ hätten auch die Werbefirmen bestätigt. Selbstkontrolle würde zwar schon auf mehreren Ebenen praktiziert, auch seien schon Plakate neutralisiert oder abgehängt und ausgetauscht worden. Weil der Grad zwischen Prüderie und Sexismus manchmal schmal ist, benötigten die operativ entscheidenden Personen in Firmen und Ämtern Mechanismen, nach welchen Kriterien auszusortieren sei.
An verbindlichen Kriterien arbeitet auch der Fachverband Außenwerbung. Dessen Hauptgeschäftsführer Kai-Marcus Thäsler hat den Teilnehmern der Sitzung angekündigt, eine Plattform zum Austausch schaffen zu wollen. Die Stuttgarter Gleichstellungsbeauftragte kann in einem Podcast zum Thema sprechen und soll als beratendes Mitglied in einem Beirat des Verbands tätig werden.
Das Thema wird im Gleichstellungsbeirat diskutiert
Thäsler wird in der nächsten Sitzung des Gleichstellungsbeirats am 25. November das weitere Vorgehen erläutern. Der Geschäftsführer will das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, die er aus seinem beruflichen Werdegang mitbringt. Der Kress-Mediendienst gibt für den 52-Jährigen Stationen bei Agenturen, Tageszeitungen, Radio- und TV-Sendern an sowie führende Positionen in Reklame, Fahrgastfernsehen oder bei der Außenwerbungsfirma Ströer.
Kommen die Beteiligten einvernehmlich zu einem Kriterienkatalog, soll dieser für die Landeshauptstadt sowie für alle Töchter, an der sie mit mehr als 50 Prozent beteiligt ist, also auch für die Stuttgarter Straßenbahnen AG, gelten.