Die Zahlen sind erschreckend, die Hintergründe sind es auch. Im vergangenen Jahr haben sich die entdeckten Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung sogenannter kinderpornografischer Schriften mehr als verdoppelt. Was das Bundeskriminalamt zu Beginn dieser Woche verkündet hat, haben Forscher schon lange berichtet. Kinder und Jugendliche kommen in immer jüngeren Jahren mit Pornografie in Kontakt. Ein Drittel der 14- und 15-Jährigen hat schon Hardcore-Pornografie gesehen, so eine Studie der Universitäten Hohenheim und Münster. Die Untersuchung stammt aus dem Jahr 2017, das Einstiegsalter dürfte inzwischen noch weiter gesunken sein.
Acht Jahre alt und ein eigener Youtube-Kanal
Jochen Lattauer kennt aus nächster Nähe zumindest einen Teil der Gründe für diese Entwicklung. „Im Internet ist der Fundus an entsprechendem Material nahezu unendlich, zugleich haben sich die Speichermöglichkeiten auf Handys enorm vergrößert“, sagt der Mitarbeiter des Stuttgarter Jugendamtes. Zudem sei die Ware Porno im Netz praktisch völlig frei zugänglich. „Dass man nur anklicken muss, schon 18 Jahre alt zu sein, und dann jeden Zugang bekommt, das ist ein Witz“, sagt Lattauer im Haus des Jugendrechts in Bad Cannstatt.
Dort ist man sich einig: Sexualdelikte sind kein Randgruppenphänomen. „Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen haben Pornos oder gewaltverherrlichende Videos auf ihren Handys gespeichert“, sagt Christian Kaufmann. Das gehe durch alle sozialen Schichten der Bevölkerung, so der Kriminalhauptkommissar. Kaufmann und die Staatsanwältin Eva Hanss sind bei ihren Ermittlungen auf verstörende Beispiele gestoßen. Da ist der Achtjährige, der einen eigenen Youtube-Kanal besitzt, auf dem er Bilder hochlädt, wie er an seinem Penis spielt. Da sind Jugendliche, die sich online wahllos mit Unbekannten in der Tiefgarage zum Analverkehr verabreden. „Krasse Ausnahmen zwar“, betonen Kaufmann und Hanss – aber eben auch Teil der Lebenswirklichkeit.
Bilder teilen reicht für die Strafbarkeit
Dass immer häufiger Kinder und Jugendliche härtestes Porno-Material auf ihren Mobiltelefonen haben, hängt nach Ansicht der drei Experten weniger mit dem Interesse von jungen männlichen Erwachsenen an kleinen Mädchen zusammen, sondern vielmehr damit, dass solche Bilder als krass und cool in der Clique wahrgenommen werden. Der Kriminalkommissar erzählt von dem Mobiltelefon eines 13-Jährigen, auf dem mehr als 4000 Pornos gefunden wurden – und zwar solche von der härtesten, gewalttätigsten Sorte. „Der Junge konnte nicht erklären, warum er sich das anschaut“, sagt Kaufmann.
Viele Jugendliche seien Mitglieder in Chat-Gruppen, die zum Teil aus mehreren Hundert Mitgliedern bestehen, die leben zum Teil über die ganze Republik verteilt. „Da kennt ganz bestimmt nicht jeder jeden“, sagt Eva Hanss. Bilder, die geteilt werden, machen dort schnell ihren Weg. Wer 14 Jahre alt ist und so auch die strafrechtliche Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss, der ist ruck, zuck mit dem Gesetz in Konflikt, sagt Staatsanwältin Hanss.
Ermittler in den USA geben Hinweise
Aufmerksam auf das Material werden die Ermittler oft nach einem Hinweis aus Amerika. Das National Centre for Missing and Exploited Children (NCMEC) ist eine US-amerikanische Organisation, die Fälle von vermissten oder ausgebeuteten Kindern bearbeitet. Dateien, die auf US-Plattformen geteilt werden, durchlaufen einen internen Test auf Kinderpornografie – und werden im Zweifelsfall dem NCMEC gemeldet. Von dort geht der Hinweis ans Bundeskriminalamt nach Wiesbaden. 2014 waren es rund 5000 Fälle, 2019 mehr als 60 000 – Tendenz auch hier steigend.
Ein Problem für die Strafbarkeit: Die Grundeinstellung bei Whatsapp lädt Fotos im Chat sofort auf das Handy – Jugendliche sind dann in der Strafbarkeitsfalle. Einstellungen ändern und entsprechende Fotos keinesfalls weiterschicken, raten die Experten. Noch wichtiger allerdings sei die Rolle der Eltern. Die Frage, ab wann Kinder Zugang zum Internet haben und wie der von den Eltern kontrolliert wird, sei entscheidend.