Sexualisierte Gewalt „Viele Betroffene sind traumatisiert“

Die Professoring Julia Gebrande gehört der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs an. Foto: Ines Rudel Foto:  

Julia Gebrande, Professorin an der Hochschule Esslingen, beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Themenkreis der sexualisierten Gewalt. Nun wurde sie in eine Aufarbeitungskommission berufen.

Sie schweigen. Oft über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Opfer sexualisierter Gewalt tun sich meist schwer mit dem Reden über das Erlebte. Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs möchte ihnen eine Stimme geben. Professorin Julia Gebrande, Dozentin an der Hochschule Esslingen, wurde als ehrenamtliches Mitglied berufen.

 

Warum beschäftigen Sie sich mit dem Themenbereich?

Selbst bin ich nie Opfer von sexualisierter Gewalt geworden. Doch als Frau, die mit einer Behinderung zur Welt gekommen ist, habe ich früh ein Gefühl für Recht und Unrecht entwickelt und mich politisch engagiert. Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Das Thema wird nach wie vor tabuisiert und zu wenig kommuniziert. Dabei müssen wir hinschauen, reagieren und Täter zur Rechenschaft ziehen. Kindergärten, Schulen, Kirchen, Familien oder Vereine müssen sicherer gemacht werden. Viele Leute denken: „Ja, das gibt es, aber nicht bei uns“. Dabei werden statistisch gesehen in jeder Kindergruppe oder Schulklasse zwei bis drei Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt.

Warum berichten manche Betroffene erst nach Jahren von ihren Erlebnissen?

Dieses Verhalten ist sehr oft auf Scham, Angst oder Schutzmechanismen zurückzuführen. Viele Betroffene sind traumatisiert, befinden sich in einem Schockzustand, verdrängen das Erlebte oder befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Manche Täterstrategien zielen darauf ab, ihren Opfern Schuldgefühle einzureden oder sie einzuschüchtern. Der Themenbereich von Missbrauch ist teilweise noch immer tabuisiert oder wird totgeschwiegen. Oft stammen die Täter auch aus dem familiären und persönlichen Umfeld der Familie, es handelt sich um engagierte und angesehene Personen wie Pfarrer oder Sportlehrer oder es sind übergeordnete Menschen wie Lehrer, Professoren oder Arbeitgeber. Das macht es für die Betroffenen noch schwieriger, über das Erlebte zu reden.

Wo beginnt für Sie sexualisierte Gewalt?

Sie beginnt lange vor der Hands-on-Tat. Sie beginnt mit Sprüchen, Plakaten, Witzen, Grenzüberschreitungen oder der Betrachtung von Frauen oder Männern als Sexualobjekt. Die Grenzen von Menschen sind unterschiedlich. Doch ein deutliches Signal ist das Gefühl, sich unwohl zu fühlen. Übergriffe beginnen dann, wenn die Dinge nicht mehr einvernehmlich passieren. In Einrichtungen, Betrieben, Unternehmen oder Vereinen mit einer solchen Atmosphäre ist das Risiko von tätlicher sexueller Gewalt generell höher. Daher ist es wichtig, sich von Anfang an gegen jede Form der Grenzüberschreitung zu positionieren. Denn Menschen, die keine Grenzen ziehen, werden leichter Opfer von sexualisierter Gewalt. Aber das ist oft nicht so einfach – vor allem wenn Machtverhältnisse bestehen.

Gibt es Zahlen zu sexuellen Übergriffen im Kreis Esslingen?

Es gibt bis heute keine verlässlichen Zahlen – auch nicht für den Kreis Esslingen. Pro Jahr gibt es etwa 15 000 angezeigte Fälle sexualisierter Gewalt an Kindern unter 14 Jahren in der Bundesrepublik, aber die Dunkelziffer ist sehr hoch. Viele Taten werden nicht angezeigt. Daher brauchen wir ein nationales Forschungszentrum zu (sexueller) Gewalt gegen Minderjährige.

Was raten Sie Betroffenen?

Sie sollen sich auf jeden Fall professionelle Hilfe holen und nicht alleine bleiben. Im Kreis Esslingen bietet zum Beispiel der Verein Wildwasser Esslingen oder Kompass Kirchheim Beratungen an. Am Klinikum in Ostfildern-Ruit können sich Betroffene anzeigenunabhängig untersuchen lassen. Die Spuren der Tat werden gesichert und können später bei Ermittlungen und vor Gericht verwendet werden. Ob eine Anzeige folgt oder nicht, entscheiden aber ganz alleine die Betroffenen.

Wie kamen Sie in die Kommission?

Die Kommission wurde 2016 ins Leben gerufen, sie hat in Vollbesetzung sieben ehrenamtliche Mitglieder und ist bei der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Kerstin Claus, angesiedelt. Das Gremium arbeitet aber unabhängig und neutral. Nachdem drei Mitglieder zurückgetreten waren, wurde eine Findungskommission eingesetzt. Ich bin seit über 20 Jahren in Beruf und Ehrenamt, mit Vorträgen, Forschung und Publikationen in dem Themenkreis unterwegs. Es ist für mich eine besondere Auszeichnung, dass Betroffene mich vorgeschlagen haben.

Wie arbeitet das Gremium?

Betroffene können sich melden und ihre Geschichte erzählen. Dabei ist es egal, wann und wo sie Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind. Die Erfahrungsberichte zeichnen wir auf und schreiben sie in anonymisierter Form nieder. Den Betroffenen kann das Sprechen über das Vorgefallene bei der Aufarbeitung und Bewältigung des Erlebten helfen. Doch wir wollen nicht bei der individualisierten Ebene stehen bleiben. Die Erzählungen werden dokumentiert, analysiert und untersucht.

Wie werden die Befragungen der Betroffenen geführt?

Die Gespräche werden von extra geschulten Anhörungsbeauftragten geführt. Die Mitglieder des Anhörungsteams der Kommission sind Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die vor allem nach ihrer Eignung im Umgang mit Betroffenen ausgewählt wurden. Der Ton wird mitgeschnitten, danach wird das Gesprochene wortwörtlich abgetippt und anschließend anonymisiert. Betroffene können ihr Einverständnis zur Verwertung jederzeit ohne eine Angabe von Gründen zurückziehen. Für jedes Gespräch sind etwa zwei Stunden angesetzt, doch wir nehmen uns generell einen halben Tag Zeit dafür.

Was passiert mit den Aufzeichnungen?

Seit Gründung der Kommission 2016 wurden über 1500 Anhörungen geführt. Zusätzlich haben uns fast 650 Personen schriftlich über sexuellen Kindesmissbrauch berichtet. Die Aufzeichnungen dienen als Grundlagen für wissenschaftliche Analysen, für Fallstudien, für Expertengremien, als Basis für Ursachenforschung, wie es zu sexuellem Kindesmissbrauch kommen kann. Aus den Ergebnissen der Befragungen leiten wir Forderungen an die Politik, Empfehlungen an pädagogisch oder beratend Tätige und Maßnahmen für die Präventionsarbeit ab. Die Untersuchungen können etwa bei der Erarbeitung neuer Schulkonzepte oder der Schulung von Ansprechpersonen helfen. Die Kommission setzt sich beispielsweise für ein gesetzlich verankertes Recht von Betroffenen auf Aufarbeitung ein, mit dem Institutionen wie Kirche, Sport oder Schule sehr viel stärker als bisher in die Pflicht genommen werden. Ohne großen öffentlichen Druck etwa durch Betroffene ist keine Institution freiwillig zur Aufarbeitung bereit.

Die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Person
Julia Gebrande wurde 1978 in Bad Säckingen geboren und studierte nach dem Abitur und einem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) Sozialpädagogik an der Hochschule Esslingen. Nach einer Beratungstätigkeit bei Wildwasser Esslingen und ihrer Promotion an der Universität Hildesheim kehrte sie 2014 als Professorin an die Hochschule Esslingen zurück. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind auch die Prävention, Intervention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt.

Kommission
Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht seit 2016 Ausmaß, Art und Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik und der DDR. Kern ihrer Untersuchungen sind vertrauliche Anhörungen und schriftliche Berichte von heute erwachsenen Betroffenen, die in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt in Institutionen, im familiären und sozialen Bereich sowie organisierten Strukturen ausgesetzt waren.

Kontaktdaten
Betroffene sowie Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die der Kommission über sexuellen Kindesmissbrauch berichten möchten, können sich anonym und kostenfrei telefonisch unter der Nummer 0800/4 03 00 40, per E-Mail oder Brief an die Kommission wenden. Weitere Informationen zur vertraulichen Anhörung – auch online per Video – und zum schriftlichen Bericht sowie alle Kontaktdaten stehen unter www.aufarbeitungskommission.de.

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