Sexualität und Beziehungen Wenn der Mann keine Lust hat

Meist hat die Unlust beim Mann psychische oder emotionale Gründe. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Sexuelle Unlust beim Mann ist ein Thema, das in vielen Beziehungen präsent ist. Warum Männer von sich aus selten Hilfe suchen und welche gesellschaftlichen Bilder dabei eine Rolle spielen, erklärt die Sexual- und Paartherapeutin Julia Henchen im Interview.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Sexuelle Unlust gilt oft als „typisch weibliches“ Thema – doch auch viele Männer sind betroffen, sprechen aber seltener darüber. Julia Henchen (36), Paar- und Sexualtherapeutin sowie Autorin aus Stuttgart, erklärt im Interview, warum männliche Unlust noch immer tabuisiert ist, welche Rollenbilder dahinterstecken – und was Frauen tun können.

 

Frau Henchen, wie häufig erleben Sie in Ihrer Praxis Männer, die sich mit dem Thema sexuelle Unlust an Sie wenden?

Tatsächlich ist es so, dass Männer sich seltener direkt mit dem Thema sexuelle Unlust an mich wenden. Häufig kommt es eher im Rahmen von Paartherapien zur Sprache, oft weil die Frau das Problem thematisiert. Ich denke, das Thema ist bei Männern noch stark tabuisiert, was dazu führt, dass Paare aus Scham oder Unsicherheit oft weniger schnell professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Interessanterweise bekomme ich auf Plattformen wie Instagram sehr häufig Fragen von Frauen zu diesem Thema, was zeigt, dass es durchaus ein weit verbreitetes Anliegen ist, nur eben oft nicht offen angesprochen wird.

Welche Dynamik beobachten Sie in diesen Fällen?

Die Dynamik bei sexueller Unlust ist oft, dass Frauen das Thema ansprechen und nach Lösungen suchen, während Männer sich eher zurückziehen. Viele Frauen erzählen, dass sie früher ‚bad Boys‘ dateten und sich jetzt für ‚nettere‘ Männer entschieden haben, bei denen die sexuelle Anziehung im Laufe der Zeit verloren geht. Hier spielen oft patriarchale Vorstellungen eine Rolle, die das Bild vom ‚starken Mann‘ vermitteln. Bei vielen Männern, die unter sexueller Unlust leiden, geht es auch darum, dass sie an sich selbst zweifeln, weil sie diesem Bild nicht gerecht werden können. Es geht also nicht nur um Unlust, sondern auch um komplexere Themen wie das Nähe-Distanz-Verhältnis, Bindungsängste und die Unsicherheit, den ‚idealen Mann‘ zu verkörpern. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Männer dominant sein müssen, um Lust zu erleben. Vielmehr braucht es Nähe, Vertrauen und Sicherheit.

Julia Henchen hat eine eigene Praxis in der Region Stuttgart. Foto: PR/privat

Der Mann muss dominant sein. Leben wir immer noch diese Rollenbilder?

Ja, leider leben wir immer noch in einer Gesellschaft, in der diese Rollenbilder weit verbreitet sind. Die Erwartung, dass der Mann dominant sein muss, kommt aus patriarchalen Strukturen, die uns durch Medien und Gesellschaft eingeprägt wurden. Viele Frauen erwarten von Männern, dass sie beim Sex die Führung übernehmen, aber diese Erwartung ist oft unbewusst und wird als ‚normal‘ angesehen. Wenn der Mann dann keine Lust hat, kann dies bei der Frau Unsicherheit auslösen, weil sie dieses Bild des ‚dominanten Mannes‘ internalisiert hat. Es ist eine Dynamik, die tief in uns verankert ist, aber nicht unbedingt bewusst wahrgenommen wird.

Was passiert, wenn der Mann diese Rolle nicht einnimmt – oder selbst keine Lust hat?

Wenn der Mann keine Lust hat, irritiert das viele Frauen maßlos. Wir haben immer noch die Annahme, dass Männer immer stets bereit sind, wenn Sex für einen Mann verfügbar ist, der den auch möchte. Wenn das nicht passiert, neigen Frauen dazu, schnell nach Lösungen zu suchen und werden dann häufig eine Mischung aus Coachin, Mutter oder Therapeutin. Bei Männern, deren Partnerin keine Lust hat, passiert das selten. Da heißt es eher immer noch, dass es ihr Problem ist. Die Frauen kommen dann auch eher allein die Beratung.

Was sind denn die häufigsten Gründe für Unlust bei Männern – aus Ihrer Sicht?

Viele Frauen vermuten, er findet sie nicht mehr attraktiv oder hat eine andere. Das erlebe ich in der Therapie so gut wie nie. Ich habe mal eine Umfrage gemacht und kein Mann fand die Frau nicht mehr attraktiv. Oft benutzen Männer es als bloße Ausrede, weil sie selbst gerade nicht wissen, was mit ihnen los ist. Körperliche Ursachen wie Testosteronmangel sind ebenfalls selten. Meist sind es psychische oder emotionale Gründe: Stress, Leistungsdruck, Unsicherheiten – etwa die Angst, beim Sex nicht immer genau zu wissen, was sie möchte oder was ihr gefällt.

Warum denken Männer, dass sie das wissen müssen?

Viele sind super unsicher, die meisten sind mit Pornos sozialisiert worden. Wenn man Männer fragt: ‚Was findest du sinnlich?‘ haben sie darauf meistens keine Antwort, auf die Frage, was findest du ‚geil‘ schon. Die meisten haben sich nie damit auseinandergesetzt, was sie selbst wirklich berührt.

Gibt es auch körperliche Ursachen für Unlust bei Männern?

Ja und das sollte man unbedingt auch vor einer Therapie abklären lassen, urologisch und endokrinologisch. Das können Gefäßverengungen, Diabetes oder Schilddrüsenerkrankungen sein, aber auch viel Alkohol, Zigaretten oder Drogen lösen Unlust und Erektionsprobleme aus. Medikamente wie Antidepressiva können Erektionsprobleme machen, eine Depression an sich führt häufig schon zu Unlust; da lohnt es sich, mit dem Psychiater zu sprechen – es gibt Alternativen, auch lustfördernde Präparate. Zur Not: den Psychiater wechseln, auch wenn es schwierig ist, mitten in einer depressiven Phase. Aber Sexualität ist ein wichtiger Teil von uns Menschen – es steigert ja auch unsere Lebens- und Beziehungsqualität erheblich.

Kann Viagra eine Lösung für manche Erektionsprobleme sein?

Das kann helfen. Ich habe damit gute Erfahrungen gemacht in der Therapie mit Männern. Aber nur temporär und idealerweise begleitet durch Therapie. Es geht darum, die Angst vor der Angst zu durchbrechen und wieder positive Erfahrungen zu machen. Aber auch hier gilt: Ohne Reflexion bringt eine Pille auf Dauer nichts.

Ist Unlust in Langzeitbeziehungen nicht auch eine normale Entwicklung?

Absolut. Wenn der Sex in einer längeren Beziehung nachlässt, ist das erstmal kein Zeichen einer Krise, sondern vielmehr von Stabilität und Sicherheit. Man kompensiert nichts mehr über Sex, muss keine Nähe mehr darüber herstellen. Umgekehrt muss man sich dann als Paar eben oft fragen, wie man lustvollen Sex wieder herstellen kann. Das ist ein Prozess – und der beginnt mit Kommunikation.

Ein schwieriges Thema – vor allem für Männer.

Ja, das Gefühlsthema ist für viele Männer extrem schambehaftet. Viele haben nie gelernt, ihre Gefühle zu benennen oder auszuhalten. Manche ziehen sich dann zurück, werden passiv-aggressiv oder vermeiden Gespräche ganz. Und wenn Frauen dann versuchen, den Raum zu öffnen, treffen sie auf Schweigen oder Ablehnung. Das ist frustrierend. Frauen übernehmen auch bei der Sexualität oft die gesamte Care-Arbeit.

Was raten Sie betroffenen Frauen?

Zunächst: Die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen. Man kann versuchen, einladend zu kommunizieren und dem Partner zum Beispiel sagen: ‚Mir ist unsere Beziehung wichtig, ich würde gern gemeinsam eine Lösung finden.‘ Wenn das nicht funktioniert, kann es sinnvoll sein, allein in eine Sexualtherapie zu gehen, um herauszufinden: Was will ich eigentlich? Möchte ich in einer Beziehung sein, in der mein Partner emotional überhaupt nicht erreichbar ist?

Und wenn sich nichts verändert?

Dann müssen Frauen irgendwann Konsequenzen ziehen. Das kann eine Trennung sein. Oder ein Vorschlag wie eine offene Beziehung – der bringt manche Männer doch plötzlich zum Nachdenken und dann kommen sie ins Tun. Die eigentliche Ursache für eine Trennung ist oft nicht der fehlende Sex, sondern die mangelnde emotionale Verbindung und dass die Frau dann eher eine mütterliche Rolle in der Beziehung hat. Die Persönlichkeit spielt ja nicht nur beim Sex eine Rolle – das zieht sich ja oft durch die ganze Beziehung.

Das klingt für viele Frauen frustrierend. Gibt es auch positive Entwicklungen bei solchen Männern?

Ja, auf jeden Fall. Ich begleite durchaus einige Männer alleine über längere Zeiträume, die sich wirklich mit ihrer Biografie auseinandersetzen, mit Elternbeziehungen, Erziehung und verinnerlichten Rollenbildern. Wenn Männer sich öffnen, kann aus einer sexuellen Krise auch wirklich etwas Neues entstehen. Aber es braucht Zeit, Geduld – und die Selbstverantwortung, an sich zu arbeiten.

Zur Person

Leben
Julia Henchen ist systemische Paar- und Sexualtherapeutin. Ihr Fokus liegt in ihrer Arbeit auf der Lust und Lustlosigkeit. In ihre Praxis in Tiefenbronn kommen Menschen mit Orgasmusproblemen, fehlender Lust und Beziehungskonflikten.

Werk
Sie hat mehrere Bücher geschrieben wie „Kopf aus, Lust an – wie du deine Lustlosigkeit überwindest und ein erfülltes Sexleben führst“ und hostet den gleichnamigen Podcast. (nay)

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