Sexuelle Aufklärung Wie Jugendliche heute Sex lernen (sollten)

Gar nicht so einfach: Auch Sex muss man lernen. Foto: Imago/Westend61

Oralsex, Vaginalsex, Analsex – können sich Jugendliche heute alles recht einfach im Internet ansehen. Braucht es da überhaupt noch Aufklärungsbücher?

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

So viel Sex war nie. Das Internet ist voll davon. Mit allen Spielarten. Wissen die jungen Leute nicht schon alles? Womöglich mehr als ihre Eltern oder Großeltern, die noch die Sexuelle Revolution der 1960er und 1970er Jahre als große Befreiung erlebten? Braucht es da heute überhaupt noch Sexualaufklärung?

 

Auf jeden Fall, ist Ann-Marlene Henning überzeugt. Sie sagt: Körperliche Erregung ist einem gegeben, Sexualität muss man lernen. „Vieles klappt bei vielen nicht“, meint Deutschlands bekannteste Sexologin. „Manche Menschen haben ein Leben lang nicht die Sexualität, die sie sich wünschen und die sie glücklich macht.“ Auch dass die jungen Leute schon alles Nötige wissen, glaubt Henning nicht: „Was uns in den Medien präsentiert wird, hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun“, schreibt die Paar- und Sexualtherapeutin in ihrem Aufklärungsbuch „Make Love“. Denn Pornos seien oft voller bizarrer Praktiken. „Aber zeigen sie erfüllten Sex?“, fragt Henning. „Meist nicht.“

Die Geschlechtszuordnung weicht auf

Die Lage ist vertrackt. Auf der einen Seite bietet die sogenannte Neosexuelle Revolution, wie der Sexualforscher Volkmar Sigusch dies genannt hat, heute neue, ungeahnte Freiräume, wie selbst die 1968er-Generation sich diese vielleicht noch nicht vorstellen konnte. Sexualität ist so vielgestaltig wie noch nie. Homosexualität und andere sexuelle Orientierungen sind bei vielen Jugendlichen akzeptiert, auch bei der eigenen Geschlechtszuordnung ist manches im Fluss.

In Umfragen, in welchem Maße sich junge Leute als Frau oder Mann fühlten, gäben diese auffällig häufig nicht mehr eine 100-Prozent-Zuordnung an, sagt Ann-Marlene Henning. „Das Gefühl, ein bestimmtes Geschlecht zu sein, tendiert immer mehr von den Polen weg.“ Ähnlich seien die Ergebnisse auf die Frage, mit wem die Jugendlichen schliefen. „Die Menschen sind viel mehr bi, als viele denken“, ist die Dänin überzeugt. Das habe im Übrigen schon der US-amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey in seinen als Kinsey-Report berühmten Studien aus den 1940er und 1950er Jahren herausgefunden.

Der großen Freiheit steht eine andere Entwicklung entgegen, die auch Risiken und Einschränkungen mit sich bringt. „Die Jugendlichen stehen heute unter einem ganz anderen Druck“, sagt Ann-Marlene Henning im Gespräch. „Sie haben das Gefühl, sie müssten.“ Und der Umgang mit Social Media, mit der Welt von Influencern, mit schwer erreichbaren Schönheitsidealen, der Bewertung von Körpern, Menschen und der Verbreitung persönlicher Bilder im Netz, hat Tücken. Dieser vielfältigen Gemengelage versuchen Aufklärungsbücher für Jugendliche heute zu entsprechen. Mit den Eltern wollen die pubertierenden Kinder darüber in der Regel nicht sprechen.

Ann-Marlene Hennings Buch „Make Love“

Eine Art Initialzündung war hier „Make Love“ von Ann-Marlene Henning. „Da habe ich was losgetreten“, sagt sie über das Buch. „Die Zeit war reif, da hatte was gefehlt.“ Verglichen mit früheren Sexualratgebern für Erwachsene wie dem mit zehn Millionen verkauften Exemplaren unerreichbaren Weltbestseller „Joy of Sex“ des englischen Arztes und Anarchisten Alex Comfort spielt in der Jugendaufklärung heute die weibliche Sexualität eine größere, genau gesehen sogar die zentrale Rolle. Das zeigt sich an der ausführlichen Behandlung der Klitoris. Die sei früher „als abartig beschrieben worden und irgendwann sogar ganz aus Medizinbüchern verschwunden“, ärgert sich Ann-Marlene Henning noch heute. Später sei dieses recht große Lustorgan zwar genannt, aber „auf die Perle reduziert worden“. Dass dies so ist, zeigt für die Sexologin, dass auch die recht freizügige Sexualaufklärung der 1970er Jahre noch „versteckt männerzentriert war“.

Die Frauen und der Orgasm Gap

Das kann man heute nicht mehr sagen. Dem für die Sexualität so wichtigen Organ widmen die Aufklärungsbücher viel Raum. Das liegt auch am sogenannten Orgasm Gap. Nach Studien kommen 30 Prozent der Frauen beim Sex gar nicht zum Höhepunkt, insgesamt sogar etwa 80 Prozent jedenfalls nicht alleine durch Penetration. Ann-Marlene Henning behandelt das Thema ausführlich unter anderem im Kapitel „Hosen runter. Der weibliche und der männliche Körper“, wo neben einer kleinen Hormonlehre auch die Geschlechtsteile vorgeführt werden. Schamlippen heißen bei der dänischen Sexologin im Übrigen Geschlechtslippen, weil Henning findet, „dass es mit der Scham ein Ende haben sollte“. „Make Love“ zeigt auch viele Infografiken, etwa zum Durchschnittsalter der Jugendlichen beim ersten Sex im internationalen Vergleich (Deutschland: 17,6 Jahre), Liebesstellungen, zur Schulbildung schwangerer Minderjähriger, zur Sicherheit von Verhütungsmitteln oder dass die Zahl der Jungen, die sich die Haare im Genitalbereich abrasieren (69,7 Prozent) höher ist als bei den Mädchen (67,7 Prozent).

Bilder von Sex und Liebe

Ann-Marlene Hennigs Buch ist ausführlich, in den Beschreibungen detailliert, auch wenn’s ums Küssen und ums Streicheln geht. Sie tastet sich sprachlich an den Körpern entlang, empfindsam, bei aller Nüchternheit betont sie die emotionale Seite beim Sex. Dabei geht es ihr nicht zuletzt darum, „Freude am Sex“ zu vermitteln. Der vergleichsweise umfangreiche Lesestoff dürfte für die jungen Leserinnen und Leser aber hilfreich sein, etwa im Abschnitt zur weiblichen und männlichen „Orgasmuskunde“ im Kapitel „Komm doch“. In Infokästen gibt es Zusatzinfos, auch Historisches („Die Entdeckung der Klitoris“) oder auch zu Themen wie den „Geheimcodes“ in der Schwulen- und Lesbenszene. In zwei Blöcken zeigt das Buch Fotos von jungen Leuten beim Sex, die aber bei aller Explizitheit auch die gefühlvolle Seite betonen. Dass es sich dabei nicht um plumpe Pornografie handelt, wurde der Sexologin nach einer Anzeige wegen der Bilder sogar von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien bestätigt.

Die spanische Youtuberin Chusita mit „Sex“

Knapper, kürzer, greller kommt „Sex. Was du schon immer wissen wolltest“ der spanischen Youtuberin Chusita daher. Diesen Eindruck macht schon der Einband in Neonorange. Das Buch bietet statt Fotos Comics zu den Kapiteln, was die teils deutlichen Darstellungen dezenter macht. Die Übertragung ins Deutsche ist aber nicht weniger unverblümt als „Make Love“. Auch dieses Buch ist an vielen Stellen bemüht, bei den Jugendlichen keinen Druck aufzubauen („Ich werde dir NICHT sagen, ob du Sex haben oder es lassen sollst. Das ist allein deine Sache“ oder „VERGISS GRÖSSE UND AUSSEHEN von Penis, Brüsten und sonst was. Das einzig Wichtige ist, dass du deinen Körper kennst und weißt, wie er auf Berührungen reagiert, was dir guttut und was nicht“.) Chusita wartet mit Tests zum Thema Sex auf („Über die Klitoris weißt du . . .“), es gibt eine Rubrik „Lügenmärchen“, welche die Autorin aufklärt („Je größer der Penis, desto mehr Spaß“).

Gestaltet ist das Werk in einer Ästhetik, wie man sie von Smartphone oder Tablet kennt. In entsprechenden Sprechblasen sind Fragen von Jugendlichen eingebaut. Und auch in diesem Buch wird freizügig, wenn auch weniger detailreich über Lust, Küssen, Mädchenkörper, Jungenkörper und den Orgasmus geschrieben. Zum Standard gehören heute ausführliche Abschnitte über Masturbation für Mädchen und für Jungs. Nicht nur, weil, wie Studien zeigen, Selbstbefriedigung in Zeiten der Neosexuellen Revolution nicht mehr verpönt ist und als eigenständige Sexualpraxis betrachtet wird. Masturbation gilt inzwischen als eine Art Königsweg zum sexuellen Glück, weil er Selbsterfahrung bietet, die es dazu braucht. Ausführlich geht auch die Youtuberin auf das Thema sexuelle Identität ein, in den Abschnitten „Heterosexuell“, „Homosexuell“ und „Jenseits aller Schubladen“.

Und auch das Buch der Spanierin klärt nicht nur freimütig über Oralsex und Vaginalsex auf, ganz selbstverständlich und ausführlich wird auch das noch eher tabuisierte Thema Analsex behandelt. Das Glossar reicht denn auch von Anus bis Vulva. Viele Beiträge sind aber auch mit Hinweisen zu „Spielregeln“ und mit Warnzeichen versehen. Im Abschnitt „One-Night-Stand“ überwiegt sogar das Warnende, von „Sexting“, wenn sich die Partner gegenseitig erotische Fotos zusenden, rät die Autorin in diesem Fall jedenfalls ab.

Nicht heteronormativ: „Sex in echt“

Noch knapper und in gegenderter Sprache ist das jüngste der drei Bücher, „Sex in echt“ von Nadine Beck und Rosa Schilling. Es ist vielleicht am nächsten an den jüngsten Trends. Auch hier stehen am Anfang Ausführungen zu dem, was heute „Body-Positivity“ heißt: „Scheiß drauf – dein Körper ist großartig, so wie er ist. Auch wenn du nicht aussiehst wie dein*e Lieblings-Influencer*in . . . Sex haben und genießen dürfen alle Menschen – nicht nur die, die schön und sexy in den Augen einiger sind.“ Vieles, was die anderen Bücher enthalten, bietet auch dieses Buch („Gönn dir: Solosex“).

Allerdings werden andere sexuelle Orientierungen nicht einfach neben der Heterosexualität vorgestellt. Die Leser werden auch in das Vokabular und das Denken des Queer-Feminismus eingeführt. Nicht nur das binäre und das nicht binäre Geschlechtersystem wird erklärt, es ist von „Menschen mit Uterus“ oder „Menschen mit Vulva“ oder „mit Penis“ die Rede. Auch Kleidungsstücke, mit denen man optisch die Geschlechtsidentität ändern oder abschwächen kann, werden erläutert, etwa „Tucking Pants, die den Penis platt drücken“, oder besondere Hemden „zum Abbinden der Brüste“ oder „Kunststoff-Penisse (Packer) oder -Brüste“.

„Verhandlungsmoral“ zwischen den Geschlechtern

Das hat stellenweise Züge eines politischen Statements, nicht nur im Kapitel „LGBTQIA+, Hetero & Co.“. In der Kombination mit der knappen Darstellung geht das für die Leser aber auf Kosten des praktischen Nutzens. Während die anderen beiden Aufklärungsbücher auch das Thema sexuelle Stellungen abhandeln, was bei Alex Comforts „Joy of Sex“ noch die Hauptsache war, verzichten die Autorinnen von „Sex in echt“ darauf ganz. Dafür hat das Buch als einziges ein eigenes Kapital über Sexspielzeuge. Beides lässt sich mit dem Werdegang der Autorinnen erklären. Rosa Schilling kam, wie sie erklärt, zur sexuellen Bildung über den „queer*feministischen Aktivismus“, Nadine Beck hat über die Geschichte des Vibrators promoviert.

Alle Bücher befassen sich auch mit Verhütung und Geschlechtskrankheiten. Hier scheinen die Jugendlichen heute schon viel zu wissen und sehr bewusst vorzugehen. Studien zeigten, dass „Jugendliche Kondome nutzen, und sie machen das besser und sicherer als beispielsweise die Babyboomer oder noch ältere Menschen“, sagt Ann-Marlene Henning. „Jugendliche sprechen darüber miteinander, es hängt nicht nur am Mädchen, die machen das gemeinsam aus.“ Die frühere Verbotsmoral sei heute durch eine „Verhandlungsmoral“ abgelöst, weiß die Sexologin. Ann-Marlene Henning ist deshalb der Meinung, auch wenn es noch viel zu tun gebe, sei im Umgang mit dem Sex auch schon einiges erreicht.

Aufklärung für Jugendliche

Make Love
Das Buch von Ann-Marlene Henning und Tina Bremer-Olszewski erscheint im Goldmann-Verlag, hat 254 Seiten und kostet 14 Euro. Hennings neueres Buch zum Thema heißt Sex verändert alles , herausgebracht wird es vom Rowohlt-Verlag zum Preis von 20 Euro.

Sex: Was du schon immer wissen wolltest
Die Übertragung aus dem Spanischen von Youtuberin Chusita gibt’s im Verlag cbj, hat 157 Seiten und kostet 15 Euro.

Sex in echt
von Nadine Beck und Rosa Schilling wird verlegt bei Migo, das Buch hat 127 Seiten zum Preis von 17 Euro.

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