Sexuelle Belästigung im Kreis Esslingen Grenzüberschreitung in der Physiotherapie

Von Greta Gramberg 

Eine Frau im Kreis Esslingen wird in der Physiotherapie sexuell belästigt und geht dagegen vor. Sie will betroffene Frauen mit ähnlichen Erlebnissen ermutigen, sich an die Polizei zu wenden.

  Foto: dpa/Christin Klose
  Foto: dpa/Christin Klose

Kreis Esslingen - Schon in der ersten Therapiesitzung habe sie sich unwohl gefühlt, erzählt Anna M., Architektin. Und das Gefühl, das ihr neuer Physiotherapeut bei ihr auslöste, trog nicht, wie die Frau aus dem Kreis Esslingen schildert. Die Behandlungen an intimen Stellen wie Brust und Leiste waren sehr schmerzhaft, währenddessen erzählte der Therapeut von seinem Sexleben und bot seiner Patientin in den Folgesitzungen Geschlechtsverkehr an. M. lehnte ab, bat, das Gesprächsthema zu wechseln und beendete die Behandlung schließlich vorzeitig. Sie empfinde Wut darüber, was der Mann sich rausgenommen habe, sagt die Architektin heute rückblickend. „Ich bin auf seine Hilfe angewiesen und er nutzt mich aus für die Befriedigung seiner Bedürfnisse.“ Die selbstbewusste Frau heißt eigentlich nicht Anna M., sie ist auch keine Architektin. Doch sie hat Angst vor dem Therapeuten, der sie, wie sie heute realisiert, sexuell belästigt hat. Davor, dass er plötzlich vor der Tür steht, um sie zu bedrohen. Besonders, seit sie Anzeige erstattet hat. „Es gab eine Phase, da hatte ich Angst, die Tür unverriegelt zu lassen“, erzählt sie. Doch M. will anderen Mut machen, ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verteidigen.

Das war aber nicht sofort so, nachdem sie die Behandlung abgebrochen hatte. „Ich wusste nicht, was ich damit machen soll“, sagt sie. Bis heute ist nicht ganz klar, ob die schmerzhafte Behandlung tatsächlich therapeutisch notwendig war. Martina Huck von Wildwasser Esslingen, einer Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt, nennt Übergriffe in der Physiotherapie „perfide“. Der Täter nutze das Machtgefälle zwischen Therapeut und Patient und dessen Vertrauen gegenüber dem Heilbehandler aus. „Für die Patientin oder den Patienten ist schwer zu identifizieren, ob eine Grenzverletzung stattgefunden hat.“ Doch ein Mensch, der für eine therapeutische Behandlung bezahlt werde, habe kein Recht, sexuelle Avancen zu machen. Zudem sei nicht nur entscheidend, ob eine Berührung positiv für den Behandlungserfolg sein könne, sondern auch, mit welchem Hintergedanken der Therapeut handle.

Der Verband kann nur beraten

Zahlen zu sexueller Belästigung in der Physiotherapie gibt es nicht. Huck findet es gut, dass M. die Öffentlichkeit sucht, denn solche Vorfälle gebe es öfter als der breiten Bevölkerung bewusst sei. Wahrscheinlich handle der Physiotherapeut auch bei anderen Patientinnen so. Und das könne großen Schaden anrichten, insbesondere bei Frauen, die zuvor schon sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Den Vorfall in der Therapie und das unangenehme Gefühl hatte M. zunächst verdrängt. Mit dem Fernsehfilm „Männerwelten“, den die Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf im Frühjahr auf Pro Sieben präsentierten, änderte sich das. Darin erzählen Frauen von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt. M. schilderte ihrer neuen Physiotherapeutin den Vorfall, die ihr sofort gesagt habe: „Das geht gar nicht.“ M. erinnerte sich auch an Situationen in ihrer Jugend, in denen sie und Freundinnen von Therapeuten belästigt wurden. Sie suchte Kontakt zu Wildwasser und zur Polizei. Nach der Entscheidung, etwas unternehmen zu wollen, musste M. feststellen, dass der Weg zu mehr Gerechtigkeit voller Hürden ist. Weder ihre Krankenkasse noch der Verband für Physiotherapie haben spezielle Ansprechpartner für Opfer sexueller Belästigung. Sie äußerten Bestürzung, sahen aber kaum Handlungsmöglichkeiten. Hannah Krappmann, Vorsitzende des Verbands erklärt: „Leider sind wir ja keine Kammer.“ Die Ärztekammer kann bei Beschwerden gegen ein Mitglied selbst handeln, Rügen aussprechen und berufsgerichtliche Verfahren einleiten. „Das Verhalten des Therapeuten der Frau war natürlich nicht in Ordnung“, sagt Krappmann. Der Verband habe eine klare Haltung gegen sexuelle Belästigung, ihm seien aber durch die rechtliche Situation die Hände gebunden. Man könne die Betroffenen nur ein Stück weit beraten und an Beratungsstellen und die Polizei weitervermitteln, wie auch bei M. geschehen.

Betroffene sollen sich melden

Bei der Polizei suchte M. im Internet nach einer zentralen Stelle für Opfer sexueller Gewalt und Belästigung im Kreis Esslingen. Doch die gibt es im Reutlinger Flächenpräsidium nicht, je nach Fall sind die Polizeiposten vor Ort oder die Kriminalpolizei zuständig, wie Andrea Kopp von der Pressestelle des Polizeipräsidiums erklärt. Nach einigen Anrufen und einem Vor-Ort-Termin hat M. in einer jungen Polizistin „eine gute Beraterin“ gefunden, die ihren Fall mit Engagement und Sensibilität vorantreibt. Derzeit hätte eine Klage vor Gericht wenig Chancen, weil Aussage gegen Aussage stünde. Es gebe immer wieder Straftaten, „bei denen die Möglichkeiten und Ermittlungsansätze begrenzt sind“, erklärt Kopp, zum Beispiel weil es keine Zeugen gebe. „Das sollte aber niemanden von einer Anzeige abhalten, denn manchmal können sich bei den Ermittlungen trotz fehlender Augenzeugen durchaus alternative Möglichkeiten ergeben, die Beweislage zu festigen.“ Im Fall von Anna M. hoffen sie und die Polizistin, dass weitere Patientinnen mit ähnlichen Erlebnissen den Mut finden, sich bei der Polizei zu melden.

M. wünscht sich, dass es Betroffenen einfacher gemacht wird, indem es Ansprechpartner in Behörden und bei Krankenkassen für Opfer sexueller Belästigung gibt und deren Kontaktdaten einfach zu finden sind. „Ich habe das Gefühl, das System nimmt das nicht ernst, dabei ist es ein so großes Thema der Frauen“, ärgert sich M. Die einzelnen Stellen und Behörden ruhten sich auf den Hürden des bestehenden Systems aus. Ob es ihr geholfen habe, sich einzusetzen? „Weitgehend ja“, sagt sie. Es sei ihr wichtig, sich für ihre Werte einzusetzen. Wirklich gut gehe es ihr dabei aber nicht. Sie gehe mittlerweile nur noch zu Ärztinnen und Therapeutinnen, so fühle sie sich sicherer.

Zahlen zu sexualisierter Gewalt und Hilfestellen

Studien Im Jahr 2014 wurde eine europaweite Erhebung der EU-Agentur für Grundrechte veröffentlicht, für die 42 000 Frauen zum Thema sexuelle Gewalt befragt worden waren. Demnach hat jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Nur jedes dritte Opfer von Gewalt in Partnerschaften und jedes vierte von Gewalt außerhalb der Beziehung meldet einen Übergriff. 43 Prozent der befragten Frauen haben durch Partner psychische Gewalt erlebt. 55 Prozent sind einmalig oder mehrmals sexuell belästigt worden. Sexuelle Belästigung nach der Erhebung reicht von unerwünschten Berührungen, über anzügliche Kommentare, durch die sich eine Befragte angegriffen fühlte, bis hin zu sexuell eindeutigen Fotos oder Geschenken. Auf noch mehr Betroffene deutet eine Studie hin, die 2014 das Bundesfamilienministerium in Deutschland in Auftrag gegeben hatte und für die 10 000 Frauen befragt worden waren.

Zahlen im Kreis Esslingen: Nach Angaben der Polizei wurden 2019 im Landkreis 382 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung angezeigt, das ist eine Steigerung von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Darunter waren 31 Vergewaltigungen, 29 Fälle von sexueller Nötigungen, 78 sexuelle Belästigungen und 156 Fälle sexuellen Missbrauchs. 87 Prozent der Opfer waren weiblich.

Informationen und Hilfe: Beratung bei sexualisierter Gewalt: Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (08 00/2 25 55 30), Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (0 80 00/ 11 60 16, www.hilfetelefon.de), Wildwasser Esslingen, (07 11/35 55 89, https://wildwasser-esslingen.de). Polizei: Je nach Fall sind das Revier vor Ort oder die Kriminalpolizei zuständig:  www.polizei-beratung.de/opferinformationen/sexualstraftaten




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