Sexueller Missbrauch Im Labyrinth des Verdachts

Von Michael Ohnewald 

Sexueller Missbrauch und Vergewaltigung finden dort statt, wo keiner hinsieht. Ein Stück über die Grauzonen von Glaubhaftigkeit.

Hinter der Türe: 80 Prozent der Opfer von sexueller Gewalt werden zu Hause missbraucht. Foto: dapd
Hinter der Türe: 80 Prozent der Opfer von sexueller Gewalt werden zu Hause missbraucht. Foto: dapd
Stuttgart - Sie kennen sich nicht, haben sich nie gesehen. Zwei Männer aus zwei Welten: Jörg, der Wettermoderator, und Janosch, der Lastwagenfahrer. Was sie verbindet, ist ein Verdacht. Beide werden belastet durch Aussagen, die nicht leicht auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen sind, weil nur zwei Menschen wissen, was wirklich passiert ist. Jörg, der Wettermann, fühlt sich zu Unrecht von seiner langjährigen Freundin beschuldigt. Sie sagt, er habe sie mit einem Messer bedroht und vergewaltigt. Janosch, der Lastwagenfahrer, fühlt sich zu Unrecht von seiner erwachsenen Stieftochter beschuldigt. Sie sagt, er habe sie über Jahre sexuell missbraucht. Das Landgericht in Stuttgart hat der Zeugin geglaubt und Janosch nach fünf Prozesstagen im August 2009 zu einer Gefängnisstrafe von insgesamt sieben Jahren verurteilt.

Hundert Kilometer entfernt, im gleichen Bundesland, befassen sich Juristen seit Monaten mit Jörg, dem Wettermann. Am 6.September vorigen Jahres hat die Strafkammer zum ersten Mal getagt, um Licht ins Unwetter einer Zweierbeziehung zu bringen. Inzwischen ist das Landgericht Mannheim in der Angelegenheit 27-mal zusammengekommen, weitere 16 Prozesstage sind schon jetzt angesetzt. "Derzeit kann man keine verlässlichen Angaben darüber machen, ob diese Tage reichen", erklärt der Richter Christian Hirsch. Zwischen September und Januar allein sind mehr als 25 Zeugen gehört worden, vom Kriminalbeamten bis hin zu den Exgeliebten, und es werden weitere dazukommen. Demnächst plant die Kammer zur Aufklärung des Sachverhalts eine Reise in die Schweiz. Bis es so weit ist, geben sich Experten im Mannheimer Gerichtssaal die Klinke in die Hand. Psychologen, Traumatherapeuten, Rechtsmediziner. Am Ende dürften es wohl mehr als ein Dutzend Sachverständige sein, deren Befunde diesen Fall erhellen sollen. Ein Gutachten kostet bei Gericht schon mal 5000 Euro.

Was Maria erlebt hat, klingt nach einem Albtraum


Der Prozess von Janosch, dem Lastwagenfahrer, ist günstiger gewesen. Experten wurden dort nicht gehört. Seit zwei Jahren lebt der Verurteilte im Gefängnis. Janosch ist ein Pseudonym. Alle Namen aus seiner Familie sind auf seinen Wunsch geändert. Er möchte nicht, dass sein Sohn angesprochen wird, der noch in den Kindergarten geht. Der Knast hat Janosch gezeichnet. Seine Haare sind grau geworden. Er hat ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Seine Zähne könnten eine Sanierung vertragen. In seiner Zelle schreibt er Briefe, in denen steht, dass er unschuldig sei und dass der Richter ihm ein beantragtes Gutachten zur Glaubhaftigkeit der Stieftochter verwehrt habe. "Der Richter ist wie Gott, der alles kann", schreibt Janosch. "Ich habe das nicht getan." Adressiert sind seine Schreiben an Politiker. An die Justiz. An Zeitungen. An den Europäischen Gerichtshof.

Janosch stammt aus Polen und hat aus erster Ehe zwei erwachsene Kinder. Seine Frau starb bei einem Verkehrsunfall. In den Masuren hat Janosch viele Jobs gehabt, in einer Kohlegrube, als Fahrlehrer, als medizinischer Assistent im Krankenhaus. Irgendwann lernte er Jelena kennen, die allein mit ihrer Tochter Maria lebte. Sie heirateten und führten längere Zeit eine Fernbeziehung. Im Jahr 2000 kam Janosch nach Hessen und schuftete in der Landwirtschaft. Später heuerte er als Lastwagenfahrer in Stuttgart an und holte seine Frau Jelena mit deren Tochter Maria nach.

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