Sexueller Missbrauch in Korntal Die Brüdergemeinde hat Taten vertuscht

Schon in den 1960er Jahren wurden erstmals Missbrauchsfälle in den Kinderheimen der christlichen Brüdergemeinde in Korntal aktenkundig, die Verantwortlichen wussten davon – doch die Täter wurden geschützt. Das legen neue Informationen nahe.

Im Korntaler  Hoffmannhaus sollen mehrfach  Kinder vergewaltigt worden sein – für einen Hausmeister beispielsweise hatten seine sexuellen  Übergriffe keine Konsequenzen. Foto: dpa
Im Korntaler Hoffmannhaus sollen mehrfach Kinder vergewaltigt worden sein – für einen Hausmeister beispielsweise hatten seine sexuellen Übergriffe keine Konsequenzen. Foto: dpa

Korntal-Münchingen - Immer mehr ehemalige Heimzöglinge berichten von ihren Erlebnissen in den Einrichtungen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal. Sie erzählen von physischer und psychischer Gewalt, die sie in den Jahren 1950 bis 1970 in den Kinderheimen erlebt haben. Inzwischen hat die Juristin Brigitte Baums-Stammberger, die mit dem Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger für die Aufklärung der Missbrauchsfälle zuständig ist, mehr als 85 Gespräche mit Betroffenen geführt.

Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass die Brüdergemeinde früh von einzelnen Tätern wusste, diese aber weiterhin in ihren Reihen duldete. Das legen Informationen nahe, die unserer Zeitung vorliegen.

Diese beziehen sich vor allem auf einen langjährigen Hausmeister. Der inzwischen verstorbene Mann soll Heimzöglinge vergewaltigt haben. Das haben Betroffene in den vergangenen Monaten mehrfach berichtet. Jetzt zeichnet sich ab, dass die Übergriffe bereits in den sechziger Jahren aktenkundig wurden. Trotzdem blieb der Mann weiterhin im Kinderheim Hoffmannhaus tätig. „Man hat ihn nicht entlassen, weil er wohl ein unverzichtbarer Handwerker war“, berichtet Detlev Zander aus dem Gespräch, das er im Rahmen der Aufklärung mit Baums-Stammberger und Hafeneger geführt hat. Hafeneger wertet derzeit die Archivbestände aus.

Hat die Brüdergemeinde tatsächlich wissentlich einen Hausmeister weiter beschäftigt – und ihm so die Möglichkeit eingeräumt, sich weiter an Kindern zu vergehen? Klaus Andersen, der Vorsteher der Brüder, lehnt eine Stellungnahme zu diesem ungeheuerlichen Verdacht ab und verweist darauf, dass es Aufgabe des Aufklärer-Duos sei, alles ans Licht zu bringen.

Die Aufklärer haben bislang Gespräche mit 87 Opfern geführt

Der heute 56-jährige Zander lebte von 1963 bis 1977 im Korntaler Hoffmannhaus und wurde nach eigenen Angaben in dieser Zeit selbst ein Opfer des Hausmeisters. Zander war 2014 mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen und hatte die Aufklärung damit in Gang gebracht. Vor wenigen Tagen nun hat er sich erstmals zu einem Gespräch mit den Aufklärern Baums-Stammberger und Hafeneger getroffen. Deren Abschlussbericht soll laut der Brüdergemeinde in diesem Jahr fertig und veröffentlicht werden.

Hafeneger selbst äußert sich mit Verweis auf die Vertraulichkeit nicht im Detail zu dem Gespräch. Zander habe detailliert seine Gewalterfahrungen in Korntal geschildert, so Hafeneger. „Dabei ging er auf die strafende erzieherische Atmosphäre, unterschiedliche Formen sexualisierter, körperlicher und seelischer Gewalt ein, die er selbst wiederholt und über einen längeren Zeitraum erlebt hatte und die auch andere Kinder – so seine Hinweise – erlebt haben.“ Zander habe zudem präzise Ereignisse und Namen von Täterinnen und Tätern sowie Tatorte benannt, aber auch positive Erlebnisse und Erfahrungen in Korntal nicht ausgelassen. „Das Gespräch verlief sehr konzentriert und in einer offenen, von Respekt und Vertrauen geprägten Atmosphäre.“

87 solcher Gespräche mit Betroffenen wurden inzwischen geführt. 23 weitere Treffen mit Opfern sind terminiert. Das Archivmaterial sei umfangreich gesichtet und zum Teil schon ausgewertet, „So viel lässt sich sagen: Vieles, was Herr Zander berichtet hat, kann von den Aufklärern bestätigt werden“, berichtet Benno Hafeneger, der noch Gespräche mit zwei Schwestern plant, die früher in den Einrichtungen der Gemeinde tätig waren.

Die ehemaligen Heimkinder sollen entschädigt werden – mit bis zu 20 000 Euro

Detlev Zander hatte lange gezögert, sich überhaupt auf das Gespräch einzulassen. Seine Ablehnung begründete er stets damit, dass die Opfer in dem Aufklärungsprozess nicht ausreichend gewürdigt würden. Die Brüdergemeinde hat zugesichert, den Betroffenen in Anerkennung ihres Leids bis zu 20 000 Euro zu bezahlen. Die Gespräche sind freiwillig – aber das Geld erhält nur, wer daran teilgenommen hat. Auch diesen Aspekt hat Zander immer wieder kritisiert.

Über die Auszahlung des Gelds an die einzelnen Opfer entscheidet die sogenannte Vergabekommission. Nach anfänglichen Schwierigkeiten – unter anderem hatte die baden-württembergische Ex-Ministerin Katrin Altpeter die Intransparenz des Verfahrens kritisiert und sich deshalb aus der Kommission zurückgezogen – sind die vier Mitglieder nun benannt. Das haben Elisabeth Rohr und Gerd Bauz, die den Prozess im Auftrag der Brüdergemeinde moderieren, am Mittwoch mitgeteilt.

Die vierköpfige Kommission unter dem Vorsitz der Aufklärerin Brigitte Baums-Stammberger soll erstmals im Februar tagen. Die Namen der Mitglieder bleiben geheim, „um eine größtmögliche Unabhängigkeit sicherzustellen und jede Form von Beeinflussung auszuschließen“, erklären die Moderatoren. So sei man auch bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen vorgegangen.

Das allerdings ist nicht korrekt. In Regensburg wurden die Namen sehr wohl veröffentlicht, sogar auf der Webseite der Domspatzen waren sie zu lesen. Wichtiger für die Opfer dürfte indes sein, dass das Geld tatsächlich fließt. Ausgezahlt werden sollen die Anerkennungsleistungen, wenn alle Opfergespräche geführt sind. Dies soll „nach Möglichkeit“ in diesem Frühjahr der Fall sein, erklären die Moderatoren.




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