Sie waren so nahe dran, aber es hat nicht gereicht. Kein Wunder, dass Markus Gaugisch Anfang der Woche noch am hauchdünn verpassten Play-off-Ticket für die Champions League zu knabbern hatte: „Es ist sehr, sehr schade und extrem bitter, dass wir den Sprung unter die Top 12 nicht geschafft haben“, sagte der Trainer des Frauenhandball-Bundesligisten SG BBM Bietigheim. Ein 47:25 im letzten Gruppenspiel gegen Banik Most hatte nichts daran geändert: Es geht nicht weiter auf der internationalen Bühne für den deutschen Meister, weil der Dreiervergleich mit RK Krim Mercator Ljubljana und Brest Bretagne verloren ging.
Zwölf Punkte reichen nicht
Was die Sache für die SG BBM so ärgerlich macht: Sie hatten in der Königsklasse in dieser Saison gezeigt, dass sie an einem guten Tag jeden schlagen können, auch den norwegischen Titelverteidiger Vipers Kristiansand. „Wenn man die gesamte Champions-League-Saison betrachtet, haben wir uns gut verkauft. Wir haben zwölf Punkte erreicht, das ist ein gutes Resultat“, sagte Gaugisch. Letztendlich konnte sein Team die Matchbälle aber nicht nutzen. Weshalb sich vor dem Bundesliga-Derby an diesem Samstag (18 Uhr/Rundsporthalle) beim Schlusslicht VfL Waiblingen die Frage stellt: Ist dieses Ausnahmeteam für die Bundesliga (26:0 Punkte) zu stark und für die internationale Spitze zu schwach?
Ein Thema, das auch Gaugisch umtreibt. Nicht nur als SG-Coach, sondern auch in seiner Rolle als Bundestrainer. „Natürlich ist es hilfreich, wenn die Spielerinnen in ihren Vereinen so viel internationale Erfahrung wie möglich sammeln“, sagt der 48-Jährige. Deshalb freut er sich auch, dass die Ligakonkurrenten Thüringer HC und Borussia Dortmund immerhin das Viertelfinale in der European League erreicht haben. Diesen Wettbewerb hat die SG BBM in der vergangenen Saison gewonnen.
Siege mit im Schnitt 13 Toren Unterschied
Wie überlegen die Bietigheimer 2021/22 auftrumpften, belegt die Tatsache, dass sie ihre Spiele in der Bundesliga, im DHB-Pokal und in der European League im Schnitt mit 13 Toren Unterschied gewonnen haben. Das zeigt aber auch deutlich: Das Nonplusultra ist die Champions League, nur dort messen sich die Besten der Besten. „Anders als in der Bundesliga wird da jeder Fehler knallhart bestraft, diese Rückmeldung zu bekommen ist für die Weiterentwicklung jeder einzelnen Spielerin enorm förderlich“, sagt Gaugisch.
Müsste ein Team wie die SG BBM nicht auch in der Bundesliga mehr gefordert werden, um international besser bestehen zu können? Und wie könnte das gelingen? Schon länger wird eine Verkleinerung der Liga diskutiert. „Langfristig würde dies die Qualität des Gesamtprodukts erhöhen, und es wäre für die Weiterentwicklung der Sportart, was die Professionalisierung betrifft, sicher hilfreich“, sagt Gaugisch. Doch er stand auch schon auf der anderen Seite. Als Trainer des krassen Außenseiters TV Neuhausen/Erms. In eine reduzierte Männer-Bundesliga hätte er mit dem Zweitligisten 2012 nie den Bundesliga-Aufstieg bewerkstelligen können.
Zeitz setzt auf individuelle Ausbildung
Ähnlich verhält es sich mit dem VfL Waiblingen bei den Frauen, der vor dieser Saison überraschend den Sprung in die Beletage schaffte. „Ich glaube nicht, dass eine Verkleinerung der Liga von 14 auf zehn Teams das allein Seligmachende wäre“, sagt Thomas Zeitz, der Trainer des Bundesliga-Aufsteigers. Für ihn steht und fällt die internationale Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Frauenhandballs mit der individuellen Ausbildung der Spielerinnen: „Diesbezüglich müssen wir mehr investieren und in Deutschland unseren eigenen Weg gehen. Damit wir in Bietigheim nicht nur eine Ausnahmespielerin wie Xenia Smits oder Julia Maidhof haben, sondern zehn. Dadurch wird das Gesamtniveau nachhaltig angehoben.“
Mit seinem VfL stößt er dabei an Grenzen. Zwar sind die Chancen auf den Klassenverbleib bei 2:26 Punkten nicht mehr allzu groß, doch für Zeitz ist wichtig: „Der Verein hat sich durch den Aufstieg nicht ruiniert.“ Sondern kann, wenn er die richtigen Schlüsse daraus zieht, davon profitieren.
Kann Neckarsulm vorne mitmischen?
Zeitz selbst zieht nach der Saison weiter. Weg von Waiblingen (Zeitz: „Wir haben vielleicht ein Zehntel des Etats von Bietigheim“) hin zum Ligarivalen Sport-Union Neckarsulm. Dort findet er finanzielle Voraussetzungen vor, die deutlich näher an denen der SG BBM als am VfL liegen. Mittelfristiges Ziel mit der Sport-Union ist das internationale Geschäft. Womit man auch im Unterland seinen Teil zur Weiterentwicklung im deutschen Frauenhandball beitragen würde.