Nach 105 Sekunden Spielzeit verstummt der Bieberer Berg. Das ehrwürdige Stadion – wenn auch inzwischen neu gebaut –, in dem die Kickers Offenbach einst sieben Jahre Fußball-Bundesliga spielten und in dem die Karrieren von Weltmeister Rudi Völler und Europameister Otto Rehagel so richtig begannen. 5864 Zuschauer sind an diesem Freitag gekommen. Doch zu hören ist jetzt für einen Moment nur noch ein Grüppchen von 25 Personen. Es sind die Fans des SGV Freiberg. Jenes Vereins, der erstmals in der Regionalliga spielt. Und der – obwohl er Profifußballer wie den HSV-Kapitän Tim Leibold und die Zweitliga-Ikonen Marco Grüttner und Marc Schnatterer hervorgebracht hat, auf dieser großen Fußballbühne derart unbekannt ist, dass der Stadionsprecher ihn einmal als „die oder der“ SGV betitelt und parallel der Kickers-Kommentator im Livestream sich fälschlicherweise ganz auf „die“ SGV festlegt.
Doch dieser Sport- und Gesangverein ist es, der am Bieberer Berg per Kopfball zur Führung trifft und seine 25 Fans in Ekstase versetzt. In den Jubel mischt sich der Rhythmus der mit dem Vereinslogo beklebten Trommel. Die drei SGV-Fahnen werden jetzt mit stolzgeschwellter Brust geschwenkt. Nur der Aufstieg 2022 durch ein Tor in der schon abgelaufenen Nachspielzeit dürfte für SGV-Fans emotionaler gewesen sein. Ihr abstiegsbedrohtes Team, es führt bei denen um den Aufstieg spielenden Kickers. Ein Moment, für den schon jeder der 205 Kilometer Anfahrt lohnte.
Diese Anfahrt war sowieso etwas Besonderes. Denn erstmals in der Saison charterte der SGV einen Fanbus. Der war nur halb besetzt. Die gute Stimmung bei den Mitfahrenden, vom Rentner bis zu jungen Frauen, bremste das aber nicht. Sie stammen fast alle aus Freiberg oder sind zugezogen.
Einer von ihnen ist Joe Traub. Er nahm einen Tag Urlaub, um dabei zu sein. Sowieso begleitet er den SGV seit dem Aufstieg zu jeder Partie. Normalerweise im Auto mit drei Freunden. Ob nach Kassel, Trier oder ins Schneetreiben von Homburg. „Wir genießen dieses Jahr einfach, egal wie es am Ende ausgeht. Die Regionalliga ist für uns eine ganz andere Hausnummer“, schwärmt er, während der Bus bei Pleidelsheim in den stockenden Verkehr der A 81 biegt. Auswärtsspiele sind für Joe – im Bus kennt man sich – eine Abwechslung, weil er von den Heimspielen als Teil des Orgateams wenig mitbekommt. Auswärts heißt es: genießen statt schaffen. Auch wenn man in Trier aus dem Nichts dumm angemacht worden sei. „Man wird plötzlich als Gegner wahrgenommen“, so Joes Eindruck. Beim SGV war er Jugendtrainer, dem Verein ist er eng verbunden. Das ist auch Werner Brandenburger, der zwei Reihen vor ihm sitzt. Er war lange Betreuer der ersten Mannschaft. Die heutige Reise tritt er mit blau-weißem Schal an.
Am Weinsberger Kreuz sind die ersten Bierflaschen leer
Am Weinsberger Kreuz, das Radio ist inzwischen aufgedreht, ist Zeit für Nachschub. Die ersten Bierflaschen sind leer. Die Kosten für Getränke sind inbegriffen, auf Nichtalkoholisches greift fast nur, der Job will es so, der mitfahrende Redakteur zurück.
Die gute Stimmung saugt auch Hagen Henker auf. Er ist mit dem Verein, damals noch dem Vorgängerklub SGV Heutingsheim, aufgewachsen und trägt ihn bis heute im Herzen. Seine Gedanken drehen sich nicht nur um den Gegner, bei dem er zuerst an den DFB-Pokalsieg 1970 und den Bundesliga-Skandal mit geschobenen Spielen ein Jahr später denkt. Sondern auch darum, wie sein SGV abschneiden wird. „Dass wir sportlich mithalten können, haben wir mehrfach bewiesen.“ In der Vorwoche gab’s ein 1:0 gegen Hessen Kassel, im Hinspiel gegen Offenbach ein 2:2. Als im Bus schon kein Sender mehr ausm Ländle läuft, schwingt in den Gesprächen weiterhin Hoffnung mit, dass der Tag auch sportlich erfolgreich wird.
Mal mit dem FC Bayern unterwegs, mal mit dem SGV
Apropos sportliche Erfolge: Von den können die beiden Fans Patrick Geiger und Patrick Schallmeir viel berichten. Die beiden, 28 und 26 Jahre alt, reisen sonst durch Europa, um Bayern München spielen zu sehen. Immer wieder, wie heute, geht’s auch zum SGV. „Freiberg, das ist Heimat und Leidenschaft“, sagt der Ältere der beiden. Das Handgelenk des IT-Experten ist bestückt mit Bändchen von Metal-Festivals. Mittendrin: ein blaues von den Heimspielen des SGV Freiberg. Bei denen geht’s für gewöhnlich ruhiger zu. Doch Leidenschaft ist Leidenschaft.
Und wie wird es jetzt in Offenbach? Auf dem sonst auto- und menschenleeren Gästeparkplatz stößt gleich die Polizei hinzu. Die Beamten weisen darauf hin, dass manche Offenbacher Fans nicht immer einfach im Umgang sind. Vom SGV-Tross ist das nicht zu erwarten. Das merken auch die Polizisten schnell. Bevor sie den Tross durch den Wald zum Stadion begleiten, kommen sie wie die ganze Gruppe in den Genuss von selbstgemachten, schwäbischen Fleischküchle. Die lassen das hessische Herz offensichtlich höher schlagen. Gestärkt, und mit Trommel, wehenden Fahnen und Sprechchören geht’s zum Stadion. Ja in eine andere Fußballwelt. „Schon die Schulklasse da drüben besteht aus mehr Leuten als wir“, stellt einer fest, als man sich zum Gruppenfoto aufstellt. Die Runde lacht. Man ist nun mal ein kleiner Verein. Der Gästeblock? Wird gar nicht erst geöffnet, die Freiberger kommen auf der Seite der Haupttribüne unter. Von dort aus heißt es das ganze Spiel über: „SGV! SGV! SGV!“ oder „Auf geht’s Freiberg schieß ein Tor“.
Die sportliche Sensation bleibt aus
Und tatsächlich: Die Mannschaft hält mit und lässt sich von der Heimkulisse nicht unterkriegen. Warum auch, viele SGV-Spieler waren schon in höheren Ligen aktiv. Das Glücksgefühl der frühen 1:0-Führung hält dennoch nur 218 Sekunden an, ehe Offenbach ausgleicht. Ein Elfmeter bringt die Kickers gar 2:1 in Front, und die Schlussoffensive der Freiberger bleibt unbelohnt. Die Überraschung bleibt aus.
Während die Polizei den Bus wenig später bis zur Autobahn begleitet, ist der Ärger darüber und über das unnötige Foul beim Elfer verflogen. Unverständnis herrscht vielmehr darüber, dass die Mannschaft, mit Ausnahme von vier, fünf Spielern, es nicht für nötig gehalten hatte, sich nach dem Abpfiff bei ihnen als mitgereiste Fans mit einer Geste oder einem Abklatschen zu bedanken.
So endet einer der größten Tage der Klubgeschichte doch mit einer Enttäuschung. Und einmal mehr der Erkenntnis, dass der SGV sportlich auf dem Höhenflug ist. Dass es an Gemeinschaft und Identifikation an manch entscheidender Stelle aber zu fehlen scheint. Das zeigt der Dauerzwist zwischen der Stadt Freiberg und dem Verein, was Stadion und Trainingsbetrieb angeht. Und das bringt einer der Fans auf den Punkt, als er den Blick durch die Sitzreihen schweifen lässt. „Bei jedem anderen Verein, und wäre es ein Kreisligist, wäre dieser Bus bei so einem Spiel voll gewesen. Auch freitags.“
Die Fahrt bereut trotzdem niemand. Ganz im Gegenteil. Was die Fans von Großaspach mal passend plakatierten, trifft auch auf sie zu: Sie sind halt wenige. Aber sie sind treu.